Griechenland vor dem Grexit? Was Anleger wissen müssen

Ein Grexit sei für die Märkte verkraftbar, haben Ökonomen lange propagiert. Trotzdem herrscht an den Börsen große Unsicherheit. Ist das Positiv-Szenario noch gültig, oder überwiegen andere belastende Faktoren?

Grexit oder Graccident Quelle: Marcel Stahn

Eigentlich ist es paradox. Noch vor einigen Wochen hieß es, Griechenland könne die Euro-Zone ruhig verlassen, an den Märkten sei das quasi eingepreist. Der Effekt sei gering, versuchten uns Ökonomen und Politiker weiß zu machen, da kaum jemand noch griechische Anlagen halte.

War das nur taktisches Geschwätz? Seit Wochen schwanken die Kurse, Kursrücksetzer werden regelmäßig auf das Konto der widerspenstigen Griechen verbucht. In den vergangenen Tagen wurde die Unruhe an den Märkten zunehmend größer, die Kurse reagieren auf nahezu jede Aussage der politischen Führungsriege Europas.

Am Donnerstag kommen in Luxemburg die Finanzminister der Eurogruppe zu einem Krisentreffen zusammen, in der Folgewoche ist ein EU-Gipfel vorgesehen. Dabei dürfte es um nicht weniger als das Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone gehen, denn am 30. Juni läuft das Hilfsabkommen der Gläubiger ab und Griechenland muss rund 1,5 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Erklärt Athen sich nicht zu Verhandlungen und Reformen bereit, dürfte die Geduld einiger Eurogruppen-Vertreter überstrapaziert sein.

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa

Das Treffen wird zunehmend zum Showdown, das Gespenst "Grexit" ist überall präsent. Zwar galt der Ausstieg als beherrschbar – da aber noch nie ein Staat die Euro-Zone verlassen hat, könnte das auch nur eine leere Versprechung einiger Ökonomen gewesen sein, die wollen, dass Griechenland endlich aus dem Euro aussteigt. Letzteres ist möglich, denn auch ein paar andere Faktoren sprechen für einen (post-grexitalen) Einbruch an den Märkten.

Was aktuell passiert

Gegenüber seinem Höchststand von über 12.370 Punkten im April hat der deutsche Leitindex Dax verloren, die Tendenz zeigt eindeutig nach unten. Derzeit schwankt das Börsenbarometer um die 11.000 Punkte-Marke herum, hat also in den vergangenen gut zwei Monaten rund elf Prozent verloren. Gegenüber anderen europäischen Märkten fällt dieser Verlust höher aus. Grund ist unter anderem der vorhergehende überdurchschnittliche Anstieg im Zuge des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB).

Griechenlands Zahlungsverpflichtungen 2015

Die Korrektur hat also bereits eingesetzt. Unklar ist allerdings, wie lange sie anhält. "An den Märkten herrscht ein hohes Maß an Unsicherheit", sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Mit einer derart zugespitzten Situation am Verhandlungstisch zwischen Griechenland und dem Rest der Euro-Zone hätten wohl die wenigsten gerechnet. "Das ganze ist ein Pokerspiel", sagt Heise. Sollten sich die Auseinandersetzungen noch lange hinziehen, sei das kein gutes Szenario.

Dann dürfte auch der sogenannte VDax weiter steigen. Der Index misst die Volatilität an den Börsen und liegt schon jetzt rund 15 Prozent höher als noch vor einem Monat.

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