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Kryptowährung Libra Wie Facebook einen besseren Bitcoin erschaffen will

Facebook will mit seiner eigenen Kryptowährung an den Start gehen. Quelle: REUTERS

Facebook hat sein Konzept für die eigene Kryptowährung Libra präsentiert. Was das für Nutzer bedeutet – und warum es keine Libra-Geldautomaten geben wird.

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Seit Monaten brodelte die Gerüchteküche: Medien aus aller Welt enthüllten immer neue Informations-Häppchen zur Facebook-Kryptowährung. Nur Facebook selbst äußerte sich nicht. Bis Dienstag.
Am Morgen ging die Internetseite calibra.com online – dort veröffentlicht Facebook seine Pläne für die eigene Digitalwährung namens Libra. „Stell dir vor, es gäbe eine neue globale Währung in einem neuen globalen Netzwerk“, heißt es auf der Website. Sie wird auf einer neuen Blockchain basieren, der Libra Blockchain.

Der Aufwand, den Facebook mit diesem Projekt betreibt, ist enorm. Es ist nicht bloß ein kleiner Nebenschauplatz im Geschäft eines der größten Technologiekonzerne der Welt, sondern ein strategischer Schachzug. „Wir wollen uns künftig auch als Handelsplattform aufstellen“, sagte Paulette Rowe, verantwortlich für das weltweite Zahlgeschäft von Facebook, schon Anfang Juni auf einer Finanzkonferenz in Amsterdam. „Wir suchen nach Wegen, wie sich möglichst viele unserer Nutzer untereinander Geld senden können.“ Im April hatte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg selbst ausgerufen: „Zahlungen werden ein wirklich wichtiger Teil unseres Geschäftes werden.“

Die Bilanz der großen Zahl-Offensive von Facebook heute: Zwei neue Websites, zwei neue Unternehmen, eine neue App, gut hundert Seiten Text in PDF-Dokumenten – und der Anspruch, eine neue Entwicklergemeinschaft für seine Kryptowährung aufzubauen.

Die neue App Calibra

Facebook will eine neue App namens Calibra herausbringen. Dort sollen sich Nutzer mit ihrem amtlichen Ausweis registrieren, um für die Zahlfunktion freigeschaltet zu werden. Anschließend können sie in den Facebook-Apps WhatsApp und Messenger Geld senden. Nicht aber im Fotonetzwerk Instagram.

Über den Messenger sollen die Facebook-Nutzer aber auch bei kleinen Händlern einen Kaffee kaufen oder ihre Rechnung im Restaurant teilen können. Facebook setzt dazu auf QR-Codes. Denn nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen spricht Facebook auf seiner Calibra-Website an. Langfristig sollen mit Libra sogar Zahlungen an der Kasse im Geschäft möglich sein.

Erste Ansicht: So soll die App Calibra auf dem Smartphone daherkommen. Quelle: Presse

Da die Finanzdaten von der neuen Facebook-Tochter Calibra Inc. verwaltet werden sollen, würden „abgesehen von einigen wenigen Fällen [...] ohne Einwilligung des Kunden keine Kontoinformationen oder Finanzdaten mit Facebook oder irgendeinem Dritten“ geteilt, heißt es in einem Dokument zum Verbraucherdatenschutz für Calibra. Kontoinformationen und Finanzdaten würden also nicht verwendet, um „das Anzeigen-Targeting in der Produktfamilie von Facebook zu verbessern“.

Laut Website plant Facebook, Gebühren für die Transaktionen zu verlangen. Wie hoch sie sein werden, dazu macht Facebook noch keine Angaben. Lediglich: „gering und transparent“.

Wie gut das alles funktioniert, bleibt abzuwarten. „Libra wird als Transaktionssystem höchstwahrscheinlich erfolgreich sein, da es für Nutzer einen einfachen und kostengünstigen Weg bietet, um Geld auszutauschen“, sagt die Analystin Aurelie L’Hostis vom US-Marktforscher Forrester. „Bis Konsumenten Libra als Wertanlage annehmen werden, wird es allerdings noch etwas dauern.“

Denn das Zahlsystem Calibra selbst ist nicht die Revolution, sondern die Kryptowährung dahinter.

Was hinter der neuen Kryptowährung Libra steckt

Datenschützern und Kritikern in aller Welt dürften sich bei dem bloßen Gedanken daran die Nackenhaare aufstellen, dass Facebook künftig nicht nur die Likes und Fotos seiner Nutzer auswertet, sondern möglicherweise auch noch ihre Finanzdaten. Und so kontert Facebook und zieht alle Register, um die Unabhängigkeit seiner neuen Kryptowährung zu betonen.

Statt in Eigenregie die Kryptowährung zu verwalten, hat das Unternehmen eine Tochter gegründet: Die Libra Association ist das Herzstück des Kryptowährungs-Projektes. Noch ist das Unternehmen mit Sitz in Genf in der Hand von Facebook.

Dass Facebook für sein Projekt Genf als Firmensitz ausgewählt hat, ist ungewöhnlich. Zwar gibt es dort eine Blockchain-Szene, als Hotspot für Kryptowährungen in der Schweiz gilt aber das Crypto Valley rund um den Ort Zug. Doch dort habe es nicht das nötige Netzwerk für das Libra-Projekt gegeben, sagt Dante Disparte von der Libra Association im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

„Das Ziel von Libra ist finanzielle Inklusion“, sagt er. „Wir haben Genf als Standort ausgewählt, weil wir in diesem internationalen Umfeld mit vielen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen und Finanzinstituten zusammenarbeiten können.“

Der Zahldienstleister Visa schreibt in einer Stellungnahme: „Digitale Währungen wie Libra könnten dabei helfen, die Abhängigkeit von Bargeld zu überwinden und 1,7 Milliarden Menschen ohne Bankkonto schneller den Zugang zum Finanzsystem ermöglichen.“ Visa gehört zu den Gründungsmitgliedern, die das Facebook-Projekt unterstützen.

