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Kommende Schwellenländer Exotische Börsenchampions der nächsten Generation

Im Schatten der großen Schwellenländer erstarken neue Märkte wie Indonesien, Argentinien oder Kenia. Wie Anleger mit Mut zum Risiko am besten in die aufstrebenden Länder investieren.

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Diese Volkswirtschaften geben 2050 den Ton an
Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP

Tag für Tag wälzt sich eine gewaltige Blechlawine über Jakartas Straßen. Allein auf der inneren Ringstraße, einer Autobahn um das Zentrum der indonesischen Hauptstadt, stauen sich täglich über 570 000 Autos. Dem 30 Millionen Menschen zählenden Ballungsraum droht der Kollaps. In Jakarta stinkt’s zum Himmel – und dennoch lässt die Stadt täglich 8000 neue Fahrzeuge auf die Straßen.

Das freut die Manager von Jasa Marga. Der Dienstleister aus Jakarta ist Indonesiens größter Betreiber von Mautstraßen – ein Boom-Geschäft, auf Jahre hinaus. Das Unternehmen wächst zweistellig und setzte 2012 umgerechnet rund eine halbe Milliarde Euro an seinen Mauthäuschen um. Im laufenden Jahr will Jasa Marga 370 Millionen Euro investieren. In neue Mautstraßen und in elektronische Bezahlsysteme, die den Personaleinsatz senken und die Profitabilität steigern helfen. Die Aktie ist in Frankfurt gelistet, steckt aber auch in vielen Fonds, etwa im Allianz Indonesia Equity.

China enttäuscht Anleger

Anleger, die es wagten, außerhalb der etablierten Börsen zu investieren, setzten in den vergangenen Jahren auf Brasilien, Russland, Indien und China. Diese BRIC-Börsen wurden zu globalen Wachstumslokomotiven hochgejazzt. Insbesondere China aber enttäuschte Anleger mit einer fünf Jahre andauernden Kurstalfahrt. Und nun drohen Investoren aus dem Euro-Raum auch noch Währungsverluste, weil neben dem US-Dollar auch die Währungen der großen Volkswirtschaften Asiens zum Euro immer stärker abwerten.

Wer langfristig denkt, sollte deshalb seinem Depot Werte aus den Schwellenländern der zweiten Reihe beimischen. Die "kleinen Tiger", abgestempelt mit dem Exoten-Stigma, kommen aus Südostasien, Lateinamerika, dem Nahen Osten und Afrika. Im Windschatten von Kraftzentren der Weltwirtschaft finden sich dort kleinere, aber solide Wachstumsmärkte. In Malaysia etwa gibt sich die Regierung tunlichst Mühe, die Banken stabil zu halten, um konservativ zu wachsen. Mexiko profitiert von steigender Binnennachfrage und seiner Rolle als Werkbank für US-Unternehmen. Afrika schließlich schwingt sich dank einer wachsenden Mittelschicht und besserer Infrastruktur zum letzten großen Wachstumsmarkt auf, ist für Investoren aber noch ein weißer Fleck.

Aktienfonds und Zertifikate mit Anlageschwerpunkt in Lateinamerika

"Die neuen Champions kommen aus Südostasien, Nahost und Mexiko"

Wichtige Unternehmen aus diesen Ländern hat die Beratung Boston Consulting Group jüngst in ihrer Analyse der "Global Challenger" identifiziert: große Konzerne, die heute im Westen kaum jemand auf dem Radar hat, die aber die Globalisierung in den kommenden Dekaden mitgestalten werden. Zu ihnen zählen Südafrikas Mobilfunker MTN, Lufthansa-Wettbewerber Turkish Airlines oder Thailands Finanzkonzern Indorama Ventures, deren Aktien in vielen Spezialitäten-Fonds stecken.

Nikolaus Lang, Partner bei BCG, machte noch 2009 künftige Wettbewerber für den Westen zumeist in China und Indien aus. "Jetzt haben wir es mit einer regionalen Differenzierung zu tun, die neuen Champions kommen auch aus Südostasien, Nahost oder Mexiko", sagt Lang. Die Erfolgsrezepte dieser Unternehmen sind plausibel: "Sie nutzen die Nachfragestärke des Schwellenlandes zu Hause für das Wachstum, um irgendwann stark genug für den Weltmarkt zu sein", sagt Lang.

