Geschlossene Börsen Sind Börsenschließungen auch in Deutschland möglich?

Wäre auch in Deutschland eine Börsenschließung wie aktuell in Moskau möglich? Quelle: dpa

Moskaus Börse ist geschlossen, der Handel unmöglich. Wäre das auch in Deutschland denkbar? Wir haben die sechs wichtigsten Fragen beantwortet.

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Es ist die längste Börsenschließung in der russischen Geschichte: Seit Freitag, 28. Februar, geht nichts mehr an der Moskauer Aktienbörse. Ursprünglich sollte die Börsenschließung mindestens bis Dienstag, 8. März, dauern. Am Freitag, 11. März, gab die russische Notenbank bekannt, dass Moskaus Börse erneut geschlossen bleibt. Wann der Aktienhandel in Russland wieder möglich sein wird, ist derzeit offen.

Der Krieg in der Ukraine wirkt sich vielfältig auf die weltweiten Börsenhandelsplätze aus. Das betrifft nicht nur Kursstürze von Aktien als Reaktion auf die russische Invasion, sondern auch den Handel ganz generell. Seit Mittwoch ist etwa an der Deutschen Börse der Handel mit russischen Anleihen, Aktien und Derivaten ausgesetzt. Sie können an der Deutschen Börse also nicht mehr ge- oder verkauft werden. Ähnliche Maßnahmen haben wichtige westliche Börsen beschlossen, zum Beispiel die London Stock Exchange.

Wäre auch hierzulange eine Schließung der Börsen rechtlich möglich? Zu welchem Zweck werden Börsen geschlossen? Wer kann den Börsenhandel unter welchen Voraussetzungen unterbrechen? Und in welchen historischen Situationen kam es zu Börsenschließungen? Die wichtigsten Antworten im Überblick:

Warum werden Börsen geschlossen?

Börsenschließungen sollen einer möglichen Panik unter Anlegern sowie massenhaften Aktienverkäufen und somit Kursstürzen ins Bodenlose entgegenwirken. Das Motiv passt zur Moskauer Börsenschließung: Seit der russischen Eskalation in der Ukraine ist Russlands Leitindex RTS abgestürzt. Am 24. Februar, dem Tag des Kriegsbeginns, stand der RTS zwischenzeitlich bei 610 Punkten – 1000 Punkte unterhalb seines Jahreshochs. Im Vergleich zu Anfang Februar steht er aktuell 36,9 Prozent schlechter da.

„Moskau versucht das Letzte zu retten, was zu retten ist“, sagt Ulrich Ehricke, der an der Universität zu Köln das Institut für Europäisches Wirtschaftsrecht leitet. „Die Börse wird in ein künstliches Koma versetzt, um die Situation zu beruhigen.“ Angesichts massiver Kursstürze russischer Aktien im Ausland, wirtschaftlicher Sanktionen gegen Russland und der zunehmenden Isolation des Landes sei dieses Vorgehen aus russischer Sicht vermutlich die einzige finanzpolitische Lösung.

Börsenschließungen dienen dazu, „den Marktteilnehmern Zeit zu geben, um sich zu informieren und die Situation sachgerecht zu bewerten“, erklärt Dörte Poelzig, Professorin für Handelsrecht an der Universität Hamburg. So „soll sich der Handel wieder normalisieren“. Denn die Auswirkungen eines Kriegs oder einer Krise wären unmittelbar schwerer einzuschätzen. Grundsätzlich können solche Eingriffe in den Börsenhandel durch extreme Ereignisse, panisches Verhalten der Anleger oder im Einzelfall durch Aktivitäten einzelner Unternehmen ausgelöst werden.

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In der Finanzkrise blieb 2015 die Athener Börse für einen Monat geschlossen. Währenddessen verhandelte die griechische Regierung mit der EU-Kommission über ein drittes Hilfspaket. Im März 2020, als die Corona-Pandemie zunehmend auch Deutschland erreichte, forderten einzelne Experten, neben dem Wirtschaftsleben auch den Börsenhandel einzustellen. Das Geschehen an den Börsen solle unterbrochen werden, um sich ein besseres Bild von den Auswirkungen der Krise zu machen, hieß es. Letztlich blieben die Börsen in der westlichen Welt offen - anders als aktuell in Moskau.

Wann wurde die deutsche Börse zuletzt geschlossen?

In Deutschland wurden die Börsen zuletzt am 11. September 2001 kurzzeitig geschlossen: Nach den Anschlägen in den USA wurde der Börsenhandel an dem Tag früher beendet. Anders als in den Vereinigten Staaten ging das Geschäft an den Börsen am nächsten Handelstag weiter – eine verhältnismäßig kurze Börsenschließung, verglichen mit anderen historischen Fällen.

Wann gab es in der Geschichte Börsenschließungen und warum?

Im vergangenen Jahrhundert gab es hingegen deutlich längere Börsenschließungen. Meist lösten Kriege die Schließungen aus. Zum Teil blieben die Handelsplätze über Monate oder sogar Jahre zu. Die längsten Schließungen gab es als Reaktion auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Nachdem Österreich-Ungarn am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg erklärt hatte, fiel der Dow Jones stark. Die Wall Street reagierte mit einer monatelangen Börsenschließung bis Dezember. In Berlin und Wien war der Börsenhandel sogar über Jahre gestoppt.

