WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

IT-Aktien Teure Übernahmen werden für Aktionäre zum Problem

In der IT-Branche stehen milliardenschwere Übernahmen an. Beispiele wie der Deal zwischen Microsoft und Nokia zeigen, dass das böse Erwachen für Anleger oft erst später kommt. Warum Aktionäre oft die Verlierer sind.

Die zuletzt ungemein teuren Übernahmen haben einen Nebeneffekt für die Bilanz der Käufer. Quelle: dpa

Dass in der IT-Branche eine Megafusion die nächste jagt, daran sind Anleger gewohnt. Doch die 37 Milliarden Dollar, die der Chiphersteller Avago jetzt für den Konkurrenten Broadcom bietet, sind selbst für die an Gigantismus leidende Branche Rekord. Weitere Kaufkandidaten mit ähnlich spektakulären Preisschildern sind zu erwarten, die nötigen Milliarden sind da.

Dabei wird in der Flut schneller Börsennachrichten gern übersehen, dass solche teuren Firmenkäufe einen Nebeneffekt haben: Sie blähen die Bilanzen der Käufer auf, weil diese für das aufgekaufte Unternehmen meist deutlich mehr bezahlen, als dessen bilanziertes Vermögen wert ist. Wenn ein Unternehmen ein anderes zu einem Preis kauft, der den aktuellen Wert von dessen Vermögen übersteigt – weil man dem Unternehmen zum Beispiel hohes Wachstumspotenzial zubilligt –, wird die Differenz zwischen Vermögen und Kaufpreis in der Bilanz als immaterieller Vermögenswert ausgewiesen. Der sogenannte Goodwill wird jährlich überprüft. Wächst der Zukauf nicht wie prognostiziert, müssen Teile davon abgeschrieben werden, was den Gewinn schmälert – und auch das Firmenvermögen.

Die zehn größten IT-Übernahmen weltweit nach Kaufpreis

Eifrig Hoffnungswerte erworben

Unternehmen wie Facebook, Microsoft, Cisco und Oracle haben die immateriellen Vermögenswerte – im Wesentlichen Goodwill, also die gezahlte Prämie auf den Vermögenswert – in den letzten Jahren auf viele Milliarden Dollar anschwellen lassen. Die Konzerne haben eifrig Hoffnungswerte erworben, deren tatsächlicher Wert sich noch zeigen muss. Man könnte einwenden, der Preis ist eben, was der Markt hergibt, und Wachstumspotenzial ist teuer. Immaterielle Vermögenswerte aus Käufen sind nicht per se schädlich. Wachsen die aufgekauften Unternehmen schnell, ist alles im Lot. Das Problem ist die Saisonalität des Geschäfts. Goodwill wird meist zu Haussezeiten angehäuft, wenn die Aktienkurse der Übernahmeziele hoch sind, die Käufer sich die Übernahmen aber leisten können, weil sie ihre Aktien als teure Kaufwährung nutzen.

Fakten zu Übernahmeprämien - Goodwill

Doch im nächsten Abschwung wird der Goodwill oft zum Problem. Wachsen die Gewinne der Zukäufe nicht wie erhofft, und kommt in einer zyklischen Delle dazu noch eigene Gewinnschwäche, so verstärken die einst teuren Käufe den Gewinnschwund. Wir wissen noch nicht, wie viel etwa das Halbleiterunternehmen Avago sich beim Kauf des US-Konkurrenten Broadcom an Goodwill aufgehalst hat, da der Kauf noch nicht abgeschlossen ist. Auch die Megafusionen Altera/Intel oder der Kauf von Freescale durch NXP sind noch nicht durch. Ein gutes Beispiel dafür, wie aus hohen immateriellen Vermögenswerten eine Zeitbombe werden kann, ist Microsoft. Dort erhöhte sich das bilanzierte Vermögen in nur fünf Jahren von 12,4 Milliarden Dollar auf 21,7 Milliarden Dollar, eine Folge der 9,4 Milliarden Dollar teuren Übernahme des Handygeschäfts von Nokia; der Deal ließ Goodwill aus Aufkäufen und sonstige immaterielle Vermögenswerte (etwa Patente) in der Microsoft-Bilanz um zehn Milliarden Dollar anschwellen.

Microsoft musste früher schon Werte berichtigen. So erkannte man 2012, dass sich der Kauf der Werbefirma aQuantive von 2007 nicht wie erhofft rechnen würde – und schrieb 6,2 Milliarden Dollar ab. Oft liefern plötzliche Abschreibungen Hinweise auf größeres Unheil, weil darin andere Probleme versteckt werden. So kam die Wertberichtigung von aQuantive, als das gesamte Internet-Werbegeschäft die Erwartungen nicht erfüllte. Erst Jahre später gestand Microsoft den Grund.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Als Nächstes könnte das 2013 gekaufte Nokia-Handygeschäft dran sein. Im jüngsten Quartalsbericht erklärte Microsoft, Nokia habe Umsatzziele verfehlt, man arbeite an der Bilanzplanung für nächstes Jahr und habe bei Nokia „erhöhtes Wertminderungsrisiko“ festgestellt. Bei Anlegern sollten die Alarmglocken schrillen: Microsoft könnte eine Milliardenabschreibung drohen. Dahinter steckt vielleicht ein strategisches Waterloo: Microsoft wird überlegen, ob es in der verlorenen Schlacht gegen Apple und Google nicht aufgibt und das Handy Lumia einstellt.

Auch Facebook hat sich zu teuren Käufen hinreißen lassen. 2014 zahlten die Kalifornier 19 Milliarden Dollar für den Kurznachrichtendienst WhatsApp; verbuchten 15 Milliarden davon als Goodwill. Niemand weiß, wie viel WhatsApp wert ist – Facebook hat die kaufmännische Logik hinter der Übernahme nie schlüssig erklärt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%