Internet-Börsengänge Warum die Börse Verlustbringer sexy findet

Milliardenbewertungen für Unternehmen, die noch herbe Verluste einfahren? Genau das blüht bei den Börsengängen von Zalando und Rocket Internet. Warum die Zukunftschancen von Internetunternehmen so wertvoll sind.

Die größten Börsengänge weltweit
Telekom Quelle: dapd
Platz 10Japans Telekommunikations-Riese Nippon Tel ging bereits 1987 an die Börse und nahm 15,3 Milliarden Dollar ein. 1999 wurde der Konzern umstrukturiert und ging in der NTT Communications Corp auf. Im Bild NTT-Präsident Masanobu Suzuki. Quelle: AP
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Platz 7Der italienische Energieversorger Enel SpA beschäftigt über 58.000 Mitarbeiter. Bei seinem Börsengang im Jahr 1999 konnte der Konzern 16,5 Milliarden Dollar einsammeln. Quelle: REUTERS
Platz 6Ein Blick auf den AIA-Turm in Hong Kong. Die asiatische Sparte des US-Versicherers AIG nahm bei seinem Börsengang im Oktober 2010 17,8 Milliarden Dollar ein. Quelle: REUTERS
visa Quelle: dapd

Als Chinas führender Online-Händler Alibaba am 19. September seine Aktien erstmals an der New Yorker Börse notieren ließ, war das für viele Investoren ein Augenöffner. Das Papier schaffte bis zum Ende des ersten Handelstages ein Kursplus von 36 Prozent. Noch dazu war es auch nach dem Platzierungsvolumen der größte Börsengang aller Zeiten. Alibaba nahm mit seinen neuen Aktien 25 Milliarden Dollar ein. So hohe Bewertungen waren für Internetunternehmen jahrelang tabu.

Der Markt ist für hoch bewertete Internetunternehmen so aufnahmefähig wie seit den Zeiten der New-Economy-Blase um die Jahrtausendwende nicht mehr. Kurz nach dem erfolgreichen Alibaba-Debüt kündigten auch die deutschen Internet-Unternehmen Zalando und Rocket Internet ihre Börsenpläne für Anfang Oktober an - mit Milliardenbewertungen für ihre Unternehmen.

Daniel Wild gründet und investiert bereits seit 16 Jahren in junge Internetunternehmen, bisher waren es rund 100. Beim Hotelzimmervermittler Trivago und sozialen Netzwerk Xing war er schon in der ersten Finanzierungsrunde dabei. Auf die Frage, was er von den Milliardenbewertungen bei den bevorstehenden Börsengängen des Online-Modehändlers Zalando und dem Start-Up-Inkubator Rocket Internet, antwortet er ohne erkennbare Zweifel: „Für ein Internetunternehmen ist es ein Idealszenario. Damit werden zwei deutsche Börsenkandidaten nach den gleichen Maßstäben bewertet wie amerikanische. Ich finde das ein gutes Zeichen – für die beiden Unternehmen, aber auch für die Branche insgesamt. Und das erlaubt es den Firmen, wirklich große Marktpositionen aufzubauen.“

Die "proven winners" von Rocket Internet

So mancher Anleger bekommt allerdings bei den hohen Unternehmensbewertungen Bauchweh. Zalando, das gerade erst auf Quartalsbasis die Gewinnschwelle erreicht hat, wird beim Börsengang aus dem Stand mit 4,5 bis 5,6 Milliarden Euro bewertet. Rocket Internet dürfte auf bis zu 6,7 Milliarden Euro kommen, obwohl die Beteiligungsfirma noch hohe Verluste macht. Damit sind die beiden größten Börsenneulinge in Deutschland seit 2007 an der Börse höher bewertet, als etwa der Düngemittelproduzent K+S, der Spezialchemiehersteller Lanxess oder die Deutsche Lufthansa, die alle dem Börsenleitindex Dax angehören.

Mehr als 100 Hoffnungsträger

Rocket Internetdie E-Commerce-Schmiede der drei Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander – ist als Beteiligungsunternehmen und Investor in neu gegründete Internetfirmen in mehr als 100 Unternehmen involviert. Unternehmen, die überwiegend noch deutliche Verluste machen.

Selbst bei den elf ausgereiftesten Beteiligungen stehen Umsätzen von 757 Millionen Euro noch 442 Millionen Nettoverluste gegenüber. Das Beteiligungsportfolio wurde bei der letzten Finanzierungsrunde vor dem Börsengang dennoch mit 2,6 Milliarden Euro bewertet. Zum Börsengang soll Rockets Firmenportfolio mehr als das Doppelte wert sein.

Wie ist zu begreifen, dass sich Investoren auf die neuen Aktien stürzen und dabei sogar bereit sind, eine Unternehmensbewertung zu akzeptieren, die sich zu mehr als der Hälfte nur aus Hoffnung und Wachstumsfantasie speist? Was macht Zalando, Rocket Internet und weitere Börsenkandidaten der Internetbranche für Anleger derzeit so sexy?

Unverschämt optimistisch

Für Internetunternehmer und -investor Wild sind die hohen Börsenbewertungen keineswegs schamlos übertrieben. „Jahrelang sind in Deutschland Internetfirmen unterschätzt und damit auch zu gering bewertet worden“, sagt Wild gegenüber WirtschaftsWoche Online. „Nach dem Platzen der New-Economy-Blase 2001 wurden alle Internetunternehmen lange pauschal sehr kritisch gesehen, langsam werden die Bewertungen wieder realistischer, also nach oben angepasst. Auch wenn es dabei mal zu einer Übertreibung kommt, wird insgesamt inzwischen wahrgenommen, wie sehr das Internet die gesamte Wirtschaft verändert.“

Was Sie über die Börsenkandidaten wissen sollten

Wild weiß, wovon er spricht, denn sein Unternehmen Ecommerce Alliance ist seit 2010 an der Frankfurter Börse im wenig transparenten Börsensegment Entry Standard notiert – dort, wo auch Rocket Internet ab dem 2. Oktober gehandelt wird. Erst wenn alle Rocket-Beteiligungen vernünftige Geschäftsberichte vorlegen können, sind die Voraussetzungen für den strenger regulierten Börsenhandel im Segment Prime Standard gegeben.

Obwohl Rocket Internet nicht einmal veröffentlicht, wie hoch die Gesamtverluste aller Beteiligungen zusammen ausfallen, werden die neuen Aktien dem Unternehmen geradezu aus den Händen gerissen. Seit Jahren war die Stimmung am Kapitalmarkt gegenüber der Internetbranche nicht mehr so gut.

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