Rentabilität in einer umkämpften Branche

Stärken und Schwächen der BRIC-Staaten
Die Skyline der Millionen-Metropole Shanghai, China Quelle: REUTERS
Leute shoppen auf den Straßen von Sao Paulo, Brasilien Quelle: dapd
Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva mit ölverschmierten Händen auf einer Ölplattform vor Bacia De Campos Quelle: dpa
Indien befindet sich laut einer Studie der Weltbank zu den Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeiten nur auf Platz 132. Genehmigungen, Kredite bekommen, Vertragseinhaltung - alles ist auf dem Subkontinent mit erheblichen Aufwand und Unsicherheiten verbunden. Hinzu kommt Korruption, eines der größten Probleme für das Land. Transparency International listete Indien im Jahr 1999 noch auf Patz 72, elf Jahre später ist das Land auf Platz 87 im Korruptionsindex abgerutscht. Nicht nur für die ausländischen Unternehmen ist Korruption ein Ärgernis, weil sie stets fürchten müssen, dass Verträge nicht eingehalten werden. Korrupte Beamte und Politiker sind auch eine enormes Problem für die mittleren und unteren Schichten, denen schlicht das Geld zur Bestechung fehlt. Um öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die den Bürgern per Gesetz zustehen, müssen laut Transparency International mindestens 50 Prozent ihrer Befragten Bestechungsgelder zahlen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Analysten gehen davon aus, dass die Direktinvestitionen in Indien um ungefähr 31 Prozent zurückgegangen sind und aus dem indischen Aktienmarkt etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen worden sind. Besonders brisant: nach einer Studie der Washingtoner Global Financial Integrity Organisation leitete die Liberalisierung und Markt-Deregulierung im Jahr 1991 die Hochzeit der Korruption und des illegalen Geldtransfers ein. Im Bild: Der Antikorruptions-Aktivist, Anna Hazare, im August 2011 in Neu Delhi. Hazare ging für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die grassierende Korruption seines Landes zu protestieren. Tausende Sympathisanten unterstützen den Aktivisten bis zum Schluss seiner Aktion. Quelle: dapd
Verkehrsstau auf dem Delhi-Gurgaon Expressway, in Neu Delhi, Indien. Quelle: AP
Im Bild: eine Fabrikarbeiterin in einer Textilfabrik aus der Provinz Anhui, China. Quelle: REUTERS
Im Bild: Ein Eierverkaufsstand in Jiaxing, Zhejiang Provinz. Quelle: REUTERS

Ein Beispiel ist Grupo Bimbo. Die mexikanische Großbäckerei hat von Lateinamerika bis hinauf in die USA gezielt Premiummarken gekauft. Bimbo überrascht mit einer für die umkämpfte Backwarenbranche extrem hohen Rentabilität, die Gewinnmarge vor Steuern und Abschreibungen liegt bei 16 Prozent. Der Aktienkurs verdoppelte sich binnen fünf Jahren.

Chancen bietet auch die mexikanische Grupo Alfa. Der familiengeführte Mischkonzern ist über die Chemietochter Alpek größter PET-Produzent in Nord- und Südamerika. Die zweite Tochter Nemak ist Zulieferer der Autoindustrie; in jedem vierten Auto weltweit stecken Motorgehäuse aus Aluminium, die die Mexikaner zu Hause oder in einer ihrer insgesamt 19 Fabriken weltweit bauen. Die dritte Tochter, der Lebensmittelkonzern Sigma, ist einer der größten Anbieter von Fleisch- und Milchprodukten, die wie Bimbo vom wachsenden Konsum in Lateinamerika und der Erholung in den USA profitieren. Insgesamt macht Alfa schon 60 Prozent des Umsatzes außerhalb Mexikos. Seit 2002 wachsen die Gruppenerlöse jährlich um rund 15 Prozent. Der Gewinn vor Steuern ist 2012 nach rasanten 35 Prozent plus im Vorjahr vermutlich erneut um 15 Prozent gewachsen.

