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Der Bundestagswahlkampf nähert sich der heißen Phase und die ersten Wahlplakate werden gedruckt. Quelle: dpa

Deutsche Wahlen: Ein großes Ereignis für Deutschland, ein kleines für die Kapitalmärkte

Die Bundestagswahlen sind ein untergeordnetes Ereignis für die Kapitalmärkte. Dennoch gibt es, je nach Wahlausgang und Koalitionsverhandlungen: Drei Themen, die für die Kapitalmärkte bedeutsam werden könnten.

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Vor einem Jahr befanden sich die Kapitalmärkte in großer Anspannung. Neben Corona und der Jagd nach einem Impfstoff dominierte die Frage: Gibt es eine zweite Amtszeit für Donald Trump als US-Präsidenten? Nicht nur, dass seine Politik des „America First“ die internationalen (Handels-) Beziehungen durcheinandergewirbelt hatte, auch die Beziehungen zu Deutschland hatten sich merklich abgekühlt.

Die US-Aktien- und Rentenmärkte sind die dominierenden Kapitalmärkte und die Trendsetter der Welt. So weisen globale Rentenindices, je nach Index, die US-Anleihen mit einem Anteil von über einem Drittel aus, globale Aktienindizes die US-Aktien mit einem Anteil zwischen 40 und 50 Prozent. Was an den US-Kapitalmärkten passiert, betrifft somit alle Investoren, die global tätig sind und entscheidet nicht selten über die Gesamtperformance eines Portfolios. Die US-Wirtschaft stellt etwa ein Viertel der globalen wirtschaftlichen Aktivität, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), und die US-Notenbank, deren Führungsspitze auch immer von der jeweils amtierenden Administration geprägt werden kann, ist die Leit-Notenbank der Welt.

Das macht schon deutlich, wie groß der Unterschied zu Deutschland aus Sicht der globalen Kapitalmärkte ist. Deutschland allein macht weniger als 5 Prozent des weltweiten BIP aus, beim Anteil an den Anleihemärkten liegt es eher unter 5 Prozent und beim Anteil an den globalen Aktienmärkten eher bei bescheidenen 2 bis 3 Prozentpunkten.

Natürlich sind deutsche Wahlen für einen deutschen Staatsbürger genauso wichtig wie US-Wahlen für einen amerikanischen Bürger, aber für die globalen Kapitalmärkte sind sie isoliert gesehen wenig bedeutend. Das gilt auch für die deutsche Notenbank: Auch wenn die hiesige Regierung die Bundesbankspitzen benennt, die Bedeutung der Bundesbank ist mit Übergabe wesentlicher Funktionalitäten an die Europäische Zentralbank EZB verloren gegangen und das Gedankengut der Bundesbank – das ließ sich in den vergangenen zehn Jahren mehrfach beobachten – wird von der Mehrheit in der EZB-Spitze wenig geschätzt, selten berücksichtigt und auch nicht weitergetragen.

Damit stellen die deutschen Wahlen zwar ein großes Ereignis für Deutschland dar, aber nur ein kleines für die globalen Kapitalmärkte. So klein, wie es der nominalen Bedeutung Deutschlands in der Welt entspricht, ist es aber für die Kapitalmärkte nicht. Die indirekten Effekte der deutschen Wahlen und der daraus resultierenden Regierung sind hier nicht zu unterschätzen: Da spielt zum einen der generelle Trend eine Rolle, den Deutschland für die EU maßgeblich mitbestimmt, da spielen zum anderen einzelne Themen und Tendenzen, die sich in Deutschland im Wahlkampf darstellen, wie die Frage wie man in dem größten Land der EU mit dem Verbrennungsmotor weitermacht, ob man Aktiensparen fördert oder sogar einen Staatsfonds ins Leben ruft oder wie viele Kompetenzen noch an Brüssel abgegeben werden sollen.

