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Großbritannien nach der Wahl „Britische Aktien haben viel zu bieten“

Trotz Brexit ist Großbritannien ein guter Ort zum investieren, sagt Ben Wallce. Quelle: REUTERS

Die Unsicherheit beim Brexit war eine Bewährungsprobe für Fondsmanager wie Ben Wallace. Mit Johnsons Wahl kehrt nun mehr Zuversicht zurück in den Markt. Günstige Versicherer und Luftfahrtaktien hält er für interessant.

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Ben Wallace ist seit 2011 Senior Investment Manager für britische Aktien bei Janus Henderson Investors und managt 2,7 Milliarden britische Pfund, die im UK Absolute Return Fund des Hauses angelegt sind. Zuvor war er Senior Investment Manager bei Gartmore, die von Henderson übernommen wurden. Bis 2002 arbeitete er bei der Deutschen Asset Management, wo er von 1997 bis 2002 britische Aktienfonds verwaltete. Ben schloss sein Studium an der University of Edinburgh mit einem Bachelor of Science (Hons) ab. Er ist assoziiertes Mitglied der Society of Investment Professionals (ASIP).

WirtschaftsWoche: Viele weltweit aktive Fondsmanager haben sich in Großbritannien zurückgehalten. Werden sie nach den Parlamentswahlen zurückkehren?
Ben Wallace: Großbritannien ist immer noch ein guter Ort zum Investieren, der Aktienmarkt hat sehr viele verschiedene Branchen zu bieten – viel mehr als in Deutschland. Der britische Mittelstand ist an der Börse.

Jetzt ist klar, wie es mit dem Brexit weitergeht, Großbritannien wird wohl im Januar rausgehen. Wie sind Sie mit den Unsicherheiten durch den Brexit bislang klargekommen?
Es ist für mich wie eine Art täglicher Seifenoper. Für mich als Fondsmanager war es das größte Problem, dass die Brexit-Diskussionen den Kurs des Pfunds so sehr stark schwanken ließen. Und wenn im Fonds Unternehmen stecken, die ihre Geschäfte zu 75 Prozent außerhalb Großbritanniens machen, dann wirken sich die Währungsschwankungen auch auf deren Geschäft aus. Die Währung war das größere Problem für Vermögensverwalter und Unternehmen und wird es bleiben. Der eigentliche Brexit wird weniger starke Auswirkungen haben. Es ist leichter, die Wirkungen einzuschätzen.

Wie geht es weiter in Ihrem Portfolio, nach der Wahl?
Wir haben den Fonds von einem ausgewogenen neutralen Engagement bei britischstämmigen Inlandsunternehmen über den Sommer auf eine Netto-Longposition in Sektoren wie Wohnungsbau, Banken und Versicherungen umgestellt. Diese haben davon profitiert, dass Boris Johnson eine beträchtliche Mehrheit erreicht hat und einige der noch offenen politischen Risiken in Großbritannien beseitigt. Auf Portfolioebene versuchen wir, wieder die Titel zu kaufen, die wir mögen ,und auf fallende Kurse bei denen zu setzen, die wir nicht mögen.

Wie ist momentan das Verhältnis von Long und Short-Positionen?
Wir sind leicht positiv im Markt und setzen auf eher steigende Kurse, also netto zehn Prozent positiv für den Markt. Aber im Rückblick ist das nicht viel, in den vergangenen 15 Jahren hatten wir häufig über 60 Prozent netto den Marktschwankungen ausgesetzt. Sie sehen, wir sind im Moment ziemlich neutral.

Welche Unternehmen halten Sie für interessant?
Wir mögen den Bereich zivile Luft- und Raumfahrt, weil wir davon ausgehen, dass der Flugverkehr weiter zunimmt. Viele dieser Unternehmen verdienen Geld mit Reparaturen und Ersatzteilen. Sie hängen also nicht von der Rentabilität der Fluggesellschaften ab, sondern nur von den Flugzeugen. Beispiele hierfür sind britische Unternehmen wie Meggit, die für die Luftfahrtbranche Datenanalysen durchführen, aber auch Safran, die in Frankreich gelistet sind. Auch Versicherer wie L&G sind im Allgemeinen ein gutes Geschäft. Die Eigenkapitalrendite liegt bei 20 Prozent, die Dividendenrendite bei fast sieben Prozent und das jährliche Wachstum bei sieben Prozent. Der einzige Grund, warum solche Titel noch günstig bewertet sind, ist ihre britische Herkunft und die Zugehörigkeit zur Finanzindustrie. L&G macht aber ein bisschen von allem, sie machen ein bisschen in Fonds, in Versicherungen, aber ihr größtes Geschäft ist eigentlich, dass sie den Unternehmen und Gemeinden die defizitären Pensionskassen abnehmen. So konkurrieren sie hauptsächlich mit Aviva und anderen heimischen Spielern.

