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Geldanlage global
Düsterer Ausblick auf die Börsen: Bär erhebt sich gegen Bullen. Quelle: Getty Images, Montage

Kapitalsicherung hat jetzt oberste Priorität

Für Anleger hat in wirtschaftlichen Krisen die Kapitalsicherung höchste Priorität. Kein leichtes Unterfangen. Doch mit der richtigen Strategie ist auch das möglich.

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Vergangene Woche hat die Weltgesundheitsorganisation WHO den Corona-Virus zu einer globalen Pandemie erklärt. Die Hoffnung sowie die frühe Erwartung der Märkte, das Verlaufsmuster und die Eindämmung des Corona-Virus würde ähnlich erfolgen wie bei Sars, hat sich nur teilweise erfüllt. In China konnte mit einem sehr entschiedenen Vorgehen die Ausbreitung der Epidemie eingedämmt werden. Die globale Eindämmung ist allerdings fehlgeschlagen.

Seit Ende Februar hat das Festland Chinas nur etwas über 1000 neue Fälle dazubekommen, dagegen kamen in Europa deutlich über 60.000 neue Fälle dazu. Der Rest der Welt hat China inzwischen in der Anzahl der bestätigten Fälle überholt. Zum Vergleich: In der Sars Epidemie gab es in China inklusive Hongkong etwa 8000 Fälle, in Europa aber nur 34. In diesen Tagen ist Europa aber zu einem zweiten „Hotspot“ des Corona-Virus geworden, und zwar zu einem, in dem aktuell keine Anzeichen für eine erfolgreiche Eindämmung zu sehen sind. Kurz gesagt: Die Gefahr, das Risiko eines „Schwarzen Schwans“ ist keine Gefahr, kein Risiko mehr, sie ist bittere Realität.

Damit einhergehend hat sich schon im ersten Quartal der neuen Dekade gezeigt, dass das „goldene Jahrzehnt“ tatsächlich vorbei ist, das Jahrzehnt von 2010 bis 2019, das ohne eine große Korrektur an den US-Aktienmärkten von über 20 Prozent stattfand. Wir sind in einen der schnellsten „Bärenmärkte“ der Geschichte gerutscht.

Die Kapitalmärkte stehen derzeit wie ein wankender Boxer da. Wenn der Corona Virus sozusagen für eine nicht ablassende Folge von rechten Haken verantwortlich ist, wird der linke Haken oft übersehen. Am ersten Märzwochenende hatten wir ein zweites Ereignis, das auf die kürzere Frist ebenfalls erhebliche Kapitalmarktauswirkungen haben wird, und für den formidablen Kursrutsch mitverantwortlich zeichnete: Der Crash des Ölpreises auf fast 30 US-Dollar pro Barrel als Folge des Auseinanderbrechens des „Opec +“-Bündnisses und eines sich über dieses Wochenende eingeläuteten Preiskampfs zwischen den beiden weltweit größten Exporteuren: Saudi-Arabien und Russland.

Ein solcher Preisrutsch war in dieser Größenordnung an einem Tage prozentual zuletzt 1991 erfolgt. Vergleichbar war dies damals nicht, es handelte sich um die Erleichterung nach dem erfolgreichen Start der Bodenkämpfe zur Befreiung Kuwaits. Die relative Dynamik dieses Preisrutsches zu den Preisbewegungen der vorangehenden zwölf Monate ist deutlich höher, auch höher im Vergleich zur Schieflage bei der Metallgesellschaft oder der von LTCM. Ein solches Volatilitätsevent zwingt Marktteilnehmer immer wieder, Assets mit Gewinn zu verkaufen. So ist es eben auch zu erklären, dass an manchen Tagen neben Aktien auch US Staatsanleihen und Gold an Wert verlieren können.

Um bei dem Vergleich zum Boxer zu bleiben: Man versucht, die Kapitalmärkte für die nächsten Runden zu stabilisieren. Geld- und Fiskalpolitik haben äußerst entschieden reagiert, allen voran die US Notenbank Federal Reserve, die nach einer Zinssenkung um 50 Basispunkte am Sonntag den Leitzins nochmals um 100 Basispunkte senkte und de facto nun wieder bei einer Nullzinspolitik angelangt ist. Und die Fiskalpolitik läuft gerade an. So haben deutsche Politiker angekündigt, neben dem leichteren Zugang zu Kurzarbeitergeld alles zu tun, was nötig ist. Nicht kleckern, sondern klotzen ist angesagt.

Märkte reagieren und sie dürften auf fiskalpolitische Maßnahmen auch deutlicher reagieren als auf geldpolitische. Losgelöst davon sind entscheidende Details der Pandemie immer noch nicht klar. Die Gesundheitssysteme sind in manchen Ländern wie Italien überfordert. Immer klarer wird, dass es insbesondere bei kleinen und Cash-Flow-intensiven Unternehmen nicht nur um das Risiko einer Rezession sondern durch Wegbrechen von Einnahmen auch um das akute und existenzielle Solvenzrisiko geht.

Ein Rennen, Hase gegen Igel: Auf jede positive Meldung kommen zwei oder drei negative. Die Fallzahlen und die Todesraten in Italien steigen stark an, auch Frankreich und Spanien sind im Lockdown. In der Flüchtlingskrise undenkbar, werden nun im europäischen Schengenraum Grenzkontrollen wieder eingeführt. Die vielfach geäußerte Annahme, dass das alles zu managen sei, ohne die wirtschaftlichen Lieferketten der Unternehmen negativ zu beeinträchtigen, ist nicht überzeugend. Eine Rezession in Europa dürfte nicht mehr zu vermeiden sein. Das Stakkato der negativen Meldungen, die das Konsumenten- und Investorenvertrauen belasten, überwiegt den positiven Nachrichtenstrom der entschiedenen Gegenmaßnahmen.

Was bedeutet das für den Anleger? Wir sind derzeit an den Kapitalmärkten in einer Phase, in der die Kapitalsicherung und der Kapitalschutz höchste Priorität haben sollten. Portfoliodiversifikation bleibt unabdingbar. Robustheit der Portfolien eine weitere Notwendigkeit. Asymmetrische Strategien, die das Portfolio absichern, bleiben erste Wahl, sind aber inzwischen nicht mehr einfach zu realisieren. Zum Beispiel ist durch die Volatilitätssprünge der Preis für Absicherungen mit Puts in die Höhe geschossen.

Die ökonomische Sinnhaftigkeit, eine Absicherung zu exzessiven Preisen vorzunehmen, ist nicht mehr zu jedem Zeitpunkt gegeben. Zentral muss in dieser Situation die Überprüfung der persönlichen Risikotoleranz sein: Die langfristigen Positionen in risikoreichen Anlagen müssen auch durchgehalten werden können, soll heißen, absehbare Zahlungsströme sollten gesichert sein, um nicht Notverkäufe in hochvolatilen und eventuell illiquiden Phasen durchführen zu müssen.

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