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Kion, Deutsche Annington und Co. Chance oder Risiko - Börsenneulinge im Check

Nach langer Flaute wird 2013 ein Jahr der Börsengänge. Während das für die Verkäufer lukrativ ist, verdienten Anleger abseits der IPOs besser. Kann der aktuelle Börsengänger Kion die Bilanz verbessern?

Warum alle Firmen gleichzeitig an die Börse möchten
Kion, Springer Science, Deutsche Annington – und dann auch noch Osram. Ende Juni und Anfang Juli werden sich die Firmenchefs der Neuzugänge an der Frankfurter Börse fast die Glocke in die Hand geben. Dabei ist der letzte normale Börsengang in Frankfurt – LEG Immobilien – dann schon fünf Monate her. Dass sich die Börsenkandidaten nun plötzlich drängeln, ist kein Zufall. Denn die Zeitfenster, auf die Unternehmen für einen erfolgreichen Börsengang angewiesen sind, sind – jedenfalls in Deutschland - eng. Im März, im Juni, im September und Mitte November werden deshalb die meisten Börsengänge gestartet. Quelle: dpa
„Es gibt Fenster, die man erwischen muss. Da müssen mehrere Faktoren zusammentreffen: Das Unternehmen muss bereit sein für einen Börsengang, der Markt muss stabil sein, aber auch der angepeilte Börsenplatz muss gut laufen“, sagt Martin Steinbach, der für die Unternehmensberatung Ernst & Young Börsengänge begleitet. „Der IPO-Eurostoxx-Performance-Index zeigt nach oben. Daher steht die Ampel derzeit auf Grün.“ Quelle: dpa
Die ZahlenDiese Voraussetzungen allein würden Börsengänge im Mai oder August noch nicht ausschließen. Doch hinzu kommen die rechtlichen Vorgaben. Die Zahlen, die die Unternehmen in ihrem Wertpapierprospekt verwenden, dürfen zur Erstnotiz nicht älter sein als 135 Tage, das sind viereinhalb Monate. „Sonst dürfen die Wirtschaftsprüfer die Zahlen nicht mehr beglaubigen“, erläutert Oliver Seiler, der als Wirtschaftsanwalt für die Kanzlei Allen & Overy an vielen Börsengängen mitarbeitet. Das heißt: Verweist der Börsenaspirant auf seine Geschäftszahlen zum Jahresende, muss er bis spätestens Mitte Mai an der Börse sein. Quelle: dpa
Der AusblickÄltere Zahlen würden die Investoren nervös machen - vor allem bei Unternehmen, deren Geschäft stark schwankt. Das begünstigt auch Börsengänge im zweiten Halbjahr. Denn dann wagen die Firmen einen Ausblick auf das kommende Jahr – und die meisten Investoren treffen ihre Kaufentscheidungen für neue Börsenwerte auf Basis der Erwartungen für das Folgejahr. Auch in den vergangenen Jahren hatten daher viele Kandidaten auf einen Termin im Herbst gesetzt – doch da kam regelmäßig eine Krise dazwischen. Die LEG, die ihren Börsengang im Januar auf Basis der Zwischenbilanz bis September 2012 gestartet hatte, war eine Ausnahme. „Je stabiler das Geschäftsmodell ist, desto eher kann das das wagen“, sagt Seiler. Quelle: REUTERS
Urlaubsszettel Quelle: Fotolia
Interne GründeDass Kion, Springer Science und Deutsche Annington auf den letzten Drücker kommen wollen, hat auch individuelle Gründe: Beim Gabelstapler-Konzern Kion musste erst der Einstieg des chinesischen Großaktionärs Weichai Power abgeschlossen sein, der größte deutsche Wohnungskonzern Annington hatte erst im April einen neuen Vorstandschef bekommen. Und beim Wissenschaftsverlag Springer Science versuchen die Eigner alternativ zu den Börsen-Vorbereitungen einen Käufer für das ganze Unternehmen zu finden. Endgültige Offerten werden erst in diesen Tagen erwartet. Quelle: dpa
Dass der Lichtkonzern Osram erst jetzt an die Börse kommt, ist eher Zufall: Aktionärsklagen gegen die Abspaltung hatten den Schritt zuvor verhindert. Doch auf die Sommerpause musste auch Osram achten. Zwar verschenkt Siemens die Papiere nur an die eigenen Aktionäre. Doch um eine Verkaufswelle großer Aktionäre - etwa von Indexfonds - nach dem Börsendebüt zu vermeiden, müssen Banker vorher neue Investoren für Osram-Aktien im Volumen von mehreren hundert Millionen Euro finden. Quelle: REUTERS