Haben die Brexit-Diskussionen den britischen Wohnungsmarkt belastet?
Der Markt läuft recht gut, denn es gibt ein Defizit bei Neubauwohnungen. Für Neubauten gibt es ein staatliches Programm namens „Help to Buy“. Die Regierung stellt einen zinslosen Kredit zur Verfügung, um neue Wohnungen bis vierhunderttausend Pfund kaufen zu können. Deshalb sind für uns Anbieter wie Persimmon interessant, weil sie keine Wohnungen in London haben, sondern günstigere, die hauptsächlich im Südosten Englands liegen. Wir schauen uns ebenfalls Dinge wie den Immobilienentwickler Bellway mit einer Free Cashflow-Rendite von ungefähr 10 Prozent an. Das Unternehmen hat Netto-Cash in der Bilanz und eine Dividendenrendite von rund viereinhalb Prozent, die fast dreimal vom Ergebnis gedeckt wird. Aufgrund der Unterstützung der Regierung handelt es sich also um Aktien mit einer relativ niedrigen Bewertung – allerdings natürlich nicht mit einem niedrigen Risiko gleichzusetzen. Trotzdem fühlen wir uns mit solchen Immobilienmarkt-Aktien wohler, als mit solchen, die im Herzen Londons operieren, denn dort ist der Markt volatiler und wirtschaftlich sensibler.

Und wie beurteilen Sie die Konjunktur in Großbritannien?
Der Brexit hat die Investitionen gedämpft. Aber die wirtschaftlichen Bedingungen waren nicht katastrophal. Es ist nicht viel anders als im Rest der Welt. Hohe Beschäftigung, niedriges Wachstum und niedrige Inflation. Glanzlos war die Lohnentwicklung. Das ist nur ein Beweis dafür, dass Technologie die Lohnentwicklung bremst. Auch ältere Menschen, die, um ihre Rente aufzubessern, in niedrig bezahlten Jobs weiterarbeiten, dämpfen ebenso das Lohnwachstum. Früher, bei höheren Zinsen, konnten sie von ihren Zinsen leben, das funktioniert nicht mehr.

Britische Einzelhandels- und Immobilienaktien sind teilweise sehr günstig. Marks & Spencer kostet das Zehnfache des Gewinns bei 5,3 Prozent Dividendenrendite.
Da wäre ich vorsichtig, denn sie stehen unter Druck. Sie hatten mal rund 20 Prozent Marktanteil am britischen Bekleidungsmarkt, ein riesiges Immobilienportfolio und ein gutes Lebensmittelangebot. Ähnlich Tesco, das waren prima Supermärkte, aber dann kamen Aldi und Lidl mit qualitativ hochwertigen Produkten zu günstigeren Preisen. Marks & Spencer und Tesco wurden weggefegt. Da spielt der Brexit jetzt auch keine Rolle mehr.

Dann ist Marks & Spencers eine typische Short-Position?
Wir haben da momentan keine Position. Aber die Probleme bei M&S sind keine Überraschung für den Markt. Das ist, was überall auf der Welt passiert, dass Onlinekäufe es dem stationären Einzelhandel schwer machen. Das wird noch viele Unternehmen umbringen. Wir haben in Großbritannien jetzt den Lebensmittellieferservice Ocado, bei denen ich bestellen kann und die Fracht zu einer bestimmten Zeit bekomme, die ich wünsche. Die Zukunft liegt in großen Zentrallagern mit Robotern.

Großbritanniens Glauben an Fondsmanager wurde erschüttert durch die Liquiditätskrise bei dem bekannten Manager Neil Woodford. Ziehen Sie Lehren daraus?
Liquidität ist wirklich wichtig, als Fondsmanager müssen sie beweglich bleiben und ihre Aktien oder Anleihen ständig verkaufen können, etwa wenn Anleger Geld abziehen. Ich denke dabei immer an das Jahr 2008. Wir mussten damals etwa 75 Prozent unserer Gelder an Kunden zurückzahlen, weil wir eine Art Hedgefonds waren, aber unsere Anleger konnten täglich an ihr Geld und machten davon Gebrauch. Unser Fonds war in dem Jahr um 29 Prozent im Plus, als der Markt um 30 gefallen war. Dann machten alle Kasse. Das war nicht schön, aber bestärkt mich trotzdem darin, einen Fonds immer liquide zu halten.

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