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Hendrik Leber, Dirk Müller, Max Otte „Der Markt ist ein harter Gegner“

Die Märkte zittern vor Griechenland, die neue Börsenwoche startet mit heftigen Abschlägen. Gut, dass es unterbewertete Aktien immer gibt. Welche Wertpapiere Value-Anleger Dirk Müller, Hendrik Leber und Max Otte kaufen.

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Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa

Das aktuelle Marktgeschehen wird vom Schuldendrama um Griechenland bestimmt. Der Dax schwankt kräftig. Doch die Entwicklung des Gesamtmarktes interessiert Value-Investoren weniger. Fondsmanager wie Max Otte, Hendrik Leber und seit einigen Monaten auch Dirk Müller suchen nach werthaltigen Einzelwerten. In der edlen Zigarrenlounge Cigarrum des Steigenberger Parkhotels in Frankfurt diskutieren sie bei einem Roundtable darüber, was Value heute ausmacht, wo sie jetzt zugreifen, welche Branchen interessant sind und wovon sie lieber die Finger lassen.

Herr Leber, Herr Müller, Herr Otte, gibt es nach der Rally der vergangenen Jahre überhaupt noch Schnäppchen für Value-Investoren?
Max Otte (schmunzelt): Das kommt auf den Risiko-Appetit an. Es gibt immer Schnäppchen. In Griechenland, in Russland, in Brasilien gibt es welche.

Dirk Müller: Zu jeder Zeit gibt es Unternehmen, die günstig bewertet sind. Das hat nichts mit dem aktuellen Dax-Stand zu tun. Ich kann ein Unternehmen, seine Bilanz, seinen Cashflow, seine Börsenbewertung analysieren. Wenn ich ein Unternehmen für 30 oder 40 Prozent unter dem errechneten Wert an der Börse bekomme, dann ist das ein Schnäppchen.

Hendrik Leber: Aber so richtig billig ist eigentlich keiner mehr.

Müller: Es gibt schon Unternehmen mit guten Bewertungen, die ich kaufen kann. Abgesehen von einigen Krisenregionen haben wir richtige Schnäppchen, die es beispielsweise nach einem richtigen Ausverkauf am Markt gibt, nicht mehr.

Otte: Vielleicht kann ich vermitteln. Im Qualitätssegment ist wirklich nicht mehr richtig billig, sondern eher schon etwas satt bewertet.

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

Überteuert?
Otte: Nein, das noch nicht. Satt bewertet bedeutet vielleicht, dass es etwas unterdurchschnittliche Renditen gibt. Aber das sind dann immer noch sieben oder acht Prozent. Im Vergleich zum Festgeld ist das bei solch sicheren Aktien wie Nestlé & Co. sicher nicht verkehrt. Richtig billig können nicht nur Schmuddel-Regionen, sondern auch Geschäftsmodelle mit einem Fragezeichen sein. Das sind dann Aktien, die in einer etwas weniger turbulenten Welt zur Normalität zurückkehren. Aber wir leben aktuell in einer Welt mit einem gewissen Endspielcharakter, weil so viel Geld im Umlauf ist und wir diese Zwangspolitik der Notenbanken haben. In einer solchen Zeit scheitern auch größere Unternehmen öfter als früher. Es sind also auch mehr Totalabstürze möglich. Das heißt, dass bei Geschäftsmodellen mit einem oder zwei Fragezeichen die Schnäppchenpreise zum Teil auch gerechtfertigt sind. Da gehe ich im Vergleich zu früher dann ein höheres Risiko ein.

Leber: An wen denken Sie da?

Otte: Ich denke beispielsweise an Einzelhändler, die schneller verschwinden können. Wir leben immer mehr nach dem Motto „The winner takes it all“, monopolartige Unternehmen setzen sich durch. Es gibt also immer mehr Monostrukturen oder auch Kartelle. Manche bestehen schon lange wie in der Öl- oder Pharmabranche, andere entstehen in kurzer Zeit wie bei High-Tech. Diese Kartelle vereinen immer mehr der Wertschöpfung auf sich. Dann gibt es noch eine Vielzahl von Start-ups im High-Tech-Bereich, die sich dann wiederum an die Kartelle verkaufen. Der Druck durch die Kartelle und monopolartigen Strukturen wird stärker, darauf werden Unternehmen reagieren müssen.

Leber: Ich schaue mir gerade Australien näher an, da breiten sich Aldi und Lidl aus. Das passt dazu. In England haben wir schon gesehen, wie die beiden Tesco das Leben richtig schwer gemacht haben. Das Billigheimer-Geschäftsmodell setzt sich weltweit durch. Auch in den USA sind die beiden präsent. Interessant, wie ein Geschäftsmodell testweise irgendwo implementiert wird und sich dann rasant ausbreitet.

Otte: Das ist genau die neue Welt, in der wir dann wirklich explosionsartiges Wachstum haben. Natürlich angefeuert durch den Turbolader Silicon Valley mit seinen Internetfirmen. Wir sehen, dass im Einzelhandel und auch in anderen Bereichen die Zyklen schneller werden – und damit die Möglichkeit eines rasanten Aufstiegs, aber auch Absturzes.

Macht es das für Value-Investoren schwieriger oder einfacher?
Otte: Das Spiel, auf die Normalisierung von Bewertungen zu setzen, funktioniert nicht mehr so einfach. Wir haben beispielsweise vor ein paar Jahren Metro zum halben Preis gekauft, also völlig unterbewertet. Die Aktie ist dann schnell gestiegen und wir sind mit 50 Prozent plus wieder ausgestiegen. Das wird immer schwieriger. Im Falle von Metro weiß man nicht, wo der Konzern jetzt steht. Vor allem nach dem Kaufhof-Verkauf.


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