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Gbureks Geld-Geklimper

Mario Draghis Phantome und die Folgen

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Der EZB-Rat hat beschlossen, unkonventionelle Instrumente anzuwenden. Dazu gehört auch die Wechselkurspolitik. Schon im Juni sind deshalb Börsenturbulenzen zu erwarten.

EZB-Chef Mario Draghi hat sich festgelegt: Im Juni sollen „sowohl konventionelle als auch unkonventionelle Instrumente“ zum Einsatz kommen. Das ist erst ein paar Wochen her und gilt, obwohl von großer Tragweite, schon als so gut wie beschlossen. Börsianer sind deshalb zuletzt in Erwartung einer neuen Geldspritze dem kollektiven Rausch verfallen, auch weil Draghi das Juni-Timing zwei Wochen später nochmals eindeutig vorgegeben hat. Sie haben in den Kursen bereits viel vorweggenommen. Würde Draghi in einem Monat keine unkonventionellen Instrumente einsetzen, könnten die Konsequenzen an den Finanzmärkten katastrophal sein. Draghi hat sich also unter Zugzwang gesetzt. Dies umso mehr, als er vor Kurzem betonte, nicht etwa er allein, sondern der ganze EZB-Rat habe sich zum Einsatz solcher Instrumente „einstimmig verpflichtet“.

Nur, um was für Instrumente handelt es sich? Um alle denkbaren, und zwar auch jenseits einer noch expansiveren Geldpolitik und sogar jenseits eines umfangreichen Wertpapierkaufprogramms: Zur Debatte steht nicht weniger als eine aktive Wechselkurspolitik, leicht zu identifizieren als Schwächung des Euro. Neulich spielte Draghi mit dem Gedanken, eine solche Politik zu praktizieren, um die Inflation in Schwung zu bringen. Die bis dahin stattgefundene Euro-Aufwertung, sagte er, sei eine Gefahr für die Erholung der Konjunktur. Damit spielte er den schwachen Euroländern in die Karten. Nicht von ungefähr quittierte Frankreichs Regierung Draghis Vorschlag mit Beifall. Dagegen bleibt die Bundesregierung bei ihrer strikten Ablehnung eines Eingriffs in die Wechselkurse – mittlerweile so gut wie allein.

Die offizielle Inflationsrate ist ein Phantom 

Man kann sich nun leicht ausmalen, wie es weiter geht: Die allseits mit Spannung erwartete, aus Sicht der EZB wahrscheinlich immer noch viel zu niedrige Mai-Inflationsrate für den Euroraum wird der Auslöser für die neue EZB-Wechselkurspolitik sein. Ganz nach dem Motto: Was den Amerikanern und zuletzt den Japanern wie auch den Chinesen recht ist, muss für die Europäer billig sein. Zumal das EZB-Inflationsziel von etwas unter 2 Prozent nach wie vor gilt, aber eben noch nicht erreicht ist. Und damit die neue Politik glaubwürdig erscheint, wird man sie letztlich auch mithilfe des Arguments durchzusetzen versuchen, bei weiterer Passivität in Sachen Wechselkurse drohe Deflation.

Diese Entwicklung ist im Großen und Ganzen so gut wie programmiert. Doch im Detail offenbaren sich Ungereimtheiten. Sie beginnen mit der offiziellen Inflationsrate: Was taugt sie als Indikator  und als Zielvorgabe, da sie doch in jedem Land der Eurozone anders ausfällt? Was taugt sie, wenn in Deutschland Nahrungsmittel mit einem Anteil von nur 10,3 Prozent und Strom mit mickrigen 2,6 Prozent am sogenannten  Warenkorb in die Statistik eingehen, wenn für das Gros der Bevölkerung jedoch viel höhere Anteile gelten müssten? Oder wenn diese Anteile noch weit darüber hinaus gehen, falls man spanische oder gar griechische Haushalte zugrunde legt? Keine Frage, die offizielle Inflationsrate als Indikator und Zielvorgabe ist ein Phantom, die von diesem Phantom abgeleiteten Inflationserwartungen sind es nicht minder.

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