WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Griechischer Schuldenschnitt Warum Kreditausfallversicherungen wohl wertlos sind

Der Schuldenschnitt für Griechenland wird zum Test für ein beliebtes Finanzinstrument. Eigentlich soll eine Kreditausfallversicherung gegen eine Pleite schützen. Doch im Fall Griechenlands sind die Papiere wohl wertlos.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Baufällig: Die Akropolis in Athen. Quelle: dpa

Der Schuldenschnitt für Griechenland ist beschlossene Sache. Dabei müssen sich die Gläubiger darauf einstellen, dass sie mehr als 70 Prozent ihres Geldes verlieren – insgesamt rund 100 Milliarden Euro. Bitter für die Investoren: Auch die Kreditausfallversicherungen, die im Falle einer Pleite eigentlich einspringen sollen, könnten in diesem Fall wertlos sein.

Selbst wenn die Ratingagenturen den „freiwilligen“ Schuldenschnitt als Pleite werten, heißt das noch nicht, dass dies die sogenannten Credit Default Swaps (CDS) auslöst. Die Entscheidung, was mit den Ausfallversicherungen passiert, trifft allein die International Swaps and Derivatives Association (ISDA). Sie stellt die Regeln für den weltweiten Handel mit CDS auf.

Die ISDA selbst gibt sich neutral. Sie wende lediglich die vorab vereinbarten Definitionen an, lässt sie mitteilen, und verweist auf die Kreditderivatedefinitionen von 2003 - ein fast einhundertseitiges Regelwerk komplizierter technischer Bedingungen. Ob der Derivate-Verband wirklich so unparteiisch entscheiden kann, wie er vorgibt, ist jedoch fraglich.

Das maßgebliche Gremium des Verbandes hat 15 stimmberechtigte Mitglieder. Diese werden von zehn Banken und fünf großen Finanzinvestoren gestellt, darunter Deutsche Bank, Goldman Sachs, der Vermögensverwalter Blackrock und der weltgrößte Anleiheinvestor Pimco – also alles, was Rang und Namen in der Finanzbrache hat. Da liegt der Verdacht nahe, dass die großen Banken und Investoren am Ende selbst darüber urteilen, was aus ihren Ausfallversicherungen wird.

Zumindest stecken die Banken, die vom Schuldenschnitt betroffen sind, in einem massiven Interessenkonflikt: Jede Bank ist entweder Versicherter oder Versicherer oder beides gleichzeitig. Es ist das alte Problem: Der Versicherte hat den Anreiz, den Schadensfall auszulösen, um die Versicherungssumme zu kassieren. Der Versicherer will genau das verhindern. „Moral Hazard“ nennen Ökonomen das Phänomen - es gilt für Brandschutzversicherungen und CDS gleichermaßen.

Die ISDA muss bald entscheiden. Ein Marktteilnehmer habe gebeten, diese Entscheidung vorzunehmen, teilte der Verband am Dienstag mit. Sollte die ISDA der Meinung sein, dass ein Kreditereignis vorliegt, könnte dies zu einer Auszahlung von ausstehenden griechischen Kreditausfallversicherungen führen.

Der Idee nach sollen CDS wie eine Versicherung einspringen, wenn eine Anleihe ausfällt. Allerdings kaufen viele Investoren diese Finanzinstrumente nicht, um sich abzusichern. Meistens halten sie nicht einmal die zugrunde liegenden Anleihen oder Kredite. „Die Ausfallversicherungen haben nichts damit zu tun, ob man sich tatsächlich absichern will. Ein großer Teil des Marktes dient rein zu Spekulationszwecken“, sagt Dorothea Schäfer, Forschungsdirektorin Finanzmärkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

In welche Richtung die Entscheidung der ISDA gehen könnte, hat deren Chefjurist bereits im vergangenen Herbst angedeutet: Da die Gläubiger den Schuldenschnitt freiwillig mitmachten, trete wohl kein Kreditereignis ein, sagte er damals. Die Frage ist, ob dies immer noch gilt, wenn Griechenland die Gläubiger per Gesetz zum Forderungsverzicht zwingen sollte. Das könnte der Fall sein, wenn nicht genug Investoren freiwillig verzichten. Der Derivate-Verband müsste sich dann zumindest eine gute Erklärung einfallen lassen, warum immer noch kein Kreditereignis vorliegt.

Was an den Finanzmärkten passiert, wenn CDS in großem Still ausgelöst würden, kann niemand mit Sicherheit vorhersagen. Der Handel mit CDS ist wenig transparent, er läuft nicht über geregelte Börsen ab. Wer wie viele CDS auf Griechen-Anleihen in den Büchern hat, lässt sich nur schwer ermitteln. Experten fürchten jedoch ein Chaos wie nach der Lehman-Pleite 2008. Das Risiko bei einem Kreditereignis sei so groß, dass sogar mancher Versicherungsnehmer kein Interesse daran habe, seine Versicherung wahrzunehmen. 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%