Hochzinsanleihen: „Bei fast neun Prozent Rendite sind Risiken eingepreist“
Lohnt sich jetzt der Einstieg bei Hochzinsanleihen?
Foto: imago imagesWirtschaftsWoche: Herr Butler, hat der US-Hochzinsmarkt das Potenzial, die Kapitalmärkte crashen zu lassen?
David Butler: Der US-High-Yield-Markt hat einen Anteil von 60 Prozent am gesamten Hochzinsanleihenmarkt für Unternehmen. Damit ist er weltweit der größte Markt in dem Segment. Unruhe könnte theoretisch schnell andere Segmente infizieren. Aber das erwarten wir nicht. Im Gegenteil, der Markt für Hochzinsanleihen hat sich zuletzt recht gut gehalten, trotz der weltweiten Risiko-Gemengelage.
Auch börsengehandelte Indexfonds (ETFs) spielen im Hochzinsmarkt eine wichtige Rolle. Haben Anleger hier zuletzt viel Geld abgezogen?
Im ersten Quartal 2023 gab es bei den ETFs größere Abflüsse. Aber das war auch durch den Zusammenbruch der SVB-Bank in den USA ausgelöst und durch die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS. Wenn es um Banken geht, dann ist der Markt aufgrund potenzieller Ansteckungseffekte mitunter recht sensibel. Aktuell ist der Markt allerdings ruhig und nicht von großen Mittelabflüssen betroffen. Im ETF-Bereich gab es im zweiten Quartal sogar Zuflüsse. Allgemeine Risikomessgrößen wie Kreditaufschläge haben den durch SVB und Credit Suisse ausgelösten Ausverkauf fast vollständig wieder aufgeholt.
Über welche Renditen sprechen wir bei US-High-Yields?
Aktuell gibt es dort im Schnitt attraktive 8,6 Prozent Rendite bei einer Laufzeit von etwa sechs Jahren. Im Euroraum sind es 7,3 Prozent. Das sind Aufschläge von etwa vier Prozentpunkten zu den jeweiligen Staatsanleihen. Bei diesen Renditen sind Risiken eingepreist. Wir gehen von den üblichen Ausfallraten um die drei Prozent aus.
Man hört oft, dass es mindestens ein Jahr dauere, bis eine Zinsänderung ihre volle Wirkung auf die Wirtschaft entfaltet. Die Fed hat im März 2022 mit Zinserhöhungen begonnen. Wie hat sich der Hochzinsmarkt seitdem entwickelt?
Momentan ist das Bild komplex. Es wurde ein Liquiditätsengpass am Markt erwartet, dass viele Unternehmen Geld aufzunehmen versuchten, aber die Investoren kein Geld bereitstellen könnten und auch Banken die Finanzierung nicht ermöglichen. Momentan aber sind die Spreads zwischen Kauf- und Verkaufspreis der Hochzinspapiere eng und gesündere Unternehmen konnten den Markt anzapfen. Also sind die Marktliquidität und der Handel intakt. Es gibt Angebot und Nachfrage. Und das spricht dafür, dass wir derzeit in einem Umfeld sind, in dem Investoren durchaus bereit sind, selektiv Risiken einzugehen.
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Verschafft die US-Notenbank dem Markt Luft, indem sie die Zinsen erst einmal nicht weiter anhebt?
Das stellt derzeit keine Motivation bei ihrer Zinsentscheidung dar. Grundsätzlich gibt es derzeit relativ wenige Neuemissionen bei High-Yield-Anleihen und die werden durchaus gekauft. Dass der Markt widerstandsfähig ist, hängt damit zusammen, dass viele Unternehmen sich vor der Zinswende günstig finanziert haben. Gute Unternehmen können ihre Finanzierung flexibel gestalten. Der Markt wird jetzt stärker auf die Konjunkturdaten schauen, aber auch selektiver bei der Auswahl der Unternehmen sein, in die investiert wird.
Im Juli könnte eine nächste Zinserhöhung der US-Notenbank anstehen. Könnte es dann einen Ausverkauf bei Hochzinsanleihen geben?
Aus dem Umfeld kann man leicht das Ausverkaufsszenario entwickeln und anhand der Vergangenheit wissen wir, dass bei steigenden Zinsen viel passieren kann, weil sich hochverschuldete Unternehmen teuer refinanzieren müssen. Aber der Markt folgt diesem Narrativ derzeit nicht. Wir erwarten keinen Schock, denn eine konjunkturelle Verlangsamung wird weithin erwartet. Aus diesem Grund mag vielleicht heute noch nicht der rechte Zeitpunkt für Käufe im High-Yield-Bereich sein, in den nächsten sechs Monaten allerdings dürften sich mache Investmentgelegenheit ergeben. Die Anleger sollten allerdings Investments auch für längere Zeit durchhalten. Es ist ein wenig frustrierend, weil das positive Bild derzeit nicht wahrgenommen wird. Natürlich ist die Inflation da und mit Krediten aufgepumpte Unternehmen ist das schlecht. Aber man kann die Besseren unter ihnen wählen und die Schwachen aussortieren.
Könnte eine zu starke Zinsanhebung den Markt verschrecken?
Wir glauben nicht an ein derartiges Schockszenario. Denn die Zinsmaßnahmen sind meist transparent, der Markt preist sie gut ein. Die US-Verbraucherpreise haben sich im Mai exakt so entwickelt wie erwartet. Da die Fed eine transparente Zinspolitik betreibt und diese neuen Daten keine Überraschung enthalten haben, war der Markt schon darauf eingestellt, dass sie die Zinsen im Juni nicht anheben würde. Jerome Powell hat die Strategie der Fed bekräftigt auf Sicht zu fahren, also die weiteren Konjunkturdaten zur Basis der Entscheidungen zu machen und die Bekanntgabe der Mai-Produzentenpreise zeigten ja einen gemäßigten Anstieg an. Dies dürfte also kein Umdenken bei der Fed hervorrufen. Man muss abwarten, wie sich das im Juni entwickelt.
Welche Branchen sind stärker, welche schwächer?
Auf dem Radar bleibt der gewerbliche Immobiliensektor. Er ist in den USA, aber auch in Europa durch die Zinserhöhungen unter Druck gekommen. Dort gibt es Stress. Manche der mit einem BBB-Rating benoteten Unternehmen, die jetzt noch im Investmentgrade-Bereich sind, könnten in den High-Yield-Bereich abrutschen und damit „Schrott-Status“ bekommen. Aber andere Branchen, die in der Coronakrise schon mal auf der Kippe standen, wie etwa Luftfahrtunternehmen, entwickeln sich sehr erfreulich.
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