Von steigenden Farmlandpreisen profitieren

Weiter südlich zieht die Aktie von Adecoagro Fondsmanager-Interesse auf sich. Der argentinische Farmkonzern produziert Soja, Mais, Ethanol und Zucker in ganz Südamerika. Die Region gilt heute schon als wichtigster Zulieferer der globalen Lebensmittelindustrie. Südamerika will diese Position aufgrund von Standortvorteilen – gutes Klima, große Wasservorräte, leicht erreichbare Häfen, viel verfügbares Land – ausbauen. Schon heute besitzt Adecoagro etwa 290 000 Hektar Land in Argentinien, Uruguay und Brasilien, das der Konzern zum Teil aufwertet und weiterverkauft. Größter Aktionär mit 21 Prozent ist der Hedgefonds von George Soros. Adecoagro profitiert von steigenden Farmlandpreisen: Mit den Inflationssorgen nimmt das Interesse von Investoren an Agrarflächen zu. Die Aktien sind, wie die von Bimbo und Alfa, auch an deutschen Börsen notiert. Wer Risiko streuen will, kauft sie aber besser über Fonds.

Aktienfonds und Zertifikate mit Anlageschwerpunkt in Südostasien

Indonesien, Malaysia und Vietnam haben sich auf behutsameres Wachstum im Schatten von China eingestellt. Das ging mal pompöser: In den Neunzigerjahren wuchs Südostasien in den Himmel, die Hochhäuser mit Hotels und Bürosilos in Bangkok und Kuala Lumpur zeugen noch heute davon. 1997 platzte die Kreditblase und stürzte die Tiger- und Pantherstaaten Asiens in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Jetzt geriert sich Südostasien vernünftiger: Indonesien wächst zwar mit starken acht Prozent im Jahr, die Banken der Region wappnen sich jedoch mit hohen Pflichteinlagen gegen potenzielle Blasen. Aktienfavoriten aus der Region sind Konsumgüterhersteller mit Ambitionen in ganz Südostasien.

Vietnam kann um bis zu fünf Prozent pro Jahr wachsen

Die Wachstumsmärkte von morgen
Platz 9: MalaysiaMit einer verhältnismäßig kleinen Bevölkerung von 28 Millionen Einwohnern kann Malaysia kaum punkten. Auch die verhältnismäßig hohen Arbeitskosten von 15,6 Dollar (absolutes BIP geteilt durch BIP pro Person) machen das Land nicht außergewöhnlich attraktiv. Spannend ist Malaysia vielmehr als Beschaffungsmarkt. Die Befragten der Studie von Valuneer und ICC zu Trends internationaler Einkaufsmanager bewerteten den Markt überaus positiv. Quelle: Exklusivranking für die WirtschaftsWoche in Kooperation mit Valueneer. Für das Ranking wurde nach der Attraktivität als Absatz- sowie als Beschaffungsmarkt unterschieden und Indikatoren wie Lohnkosten, Wachstumsraten, Importvolumen, Rohstoffreichtum und Bevölkerungsgröße herangezogen und unterschiedlich gewichtet. Quelle: AP
Platz 8: GhanaDas afrikanische Land kann mit seinem starken Wachstums punkten. 2011 stieg das BIP um 13,5 Prozent. Kein anderer der 50 betrachteten Wachstumsmärkte wies solche Steigerungsraten auf. Dazu lockt Ghana mit günstigen Arbeitskosten. Allerdings gilt das westafrikanische Land nach wie vor als wenig sicher und sehr korrupt. Quelle: REUTERS
Platz 7: Polen Das Land punktet bei deutschen Investoren vor allem durch seine räumliche Nähe als günstiger Beschaffungsmarkt. Die politische Lage ist stabil. 39 Millionen Einwohner freuen sich über ausländische Waren. 2011 gingen immerhin Importe im Wert von 170 Milliarden Dollar ins Land. Auch wenn die Lohnkosten verhältnismäßig hoch sind - Polen bleibt ein attraktiver Markt. Quelle: dpa
Platz 6: AlgerienDas Land erreicht in keiner Kategorie Bestwerte, kann aber als Beschaffungsmarkt überzeugen (Platz 2). Einkaufsmanager sehen viel Potenzial, außerdem verfügt das Land über immense Rohstoff-Ressourcen im Wert von 72 Milliarden Dollar. Die Arbeitskosten sind mit 7,3 Dollar noch deutlich geringer als z.B. in der Türkei (14,5 Dollar) oder Mexiko (14,6 Dollar). Damit erreicht Algerien insgesamt Platz 6. Quelle: AP
Platz 5: TürkeiIm Ranking der besten Absatzmärkte erreicht die Türkei mit einer durchschnittlich kaufkräftigen, aber dafür umso größeren Bevölkerung von 75 Millionen Einwohnern einen guten dritten Platz. Im Jahr 2011 wuchs das BIP um satte 8,5 Prozent. Als Beschaffungsmarkt ist das Land dafür weniger attraktiv (Platz 10 von 50). Insgesamt: Platz 5. Quelle: dpa
Platz 4: MexikoBereits 328 Milliarden Dollar Direktinvestitionen flossen 2011 nach Mexiko - der höchste Wert im Ranking. Dazu locken 112 Millionen Einwohnern. Diese Kombination macht Mexiko zum zweitbesten Absatzmarkt der Welt für die deutsche Wirtschaft - so die Experten von Valuneer. Als Beschaffungsmarkt kann das Land weniger überzeugen: Platz 11. Insgesamt reicht es für Rang vier. Quelle: dpa
Platz 3: Südkorea1723 Dollar pro Kopf steckte Südkorea im Jahr 2011 in Forschung und Entwicklung - und damit mehr als alle anderen untersuchten Ländern. Als Beschaffungsmarkt belegt Südkorea den vierten Platz. Als Absatzmarkt überzeugt der asiatische Staat, weil er bereits im Jahr 2011 Importe im Wert von 525 Milliarden Euro einführte. Quelle: dpa

