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Geldanlage vom Computer Aktien mit weniger Nervenkitzel

Die Chefin des computergesteuerten Aktienmanagements bei Sal. Oppenheim, Irina Sidorovitch, über ihre risikominimierende Strategie und die Schwäche der vom Finanzvertrieb bejubelten Smart-Beta-Produkte.

Wie Irina Sidorovitch bei Sal.-Oppenheim- Aktienfonds die Risiken minimiert. Quelle: Presse

Die starken Kursbewegungen an den Aktienmärkten schrecken Investoren ab. Viele Geldverwalter versuchen daher mit speziellen Strategien, die Kursbewegungen für den Anleger zu glätten. Häufig kommen allerdings dann die Renditen unter die Räder. Hier erklärt die Chefin des Quantitativen Aktienmanagements bei Sal. Oppenheim, Irina Sidorovitch, mit welcher Strategie das Haus seine erfolgreichen Low-Volatility-Aktienfonds verwaltet.

Frau Sidorovitch, Sie sind verantwortlich für einen Aktienfonds, der die Risiken des Aktienmarktes tatsächlich reduziert hat und dabei nicht auf Derivate setzt. Wie gehen Sie vor?
Bei dem Fonds ist einerseits die Auswahl von Einzelaktien entscheidend, aber dann auch die Gewichtung der Aktien im Depot. Beides zusammen sorgt dafür, dass das Risiko des Portfolios verringert wird. Der europäische Low-Vola-Fonds besteht aus rund 100 Einzelaktien und die sind zudem so zusammengestellt, dass das Portfolio in einem fallenden Markt weniger verliert als der Index und die Kurse der ausgewählten Aktien weniger stark schwanken. Seit Auflage des Fonds hat er 14,4 Prozent verdient bei einer Volatilität von 15. Der MSCI Europa mit seinen 450 Einzelwerten hat hingegen hat nur 3,5 Prozent verdient und eine Volatilität von 19. Wir haben also etwa 80 Prozent der Schwankungen des Aktienmarktes auch in unserem Portfolio, verlieren aber in einem fallenden Markt weniger. Auf lange Sicht erzielt der Anleger damit eine aktienähnliche Rendite, in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt jährlich 13,5 Prozent.

Zur Person

Und wie funktioniert die Auswahl?
Wir nehmen den Index MSCI Europa mit 450 Aktien und lassen jede durch den Qualitätsfilter unseres Computersystems laufen. Es sortiert in attraktive und weniger attraktive Aktien. Dazu zieht es Kennziffern wie die Bewertung, das Gewinnwachstum, die Finanzstärke und Analysteneinschätzungen heran. Die meisten Daten beruhen auf den fundamentalen Daten jedes Unternehmens. Hinzu kommen technische Indikatoren wie das 12-Monats-Momentum, wir wollen ja schließlich nicht ins fallende Messer greifen. Aus den Kennzahlen erstellen wir eine Attraktivitätsprognose für jedes einzelne Unternehmen. Die bringen wir in eine Reihenfolge und treffen danach unsere Investitionsentscheidung. Aus der risikogewichteten Zusammenstellung des Depots ergibt sich ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis als beim Index.

Nahezu jeder Vermögensverwalter setzt heute quantitative Filter bei der Aktienauswahl ein, weil sich ansonsten die Datenflut nicht bewältigen lässt. Wo ist der Unterschied bei Ihnen?
Das, was ein aktiver Fondsmanager bei der Analyse auch anwendet, ist bei uns im Programmcode des Computers fixiert. Wir vermeiden es aber, durch menschliche Eingriffe prozyklisch zu agieren oder an Lieblingswerten festzuhalten. Das System sorgt für Disziplin. Eine kurzfristige Meldung zu einem Unternehmen, etwa zu Studien bei der Medikamentenzulassung, beeinflusst kurzfristig den Kurs meist zu positiv oder negativ. Da ist es gut, Ruhe zu bewahren und einfach mit den quantitativ ausgewählten Investments weiterzumachen.

Indexfonds-Geschichte: Zufälle und Pioniere

Wohin tendiert das System derzeit?
Wir halten rund 100 europäische Aktien. Dazu gehören einige Schweizer Unternehmen, Konsumgüterproduzenten und Gesundheitsaktien, aber auch Rohstoffkonzerne wie Fresnillo oder Randgold als Beimischung. Das hat sich etwa in den Brexit-Wirren ausgezahlt, denn die Aktien haben damals einen Kursgewinn verbucht. In britischen Werten waren wir im Juni neutral positioniert, also hatten etwa die gleiche prozentuale Gewichtung wie der Index. Wir waren aber bei Unternehmen investiert, die weniger stark vom Binnenmarkt abhängen wie Haushaltsreiniger-Spezialist Reckitt Benckiser, dem Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline oder Zigarettenhersteller Imperial Brands, die weltweit aktiv sind. Die Zusammensetzung kann sich aber schnell ändern, denn das Portfolio wird monatlich überprüft und angepasst. Um Klumpenrisiken zu vermeiden liegt das maximale Portfoliogewicht einer Aktien bei zwei Prozent.

Deutschland hat im Europa-Aktienindex von MSCI einen Anteil von 14 Prozent, in ihrem Fonds kommt es aktuell nur auf sechs Prozent. Ein schlechtes Zeichen?
Die Ländergewichte entstehen durch die Aktienauswahl und da hat Deutschland mit den großen Titeln aus der Versorgerbranche, Banken und Autowerten derzeit nicht viel zu bieten, denn die haben alle eine zu hohe Volatilität.

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