Auch im Zweiten Weltkrieg wurde die Berliner Börse ab 1943 geschlossen. In Japan gab es damals jahrelang keinen offiziellen Börsenhandel. Nach den verheerenden Bombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 schlossen Japans Börsen. Erst ab Mai 1949 begann der Börsenhandel in Japan wieder: Während der US-Besetzung des asiatischen Inselstaats wurden die japanischen Börsen reorganisiert und anschließend wieder geöffnet.

Welche Gründe neben Kriegen gab es für Börsenschließungen?

Unabhängig von Kriegen kam es 1933 in den USA zur Börsenschließung im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise. Zur Zeit der „Great Depression“ übernahm Franklin D. Roosevelt das Präsidentenamt. Um die Bankenkrise abzuwenden, rief der US-Präsident landesweite „Bankferien“ aus und verhinderte so einen Run auf die Sparguthaben der Kleinanleger. Der Aktienhandel stand in dieser Zeit ebenfalls still: für elf Tage.

Auch im 21. Jahrhundert wurde der Börsenhandel in den USA schon gestoppt: Nach dem 11. September 2001 schloss die New Yorker Börse den Aktienhandel für vier Handelstage. Nach der Wiederöffnung waren die Auswirkungen der Terror-Anschläge auch an den Aktienmärkten noch deutlich zu spüren. Der Dow Jones fiel um 7,1 Prozent, dem bis dahin höchsten Kurssturz binnen eines Tages.

In Deutschland ist dieser 11. September der jüngste Anwendungsfall einer Börsenschließung. Dieser Schritt „ist die Ultima Ratio, wenn man nicht weiß, wie man sich sonst helfen soll“, erklärt Rechtsprofessor Ehricke. Doch unter welchen Voraussetzungen wäre dieser Schritt auch in Deutschland möglich – abgesehen von den regulären Schließungszeiten der Börse?

Welche rechtlichen Grundlagen gibt es für Börsenschließungen?

Zuständig für Börsenschließungen sind entweder die Bundesregierung oder die Geschäftsleitungen der Börsen selbst. Das hängt vom angewendeten Gesetz ab. Denn in Deutschland sind zwei Paragrafen für Börsenschließungen einschlägig: § 25 Absatz 1 Börsengesetz (BörsG) und § 46g Absatz 1 Nr. 3 Kreditwesengesetz (KWG).

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Nach dem KWG wäre die Bundesregierung befähigt, den Bank- und Börsenverkehr einzustellen, wenn „wirtschaftliche Schwierigkeiten bei Kreditinstituten zu befürchten“ seien, „die schwerwiegende Gefahren für die Gesamtwirtschaft“ erwarten ließen, heißt es dazu im Gesetz. Vor einer solchen Maßnahme müsste die Regierung hierzu die Deutsche Bundesbank konsultieren (§ 46g Absatz 2 KWG).

Auch die Geschäftsführung der Börse kann den Handel in ihrem Geschäftsbereich aussetzen oder einstellen, sofern der „ordnungsgemäße Börsenhandel“ gefährdet „erscheint“ (§ 25 BörsG). Dieses Mittel bezieht sich zwar auf einzelne Aktien oder andere Wirtschaftsgüter. Die Einstellung des Handels könne die Geschäftsführung jedoch „rein theoretisch auch auf alle Papiere anwenden, die gehandelt werden. Dann muss das aber grundsätzlich für jedes einzelne Wertpapier begründet werden“, meint der Jurist Ehricke. Die Börsenleitung hat einen Ermessensspielraum. Eine vollständige Einstellung des Börsenhandels auf dieser Grundlage kann sich Ehricke aktuell aber nicht vorstellen.

Ist ein genereller Ausschluss russischer Aktien unzulässig?

Angewendet wird § 25 BörsG aktuell zum Ausschluss russischer Aktien vom Börsenhandel in Deutschland. Dabei sei völlig unklar, so Ehricke, ob der generelle Ausschluss russischer Wertpapiere vom Ermessensspielraum der Börsenleitung gedeckt ist. Im Raum stehe der Verdacht, dass hiermit womöglich auch politische Ziele verfolgt würden. Zwar sei das Ziel des Ausschlusses „vor allem der Anlegerschutz. Die Auswirkungen dürften jedoch in starkem Maße die Wirtschaft in Russland und damit im Ergebnis auch den russischen Staat treffen.“

Letztlich müssten Gerichte über diese Fälle entscheiden. Denn betroffene russische Unternehmen werden gegen die Einstellung des Börsenhandels klagen, ist sich Ehricke sicher. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil dürfte die Einstellung des Handels russischer Aktien wohl beibehalten werden, da solche Anfechtungsklagen keine aufschiebende Wirkung haben (§ 25 Absatz 2 BörsG).

Mehr zum Thema: Die USA und Russland sind auch am Aktienmarkt ungleiche Gegner.

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