Spannend und sonderbar ist der Wahlkampf in Deutschland. Sonderbar, weil auch hier der Einfluss von Corona zu spüren ist, es ist zumindest der „digitalste“ Wahlkampf, den ich bislang erlebt habe. Und spannend, finde ich, wie nie. Mit Blick auf die aktuellen Wahlprognosen – auch wenn zuletzt die Treffgenauigkeit der Wahlprognosen intensiv diskutiert worden ist – dann sind zwei „Große Koalitionen“ im Bereich des Möglichen: Schwarz/Grün und zuletzt auch Schwarz/Rot, aber auch vier Dreier-Koalitionen; „Jamaika“ (CDU/CSU, FDP, Grüne), die „Deutschland-Koalition“ (CDU/CSU, SPD, FDP), die „Ampel“ (SPD, FDP, Grüne) und rechnerisch auch „Kenia“ (CDU/CSU, SPD, Grüne). Eine grün-rot-rote Koalition (Grüne, SPD, Linke) scheint nach den jüngsten Umfragen wohl rechnerisch kaum möglich zu werden.

So spannend die Offenheit des Rennens für den deutschen Wähler ist, so ermüdend ist so eine Diskussion für internationale Investoren. Hinzu kommt, dass anders als bei den US-Präsidentschaftswahlen ja mit dem Feststehen des Wahlergebnisses nicht unmittelbar eine Richtung der Regierungspolitik feststeht, die sich einpreisen ließe. Es muss nicht mal der wahrscheinlichste Kanzler feststehen. Das bedeutet: Deutschland und die Kapitalmärkte dürften selbst am Wahlabend keine Klarheit über den neuen Kanzler oder die neue Kanzlerin haben, geschweige denn, auf welche Kompromisse sich in den Koalitionsverhandlungen die Positionen der Parteien zubewegen könnten. Damit erscheint naheliegend, dass sich die Kapitalmärkte rational nicht auf ein Ergebnis der deutschen Wahlen vorab positionieren sollten. Die rationale Strategie dürfte vielmehr sein, mit der Positionierung nach dem Wahlabend zu beginnen, zumindest solange das Rennen so offen bleibt.



Was klar ist: Das Wahlergebnis hat hohe Chancen aus deutschem Blickwinkel historisch zu werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es eine Koalition, die so im Bund noch nie regiert hat (alle Dreierbündnisse und Schwarz/Grün fallen in diese Kategorie) und sicher abgelöst wird, weil nicht mehr zur Verfügung stehend, eine Kanzlerin, die über 16 Jahre den Kapitalmärkten Kontinuität gab, und ich denke auch, ein Gefühl, im Notfall in Europa, insbesondere aber in der Eurozone, nichts anbrennen zu lassen.

Damit bleiben aus meiner Sicht drei „Top“-Themen, die je nach Wahlausgang und Koalitionsverhandlungen für die Kapitalmärkte bedeutsam werden könnten:

  1. Förderung von Aktiensparen, insbesondere Schaffung eines Staatsfonds für die Altersvorsorge.
  2. Incentivierung von marktwirtschaftlich motivierter Einzelinitiative versus fortgesetzter oder intensivierter Staatsinterventionismus.
  3. Bestätigung oder Hinterfragen des Trends, immer mehr Kompetenzen an Brüssel abzutreten, insbesondere, ob staatliche Transfers – wie im NEXT Generation EU – Programm gegen die Pandemie – zum Standard werden oder Einzelfall bleiben.

Dass die Wirtschaftspolitik „grüner“, das heißt stärker Umweltschutz und Klima berücksichtigen wird, ist aus meiner Sicht unabhängig vom Wahlausgang gesetzt und auch von den Kapitalmärkten bereits eingepreist. Sicher werden sich aber hier für einzelne Sektoren und Unternehmen klarere Implikationen im Prozess der Ausgestaltung von Koalitionsverhandlungen ergeben. Die Kapitalmärkte werden sich meines Erachtens nach den Wahlen und während der Regierungsbildung auf die Positionierung der neuen Regierung im Hinblick auf die EU fokussieren.

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