Indonesien ist der mit Abstand größte Markt in Südostasien – stärkeres Vertrauen unter den Investoren galt 2013 aber bisher Vietnam. Die Börse hat seit Jahresbeginn um mehr als 20 Prozent zugelegt. Große Industriekonzerne verlagern ihre Produktion von China nach Vietnam, weil die Arbeiter dort jünger sind und deren Bezahlung noch dürftiger ausfällt. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 28 Jahren. "Samsung etwa produziert bereits 40 Prozent der Mobiltelefone in Vietnam", sagt der US-High-Tech-Aktienexperte Fred Hickey. Die vietnamesische Wirtschaft könnte fünf bis sechs Prozent Wachstum jährlich erreichen. "All das sind Gründe, warum Anleger zunehmend optimistisch nach Vietnam blicken", sagt Hickey.

Bereits weiter entwickelt ist Malaysia. Seit der Asienkrise 1998 gefällt sich das Land in seiner Rolle als Stabilitätsgarant in Südostasien. Lange lebte Malaysia vom Öl. Vom Rohstoffreichtum des Landes zeugen die futuristischen Petronas Towers, die mit 88 Stockwerken auf 378 Metern das Stadtbild von Kuala Lumpur dominieren. Da das Öl in Malaysia in den nächsten 20 Jahren versiegen wird, ist die Diversifizierung bei Petronas bereits in vollem Gange: Über 60 Prozent seines Öls bohrt der Konzern in Nordafrika, im Irak und in Usbekistan – oft in Regionen, in die sich westliche Konzerne aus Sicherheitsgründen nicht trauen. Das Papier steckt etwa im Fidelity Malaysia Fonds.

Verdienen an den Chinesen

Märkte von morgen

Neben Rohstoffen entwickeln sich Handel und Dienstleistungen zu Wachstumstreibern in Malaysia. Sichtbar wird das etwa beim Unternehmen Genting, dessen Aktie ebenfalls im Malaysia-Fonds steckt. Genting betreibt zwei Autostunden von Kuala Lumpur Kasinos – und verdient prächtig an Chinesen, die in ihrer Heimat nicht mehr zocken dürfen. Genting expandiert inzwischen auch in die USA und Großbritannien.

Kräftiges Wachstum findet sich indes auch an der Schnittstelle von Europa zu Asien, in der immer noch unterschätzten Türkei. "Die Türkei ist eine großartige Erfolgsstory, obwohl wir vom EU-Beitritt nichts mehr hören", sagt Marcin Fiejka, Experte für europäische Schwellenländer bei Pioneer Investment. Möglicherweise ist das Land am Bosporus aber gerade deshalb ein lukratives Investorenziel. Die Türkei wuchs 2012 um drei Prozent. Mit einem Haushaltsdefizit von 2,4 Prozent steht die Türkei besser da als die meisten EU-Länder, die Gesamtverschuldung beträgt nur 35 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt. Dazu verfügt die Türkei über einen leistungsfähigen Bankensektor; in der Finanzkrise musste kein einziges Institut gerettet werden.

