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Werbung für eine Video-App in der U-Bahn von Peking Quelle: imago images

In China wird es weitere Einschränkungen geben

Maximilian Kunkel Quelle: PR
Maximilian Kunkel Chief Investment Officer, UBS Wealth Management Germany & Global Family Office Zur Kolumnen-Übersicht: Geldanlage global

Durch die Verschärfung regulatorischer Maßnahmen in einigen bei ausländischen Anlegern beliebten Sektoren Chinas, wie Internet, Bildung oder Gesundheitswesen, ist es zuletzt zu größeren Verwerfungen gekommen. Diese sollten jedoch nicht als breitangelegter Angriff auf den Privatsektor interpretiert werden. Worauf Anleger jetzt achten sollten.

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Es mag nur ein Zufall sein, dass Chinas Regierung in so verschiedenen Bereichen in so kurzer Zeit unterschiedliche Regulierungsmaßnahmen angekündigt hat. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass sich aus Sicht der Behörden angesichts des derzeit außergewöhnlich starken globalen Wirtschaftsumfelds und des 20. Nationalen Parteitags im nächsten Oktober dafür jetzt ein günstiges Zeitfenster geöffnet hat. Die jüngste Initiative etwa verbietet es Anbietern von Schullehrprogrammen unter anderem künftig Gewinne zu erzielen oder an die Börse zu gehen. Ich glaube jedoch nicht, dass dies als breitangelegte Kriegserklärung gegenüber dem Privatsektor interpretiert werden sollte.

Privatunternehmen sorgen für 50 Prozent der Steuereinnahmen, stellen 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 70 Prozent der High-Tech-Innovationen, 80 Prozent der städtischen Beschäftigung und fast 90 Prozent der neugeschaffenen Arbeitsplätze. Es wäre nicht in ihrem Sinne, wenn die Zentralregierung eine solche negative Haltung einnehmen würde. Man sollte auch Bedenken, dass alle Kapitalmarktreformen und -öffnungen, die wir in letzter Zeit sahen, darauf ausgerichtet waren, China für ausländisches Kapital attraktiver zu machen.

Stattdessen sollte der Eingriff im Bildungssektor als Reaktion auf die zunehmende soziale Ungleichheit und eine fehlerbehaftete Familienpolitik betrachtet werden. Auch wenn es mittlerweile erwünscht ist, drei Kinder zu haben, können und wollen sich die meisten Familien in den Großstädten Chinas keine drei Kinder leisten, weil die Bildungskosten so hoch sind. Die Kosten der Nachhilfekurse für ein Kind machen häufig über 20 Prozent der Gesamtausgaben einer Familie aus. In Kombination mit hohen Immobilienpreisen und steigenden Gesundheitskosten ist es kaum verwunderlich, dass Familien sich für nur ein Kind entscheiden.

Auch wenn von weiteren regulatorischen Schritten auszugehen ist, denke ich nicht, dass die chinesischen Behörden in anderen Branchen ähnlich radikale Eingriffe wie im Bildungssektor vornehmen werden. Dies gilt für Bereiche, die ebenfalls für das öffentliche Wohl relevant sind und entsprechend erhöhter regulatorischer Aufsicht unterstehen, zum Beispiel das Gesundheitswesen oder der Immobiliensektor.

Es gilt aber auch für den Internetsektor. China strebt nach technologischer Unabhängigkeit und Vorherrschaft in vielen technologiegetriebenen Zukunftsbranchen. Die Regierung wird daher den Internetsektor nicht in einen gemeinnützigen Sektor verwandeln. In Bezug auf die drei Schlüsselbereiche der zunehmenden Regulierung in dieser Branche, nämlich erstens Fintech-Kreditmodelle, zweitens Eindämmung der übermäßigen Erhebung und Verwendung personenbezogener Daten und drittens Einschränkung von wettbewerbswidrigen Praktiken, sind wir jedoch noch nicht am Ende. Gerade die letzten beiden Regulierungsbereiche unterscheiden sich nicht sehr von dem, was beispielsweise in den USA seit einiger Zeit diskutiert wird.

China greift jedoch im Unterschied zu den USA beherzter durch, was den signifikanten Bewertungsabschlag von chinesischen zu amerikanischen Technologietiteln erklärt. Kurzfristig wird die höhere regulatorische Unsicherheit bedeuten, dass dieser Bewertungsabschlag wahrscheinlich nicht verschwinden wird. Mittelfristig sollten die Maßnahmen jedoch der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft des chinesischen Technologiesektors zugutekommen – und Anlegern gesundes Wachstum bieten.

Investoren sollten in diesem Segment Unternehmen bevorzugen, die widerstandsfähige Bilanzen aufweisen und deren Geschäftsmodell durch die Regulierung nicht existenziell gefährdet ist. Regulierung in China ist, wie in anderen Ländern auch, einerseits ein Risiko, aber auch eine Chance für Investitionen in Bereiche, die von der Regulierung begünstigt werden. Mit Bezug auf den Technologiesektor könnten beispielsweise Unternehmen mit innovativen Schlüsseltechnologien wie 5G oder die Halbleiterindustrie profitieren.

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Worauf sollte man sich als Anleger taktisch in China konzentrieren? Vor allem auf die Bereiche, die von den erklärten politischen Prioritäten der Regierung und von der zyklischen Erholung im Inland profitieren. Also Konsumgüter und Dienstleistungen sowie Umwelttechnologien wie erneuerbare Energien oder batteriebetriebene Mobilität. Dies spricht auch für Anleger mit Zugang zu diesen für A-Aktien, also Titel von Unternehmen, die an Börsen auf dem Festland notiert und gehandelt werden, da dieser Markt stärker auf diese Bereiche ausgerichtet ist.

Mehr zum Thema: Lange konnten Chinas Techkonzerne praktisch unreguliert wachsen. Jetzt greift die Partei durch. Infolgedessen brechen Aktienkurse ein. Doch Pekings Regulierung hat eine Logik. Eine Anlegeranleitung für den Kaderkapitalismus.

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