Kauflaune an den Börsen Anleger jubeln - aber wie lange?

Die Aussicht auf eine Einigung im Schuldenstreit mit Griechenland und Kursanstiege in China beflügeln die Märkte. Aber: die Börsen bleiben politisch, für grenzenlosen Optimismus ist es zu früh.

Börsianer hoffen auf eine Einigung im Griechenland-Streit. Quelle: REUTERS

Noch gibt es nur ein Reformpapier aus Athen, trotzdem hoffen Anleger bereits auf eine Einigung zwischen Griechenland und den anderen Ländern der Euro-Zone. Anleger kaufen am Freitag und hoffen, am Montag nach einer möglichen Einigung bei weiteren Kursanstiegen dabei zu sein. Dax und EuroStoxx legten jeweils um mehr als zwei Prozent zu, am Devisenmarkt kletterte der Euro über die Marke von 1,11 Dollar.

"Sollte sich die Großwetterlage rund um Griechenland am Montag positiv auflösen, sehen wir gute Chancen für Aktienkäufe und kurzfristige Kursgewinne", erklären Analysten der DZ Bank in einem Kommentar. Aus Sicht vieler Börsianer untermauern die Vorschläge den Willen zur Einigung seitens der Athener Regierung. Regierungschef Alexis Tsipras bietet Steuererhöhungen und eine Rentenreform, und möchte dafür im Gegenzug von den Ländern der Euro-Zone weitere Milliardenhilfen bewilligt bekommen. Am Samstag soll die Eurogruppe über seine Vorschläge beraten.

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

"Das Nein-Referendum scheint sich in ein Tsipras-Ja zu verwandeln", sagte Commerzbank-Analyst Markus Koch. Auch die Aussagen einiger europäischer Spitzenpolitiker stützen die Hoffnungen der Börsen. Präsident Francois Hollande würdigt die griechischen Vorschläge als "glaubwürdig und ernsthaft". Auch Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat sieht offenbar Chancen für eine Einigung im Schuldenstreit. "Auf den ersten Blick bieten die griechischen Vorschläge eine Gesprächsgrundlage", schrieb Muscat auf dem Nachrichtendienst Twitter.

Nichts entschieden

Die Bundesregierung wollte die Vorschläge aus Athen allerdings inhaltlich noch nicht bewerten. Auch einer Streichung griechischer Schulden wolle man nicht zustimmen, erklärte ein Sprecher. Und auch Tsipras, der Forderungen nach Reformen bislang scharf zurückgewiesen hatte, braucht noch die Zustimmung vom Parlament.

Der trotzdem vorherrschende Börsenoptimismus kommt vor allem Finanztiteln zugute, diese gehörten bisher zu den größten Verlierern der Krise. Der Branchenindex legte rund drei Prozent zu, die Deutsche Bank stand mit einem Plus von mehr drei Prozent bei den Dax-Werten ganz vorne, auch die Commerzbank-Aktie fand viele Käufer.

Viele Anleger nutzten die im Zuge der Angst vor einem Grexit gesunkenen Kurse zum Wiedereinstieg. "Aktien haben sich in den vergangenen Wochen deutlich verbilligt, die Bewertung hat sich somit vergünstigt", schreibt die DZ Bank. Allerdings: kommt es am Wochenende nicht zu einer Einigung im Schuldenstreit, dürften Börsianer am Montag umso verkaterter sein. Risikoaverse Privatanleger sollten also mit einem Einstieg in derart politisch aufgewühlten Zeiten noch warten. Wer mutig ist, kann auf eine Einigung spekulieren und im Anschluss Gewinne mitnehmen.

China beruhigt vorübergehend

Beruhigt hat die Märkte nicht nur eine mögliche Einigung im Schuldenstreit. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des chinesischen Aktienmarktes auf die Entwicklung. Der Shanghai Composite legte um 4,5 Prozent auf 3878 Punkte zu und stieg damit den zweiten Tag in Folge. Die Regierung hatte in den vergangenen Tagen zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um einem Crash entgegenzuwirken. "Chinesische Investoren folgen dem Herdentrieb - erst panisch nach unten und jetzt geht es andersherum", sagte ein asiatischer Hedgefondsmanager.

Trotz des vorläufigen Kursanstiegs ist die Gefahr nicht gebannt. Unter Mitwirken der Regierung hat sich in China eine enorme Börsenblase gebildet, vor allem Kleinanleger haben kräftig zugelangt und sind jetzt die großen Verlierer. Über die vergangenen drei Wochen waren die Kurse um rund ein Drittel gefallen, die chinesische Notenbank musste mehrfach eingreifen, um die Kurse zu stabilisieren.

Entsprechend skeptisch blicken Börsianer nun auf das vorläufige Ende der Talfahrt. "Die Kurse sind wegen der drastischen Maßnahmen der Regierung oben, deswegen geht der Markt noch nicht voll auf Risiko", sagte Devisenstratege Shinichiro Kadota von Barclays in Tokio. Immer noch ist fast die Hälfte der in China gelisteten Aktien auf Geheiß von Peking vom Handel ausgesetzt. "Von einem funktionierenden Kapitalmarkt, auf dem sich die Preise im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bilden, kann somit also keine Rede mehr sein", sagten Analysten der Commerzbank. "Das Vertrauen in das reibungslose Funktionieren der Börse ist erst einmal tief erschüttert."

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Das Problem: mittelfristig dürfte der Einfluss der China-Blase auf die Märkte deutlich größer sein, als Griechenlands Schuldenfrage. Insbesondere stellt sich die Frage, wie groß die ökonomischen Folgen des Crashs sein werden. Denn nicht nur bei den betroffenen Unternehmen wurde viel Wert verbrannt, viele Kleinanleger stehen nun vor einem Schuldenberg. Einige haben nicht nur ihr Erspartes in Aktien investiert, sondern sich noch zusätzlich verschuldet, um ihrem Traum vom Börsengewinner näher zu kommen. Mögliche Folgen für die Konjunktur, etwa eine schwächere Binnennachfrage oder wachsende Arbeitslosigkeit, werden wohl erst in einigen Monaten absehbar. Schon jetzt waren es in Europa vor allem die Aktien der Autohersteller wie VW oder BMW, die im Zuge des China-Crashs nachgaben. Für sie droht ein Einbruch auf dem wichtigsten Absatzmarkt.

Mittelfristig gilt China daher weiterhin eher als Belastung für die Märkte, während die meisten Anleger hoffen, dass sich das Thema Griechenland bald endlich erledigt hat.

Mit Material von Reuters

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