Das Ziel der Libra Association ist klar: „Wir wollen mit Libra den Zahlungsverkehr so vereinfachen, wie es das Internet mit der Übertragung von Informationen geschafft hat“, sagt Disparte. Einfacher Zugang zum Finanzsystem, auch in Ländern, die bislang keine ausreichende Bankinfrastruktur besitzen. Anders als zuvor berichtet, wird Libra aber keine eigene Infrastruktur aufbauen: „Wir wollen keine Geldautomaten aufstellen, das würde dem Prinzip einer weltweiten Digitalwährung widersprechen“, sagt Disparte.

Derzeit haben sich 28 Partnerunternehmen angeschlossen. Darunter neben Visa die Zahlungsdienste Paypal, Mastercard, Stripe und PayU. Aber auch Unternehmen wie Spotify, Vodafone, Uber, die Blockchain-Handelsplattform Coinbase und die neue Facebook-Tochter Calibra. 100 Partner sollen es bis 2020 sein, wenn die Kryptowährung Libra auf den Markt kommen sollen.

Künftig, so plant der Konzern, wird Facebook auch nur noch eines von diesen 100 Partnerunternehmen sein, die das Libra-Projekt steuern. Sie verwalten gemeinsam die Libra-Blockchain: die Datenbank, in der die Transaktionen von potenziell über zwei Milliarden Nutzern weltweit gespeichert werden.

Noch wird diese Blockchain mit einer Zutrittsschranke betrieben. Das heißt, nur jene Mitglieder können sich anschließen, die bestimmte Kriterien erfüllen. Eines davon: mindestens zehn Millionen Dollar bereitstellen. Für jede zehn Millionen Dollar, die ein Partner in das Projekt investiert, erhält er eine Stimme in der Libra Association.

Anders als im Bitcoin-Netzwerk werden die Krypto-Münzen nicht geschürft, sondern nach Bedarf von der Libra Association erstellt. Dann gehen sie an spezielle Vertriebspartner, die sie an Unternehmen oder Nutzer ausgeben. „Vertriebspartner, das können auch Gründungsmitglieder sein“, sagt Disparte.

Wie das aussehen könnte: Uber könnte beispielsweise Libra-Münzen an seine Kunden verteilen oder verkaufen und sie damit – vermutlich vergünstigt – ihre Fahrten zahlen lassen. Oder: Die Blockchain-Handelsplattform Coinbase bietet die Libra-Münzen ihren Kunden einfach zum Verkauf an, damit diese sie auf anderen Plattformen wie Booking.com nutzen können.

So soll es nach dem Start mit Libra weitergehen

Mit zunehmender Lebensdauer des Projektes will Facebook die Zutrittsbarrieren zur Libra-Blockchain aber abbauen. Und plant dann ein offenes System, zu dem auch freie Entwickler und andere Unternehmen Beiträge leisten können.

Solch ein Übergang sei durchaus möglich, sagt der deutsche Blockchain-Experte Fabian Vogelsteller. Er gehört zu den einflussreichsten Entwicklern bei Ethereum und arbeitet heute an seinem neuen Projekt Lukso. Er glaubt, dass Facebook mit einem offenen Blockchain-Projekt durchaus Entwickler aus der Krypto-Szene gewinnen könnte: „Wenn die Facebook-Blockchain globale Zahlungen einfacher macht und eine große Zahl an Nutzern gewinnt, wird die aktuelle Blockchain-Welt dieses System sicherlich integrieren.“

Die Nutzer will Facebook derweil mit einem Versprechen locken: Die digitale Münze soll im Wert stabil bleiben und keine gravierenden Kursschwankungen verkraften müssen wie Bitcoin und Co.. Die Libra Association wird dazu eine Reserve anlegen, die aus einem ganzen Korb staatlicher Währungen und Schuldverschreibungen der Staaten mit sehr guter Bonität bestehen soll. Welche Währungen genau enthalten sein werden, das ist noch nicht klar, sagt Disparte.

Die Zahl der ausgegebenen Münzen ist nicht begrenzt. Sie soll sich an der Nachfrage der Kunden und Partner orientieren. Löst ein Nutzer beispielsweise Euro gegen Libra ein, gibt die Libra Association neue Münzen aus. Sinkt die Nachfrage nach den Libra-Münzen, werden sie vernichtet.

Nutzer werden auch dann Libra-Münzen erwerben können, wenn ihre eigene staatliche Währung nicht Teil des Währungskorbs ist, der den Wert der Libra stabil halten soll. Das Geld in der Währungsreserve verwalten wird die Libra Association aber nicht: „Wir werden Kontakt mit Vermögensverwaltungen und großen internationalen Banken aufbauen, die die Währungsreserven für Libra verwalten. Es wird mehrere und nicht eine einzige Stelle geben, die die Währungsreserven verwahren“, sagt Disparte.

Trotz der großen Ankündigung und Medien-Offensive: Noch scheinen viele Details des Zahlungs-Projektes von Facebook ungeklärt. Die Calibra-App befinde sich in der Entwicklung, heißt es auf der Website. Der Konzern arbeite daran, die Währung Libra und die zugehörige App Calibra möglichst schnell in möglichst vielen Ländern weltweit auf den Markt zu bringen.

Und auch die Libra Association sagt lediglich, dass sie im Austausch mit den Finanzaufsehern in verschiedenen Ländern der Welt sei.

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