Zufrieden sind die Türken mit den für 2013 erwarteten vier Prozent Wachstum nicht. In den Vorjahren lagen sie mit Raten über acht Prozent mit China an der Weltspitze. Ministerpräsident Tayip Erdogan will die Türkei bis 2023 von Rang 17 unter die Top Ten der größten Industrienationen führen. Der Nahe Osten, Mittelasien, Fernost und Nordafrika gewinnen für die Wirtschaft zunehmend an Bedeutung.

Starke Schwankungen am Aktienmarkt

Aktienfonds und Zertifikate mit Anlageschwerpunkt in Afrika, Türkei und dem Nahen Osten

Der Boom am Bosporus beflügelt auch die Fantasie der Anleger. 2012 zählte die Börse Istanbul mit einem Indexplus von 58 Prozent zu den Jahressiegern. Relativiert wird der Anstieg allerdings dadurch, dass der Markt im Jahr zuvor rund 36 Prozent verloren hatte. Traditionell kennzeichnen starke Schwankungen den türkischen Aktienmarkt. Anleger brauchen deshalb gute Nerven. So steil wie 2012 wird es zwar in diesem Jahr an der Bosporus-Börse nicht nach oben gehen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Marktes liegt bei zehn, viele Werte sind nicht mehr ganz billig. Unterm Strich sind "Kursgewinne von 10 bis 15 Prozent aber durchaus realistisch", sagt Gregor Holek, Türkei-Experte und Fondsmanager im Emerging Markets Team bei Raiffeisen Capital Management. Zu seinen Favoriten gehören Finanzwerte: "Hier bergen die Bewertungen auch nach der Rally des letzten Jahres noch Potenzial."

Märkte von morgen

Über Türkei-Fonds können Anleger auch indirekt Geld in Afrika anlegen. "Mangels Liquidität ist es sehr schwierig, in Afrika direkt zu investieren", sagt Pioneer-Fondsmanager Fiejka. "Türkische Bauunternehmen und Konsumgüterhersteller aber sind in Afrika gut unterwegs." Türkische Unternehmen bieten dort immer häufiger auch Chinas Staatskonzernen Paroli. Der Baukonzern Eser etwa baut Straßen, Dämme und Kraftwerke im Afrika südlich der Sahara. Das Familienunternehmen Koc, in den meisten Türkei-Fonds ebenfalls vertreten, ist in vielen afrikanischen Ländern einer der Marktführer bei "weißer Ware" – Waschmaschinen, Rasiergeräte oder Bügeleisen verkaufen sich prächtig bei Mittelklasse-Haushalten in Kairo, Nairobi oder Johannesburg.

Großer Bedarf an Infrastruktur

Überhaupt bringt Afrika Investoren derzeit ins Träumen. Trotz der Kriege in Nordafrika ist der Kontinent seit Mitte der Neunziger friedlich wie nie in der Geschichte. Die Volkswirtschaften in Schwarzafrika sind seit dem Jahr 2000 im Schnitt um über sechs Prozent pro Jahr gewachsen. Der Konsum zieht an, der Bedarf an Infrastruktur ist gewaltig, Dienstleistungen wie Banken oder Mobilfunk boomen. "Afrika ist für Investoren das letzte weiße Blatt, der letzte verbliebene Frontier-Markt", schwärmt Afrika-Experte Jens Schleuniger, der bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS einen der ersten Afrika-Fonds aufgebaut hat und heute für die Frankfurter VCH arbeitet.

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Afrikas Unternehmen legen selten Bilanzen nach internationalen Standards vor; über vielen schwebt der Verdacht der Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung oder Korruption. Für institutionelle Anleger sind die Aktien heiße Eisen, denn ein Skandal um Menschenrechtsverletzungen oder Umweltsünden kann einem in Afrika investierten Fonds schon aus moralischen Gründen schwer Schlagseite verpassen.

Schleuniger weiß das. Darum investiert er vorsichtig, setzt auf Düngemittelhersteller und Banken in Kenia oder Südafrika, die von der Konstanz des Aufschwungs im Agrarsektor profitieren. Da "der Bierkonsum durchweg stärker wächst als die Wirtschaft allgemein" lohnten auch Brauereiaktien – Pils statt Rooibos-Tee also.

Von Florian Willershausen, Alexander Busch (Sao Paulo), Gerd Höhler (Istanbul), Philipp Mattheis (Shanghai), Mathias Peer (Bangkok), Heike Schwerdtfeger

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