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Kryptowährungen „Der innere Wert des Bitcoin ist Null“

Ist der Wert des Bitcoin so hoch wie sein Preis? Quelle: imago images

Stefan Hofrichter von Allianz Global Investors erklärt, warum der Vergleich zwischen Bitcoin und Gold nichts taugt und warum die Notenbanken Schuld an der Kryptoblase sind.

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Stefan Hofrichter ist Volkswirt und leitet bei Allianz Global Investors, der Investmentgesellschaft der Allianz, den Bereich Global Economics & Strategy. Seit 2016 sitzt er im Ökonomenbeirat der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA, zudem lehrt er an der Wiesbaden Business School. Schon 2018 warnte er, das Platzen der Bitcoin-Blase sei nur noch eine Frage der Zeit, weil der Bitcoin keinen fairen Wert habe.

WirtschaftsWoche: Herr Hofrichter, Sie haben schon vor über drei Jahren gewarnt, die Blase beim Bitcoin könne bald platzen. Nun ist das Gegenteil passiert, der Wert der ältesten Kryptowährung hat sich seitdem mehr als verfünffacht. Lagen Sie falsch?
Stefan Hofrichter: Nein, generell hat sich an meiner Einschätzung aus ökonomischer Sicht nichts geändert. Es gilt weiterhin, dass der innere Wert des Bitcoin bei Null liegt. Der Preis ist das, was Anleger bereit sind für den Bitcoin zu zahlen. Das heißt, der Preis steigt, weil ganz offensichtlich viele daran glauben, dass er weiter steigt.

Und die irren alle?
Die niedrigen Zinsen sorgen für hohe Nachfrage nach Geldanlagen und machen generell Assets ohne laufende Zinserträge attraktiv. Deshalb sehen wir auch beim Bitcoin und anderen Kryptowährungen so hohe Kurse. Das alles ist aber Zeichen der Überhitzung. Letztlich zeigen ja auch die hohen Kurse am Aktienmarkt, dass in den vergangenen Jahren durch die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken vieles heiß gelaufen ist, nicht nur der Bitcoin.
Trotzdem sehen einige in Bitcoin einen passenden Schutz vor Inflation und einen Ersatz für Gold.

Der Vergleich mit Gold passt aus meiner Sicht nicht. Für Gold gibt es reale Verwendungsmöglichkeiten. Beide Instrumente profitieren aber ganz klar davon, dass die Zinsen niedrig sind und sie durch ein streng limitiertes Angebot gekennzeichnet sind. Aus einer Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wissen wir, dass der Grund für den Anstieg des Bitcoin nicht das fehlende Vertrauen in unser Währungssystem ist.

Stefan Hofrichter leitet bei Allianz Global Investors den Bereich Global Economics & Strategy Quelle: Presse

Sie meinen ein streng limitiertes Angebot, weil nur 21 Millionen Bitcoin geschürft werden können?
Ja. Wobei ich bei Kryptoassets insgesamt trotzdem inflationäre Tendenzen sehe. Immerhin gibt es mittlerweile über 10.000 verschiedene Kryptowährungen, und es kommen jeden Tag neue dazu. Hinzu kommt, dass der Bitcoin wie Gold einen entscheidenden Nachteil hat.

Welchen meinen Sie?
Beide können unsere wachsende Volkswirtschaft nicht stützen. Denn dafür müsste die Geldmenge zunehmen können, wie es beim Fiatgeld, also zum Beispiel beim Euro oder Dollar, möglich ist.

Weil die Zentralbanken regelmäßig die Geldmenge erhöhen...
Dieses Geldsystem dient der Steuerung unseres Wirtschaftslebens, und das wiederum basiert auf dem Vertrauen ins Währungssystem. Ich sehe auch keine Flucht aus unserem Finanzsystem, wie sie einige Bitcoin-Anarchisten heraufbeschwören. Auch kann ich das Argument, der Bitcoin sei so dezentral, nicht ganz nachvollziehen.

Warum nicht?
Weil eine große Zahl an Bitcoin von vergleichsweise wenigen Nutzern gehalten werden. Da ist eine hohe Konzentration im Markt.

Fast 95 Prozent aller geschürften Bitcoin werden nur von rund zwei Prozent der Wallets gehalten.
Genau, dieser angeblich demokratische Aspekt erschließt sich mir da nicht.

Geht es bei einem Investment in Kryptowährungen nicht viel mehr um die jeweilige Technologie dahinter, die Blockchain, also eine dezentrale Datenplattform?
Zum Teil stimme ich zu. Bei Ether, der zweitgrößten Kryptowährung, sehe ich auch durchaus sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten der Ethereum-Blockchain. Das Thema Blockchain sollte aber auch losgelöst von digitalen Assets betrachtet werden.

Es wurden zum Beispiel schon Anleihen über Ethereum emittiert.
Aber insbesondere das Bitcoinsystem bietet eben technisch viel weniger Möglichkeiten, weil es unter anderem deutlich langsamer ist.

Die Europäische Zentralbank (EZB) arbeitet am digitalen Euro, andere Zentralbanken sind sogar schon weiter und machen erste Feldversuche mit ihren digitalen Währungen. Werden Kryptowährungen so verdrängt?
Zumindest hat der Druck aus dem Kryptobereich dafür gesorgt, dass die Zentralbanken bei der Entwicklung schneller vorankommen. Das Thema CBDC (Central Bank Digital Currencies) ist aber hochkomplex und viele Fragen sind noch nicht gelöst. Ich denke daher, dass es beides geben wird. Der digitale Euro wird irgendwann kommen, aber seine Anhänger werden den Bitcoin sicher nicht aufgeben.

Mehr zum Thema: Kryptowährungen polarisieren die Finanzwelt. Dabei bieten Investments in den Megatrend enorme Chancen – sofern es Anleger richtig machen.

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