Sechs Jahre lang hat die Durststrecke gedauert: Seit 2007 hat es keine nennenswerte Anzahl von größeren Unternehmen gegeben, die sich an der Börsen haben listen lassen. Nun, zum Frühsommer 2013 hin ist es ziemlich sicher: 2013 dürfte ein Jahr der Neuemissionen (IPOs/Initial Public Offering) und des Listings von Aktien werden.

Kurs vervierfacht

Ein frisches Angebot an Papieren ist aus Anlegersicht grundsätzlich positiv: Je mehr gelistete Unternehmen es gibt, desto größer die Auswahl an potenziellen Gewinner-Aktien. So hat sich etwa der Kurs von Kabel Deutschland binnen gut drei Jahren vervierfacht. Der Kabelnetzbetreiber war Anfang 2010 der letzte große Börsengang für knapp drei Jahre.

Von einer solchen Performance sind die Neulinge des Jahrgangs 2013 bisher weit entfernt. Die Aktien von LEG Immobilien starteten Anfang Februar zu einem Zuteilungspreis von 44 Euro, die Kurse liegen aktuell rund fünf Prozent niedriger.  Die LEG-Eigner Goldman Sachs, Whitehall Private Equity Fonds und Perry Capital hatte vor knapp fünf Monaten 30,5 Millionen Aktien ausgegeben und erlösten damit rund 1,3 Milliarden Euro.  Für die kommenden Jahre hat die LEG einen Expansionskurs und Zukauf von Wohnungen angekündigt. Das Unternehmen verwaltet bisher rund 90.000 Wohnungen, vor allem in Nordrhein-Westfalen. 2013 starteten die Düsseldorfer schlecht. Der Gewinn gab im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als ein Drittel  auf 11,3 Millionen Euro nach.

Die Mieteinnahmen legten dagegen um 4,3 Prozent auf 89,2 Millionen Euro zu. Weniger Leerstand, höhere Mieten und Zukäufe trieben die Erlöse. Belastender als ein maues Quartalsergebnis dürften für den Kurs künftige Anteilsverkäufe der Großaktionäre sein. Goldman Sachs und Whitehall halten gemeinsam noch knapp 41 Prozent, Perry Capital gut neun Prozent der Anteile. Privatanleger sollten vorerst auf Abstand bleiben.

Erst bei niedrigeren Kursen ein Kauf

Das gleiche Schicksal teilt Evonik: Der Essener Chemiekonzern hat mit Finanzinvestor CVC einen Anteilseigner an Bord, der binnen eines überschaubaren Zeitraums seinen 25-Prozent-Anteil loswerden möchte. Bisher ist davon erst ein knappes Drittel verkauft. Die Evonik-Aktie ist seit knapp zwei Monaten börsennotiert. CVC und der zweite Großaktionär RAG-Stiftung hatten Evonik „kalt“ listen lassen, ohne einer breiten Investorenschaft ein Angebot zu unterbreiten. Diejenigen, die exklusiv Papiere erhielten, wie etwa der Singapurer Staatsfonds Temasek (4,6 Prozent Anteil), erleiden eine Kurserosion.

Zu 33 Euro gestartet, ist der Evonik-Kurs auf unter 29 Euro abgerutscht. Zum Vergleich: Der Dax legte seit dem Evonik-IPO um rund sechs Prozent zu. Belastend dürfte auf längere Sicht der Aktienüberhang bleiben. Auch die RAG-Stiftung will ihren Ursprungsanteil von 74,99 Prozent bis 2018 auf nur noch 25,01 Prozent abschmelzen. Deshalb ist die ertragsstarke Evonik erst bei noch niedrigeren Kursen als aktuell ein Kauf.  

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