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Hauptversammlung Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Faber erwägt vorzeitigen Abschied

Deutsche-Börse-Chefkontrolleuer Joachim Faber behält sich nach heftiger Kritik vor, vorzeitig an einen Nachfolger zu übergeben. Lob von den Aktionären erhält Vorstandschef Weimer.

Schon im Vorfeld der Hauptversammlung prasselte viel Kritik auf den Chefkontrolleur der Deutschen Börse ein. Quelle: dpa

FrankfurtSchon im Vorfeld der Hauptversammlung prasselte viel auf Joachim Faber ein: Zahlreiche Investoren und Stimmrechtsberater kritisierten sein Verhalten in der Insider-Affäre um Ex-Chef Carsten Kengeter und bei der geplatzten Fusion mit der London Stock Exchange (LSE). Die Stimmrechtsberater Glass Lewis und Hermes forderten Faber auf, 2019 als Aufsichtsratschef der Deutschen Börse abzutreten.

Faber ging am Mittwoch beim Aktionärstreffen in der Frankfurter Jahrhunderthalle bereits in seiner Eröffnungsrede auf die Kritik an seiner Person ein. 2017 sei ein schwieriges Jahr für die Deutsche Börse gewesen, sagte der 68-Jährige. „Natürlich sind wir uns bewusst, dass etliche Themen kontrovers gesehen werden.“

Dann machte Faber deutlich, dass er sich auf der Hauptversammlung wiederwählen lassen will, anschließend aber vor dem Ende der dreijährigen Amtszeit abtreten könnte. „Ich möchte mir persönlich vorbehalten, einen Übergang im Vorsitz des Aufsichtsrates im Laufe dieser neuen Wahlperiode vorzubereiten“, erklärte Faber. „Ein Zeitpunkt hierfür ist heute noch nicht absehbar.“

Faber hatte zusammen mit dem Aufsichtsrat und mit Zustimmung der Aktionäre ein Vergütungsprogramm für Kengeter aufgelegt, das später Ermittlungen gegen den Vorstandsboss wegen des Verdachts auf Insiderhandel auslöste. Kengeter kaufte im Rahmen des Programms im Dezember 2015 Deutsche-Börse-Aktien – rund zwei Monate vor Bekanntwerden der LSE-Gespräche.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Manager damals schon über den LSE-Deal verhandelte. Kengeter und Faber haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Wie das Verfahren ausgeht, steht in den Sternen.

Die Ermittlungen seien ein „sehr schwerwiegender Vorwurf“ und hätten der Reputation des Unternehmens geschadet, monierte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. „Solange die Schuld von Herrn Kengeter nicht erwiesen ist, sollte weiter die Unschuldsvermutung gelten, aber schon der Verdacht und die Ermittlungen sind peinlich genug.“

Bis zu 50 Manager sollen gehen

Aus Sicht von Speich hat die Deutsche Börse eine Vorbildfunktion beim Thema gute Unternehmensführung (Corporate Governance). „Herrn Faber und Herrn Kengeter hat offenbar das nötige Gespür gefehlt oder sie haben sich zu sehr auf ihre Berater verlassen.“

Trotz aller Kritik will Speich das Management entlasten. „Wir wollen damit honorieren, dass es in einem äußerst turbulenten Jahr gelungen ist, das Unternehmen auf Kurs zu halten.“ Die Nominierung des neuen Vorstandschefs Theodor Weimer sei eine gute Entscheidung gewesen. Und ein Wechsel an der Spitze von Vorstand und Aufsichtsrat könnte das Unternehmen aus Sicht von Speich und anderer Investoren schwächen.

Die Fondstochter der Deutschen Bank, DWS, ist zurückhaltender: „Wir werden uns heute bei allen Anträgen auf Entlastung enthalten“, sagte Hendrik Schmidt, Corporate-Governance-Analyst der DWS, laut Redetext. Zudem regte er einen vorzeitigen Stabswechsel im Aufsichtsrat an.

Wohlwollend äußerten sich Schmidt und Speich zum seit Jahresanfang amtierenden Vorstandschef Weimer. „Sie haben einen Blitzstart hingelegt und bereits Spar- und Umbaumaßnahmen in großem Stil angestoßen und die Konzernspitze neu geordnet“, sagte Speich.

Weimer ging bei seinem ersten Auftritt nur kurz auf die Vorgänge der vergangenen Jahre ein. „Unser Ruf hat leider gelitten. Das steckt man nicht einfach so weg“, sagte Weimer. „Es braucht auch nach außen sichtbare Veränderungen. Nicht zuletzt deshalb hat der Aufsichtsrat mich geholt.“

Weimer hat die Deutsche Börse in seinen ersten viereinhalb Monaten als Vorstandschef bereits kräftig durchgeschüttelt. Den erweiterten Vorstand der Deutschen Börse schaffte der 58-Jährige bereits nach wenigen Wochen ab. Außerdem setzte der langjährige Chef der Hypo-Vereinsbank mehrere hochrangige Manager vor die Tür und schnitt die Vorstandsressorts neu zu. Bald bekommt er zudem drei neue Vorstandskollegen.

Die Eckpunkte von Weimers Strategie ähneln dagegen denen seines Vorgängers. Wie Kengeter will auch Weimer das Wachstum der Börse forcieren und peilt dabei in den nächsten Jahren jeweils ein Gewinnplus von zehn bis 15 Prozent an. Und auch er will verstärkt in neue Technologie investieren.

Darüber hinaus will Weimer die jährlichen operativen Kosten bis Ende 2020 um 100 Millionen Euro senken. Das Handelsblatt hatte bereits Anfang Mai berichtet, dass Stellenstreichungen dabei eine zentrale Rolle spielen. Finanzkreisen zufolge könnten im Rahmen des Umbaus rund 300 Beschäftigte gehen, darunter auch leitende Angestellte.

Weimer erklärte in seiner Rede, dass der Konzern auf der Management-Ebene bis zu 50 Stellen abbauen will. Auf die Gesamtzahl der Stellenstreichungen ging er nicht ein. Er betonte jedoch, dass die Börse „trotz des geplanten Personalabbaus über die nächsten Jahre eine dreistellige Zahl neuer Stellen“ schaffen will. Das Unternehmen brauche neue Mitarbeiter, die sich mit Technologie auskennen.

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