Kursrutsch am Anleihemarkt Bundesanleihen sind die neuen Eurobonds

Wann kommt die Zinswende? Die Frage macht Anleger sehr nervös, wie der jüngste Einbruch bei Bundesanleihen zeigt. Die EZB-Maßnahmen stoßen an Grenzen, die ganze Anlageklasse der Anleihen ändert ihren Charakter.

Mario Draghi Quelle: REUTERS

EZB-Präsident Mario Draghi sagte am vergangenen Mittwoch, dass sich die Märkte an eine höhere Volatilität gewöhnen müssen  - und prompt hat er sie, die Volatilität. Die zeigte sich allerdings nur in eine Richtung. Es ging scharf nach unten mit den Kursen. Der Crash im Bund-Future ist beachtlich. Er radierte die Performance am Rentenmarkt seit Oktober 2014 praktisch aus. Bundesanleihen werden inzwischen gehandelt wie Aktien und gewinnen dadurch einen gänzlich anderen Charakter als Vermögensklasse.

Auch für die europäischen Finanzminister bedeutet das ein stark verändertes Umfeld. Anleihen - zum Nennwert emittiert - sind bei einem Rendite-Niveau von knapp über Null praktisch Zero-Bonds. Deren finanzmathematische Kapitalbindungsdauern sind identisch mit der Gesamtlaufzeit. Bei solchen Anleihen fällt die Reagibilität des Kurses auf kleinste Renditeveränderungen am höchsten aus.

Die Renditeanstiege der Euro-Zone markieren aber auch eine gewisse Rückkehr zur Realität – mit allen Konsequenzen. Portugiesische Staatsanleihen etwa sind das Paradebeispiel für eine völlig aus dem Ruder gelaufene Spekulationswelle in europäischen Staatsschuldpapieren. Mit einer Verschuldung von fast 400 Prozent der Wirtschaftsleistung, einer zunehmend überalterten Bevölkerung und einer notorisch schwachen Wirtschaft ist Portugal nach Griechenland das krisenanfälligste Land der Euro-Zone.

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Dennoch fielen die Renditen portugiesischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit von ihrem Hoch bei 18,29 Prozent am 31. Januar 2012 bis auf 1,51 Prozent am 12. März 2015. Noch absurder: Trotz einer Staatsschuldenquote von etwa 130 Prozent, konnte Portugals Regierung unlängst noch zinslos Schulden für sechs Monate aufnehmen – und kassierte von ihren Gläubigern obendrein noch eine Gebühr. Nach der Kaufpanik im Februar und März haben sich die Renditen zehnjähriger portugiesischer Staatsanleihen aber inzwischen beinahe verdoppelt auf zuletzt 2,88 Prozent – obwohl die EZB seit März Staatsanleihen kauft.

Die meisten Anleger rechnen noch nicht mit einer dauerhaften Zinswende. Sie glauben, Draghi könne den Markt jederzeit massiv beeinflussen. Nur kann die EZB mit ihren Anleihekäufen die rückläufige Nachfrage traditioneller Anleiheinvestoren offenbar nicht mehr ausgleichen. Wären die Renditen sonst gestiegen? Für Kaufen-und-Halten-Anleger, die Marktstabilität und Marktkontinuität bringen, ist die Eurozone als Anlageregion offenbar verbrannt. Und weil das deutsche Steueraufkommen von immer mehr Anlegern als Haftungsmasse der gesamten Eurozone angesehen wird, müssen auch keine Eurobonds eingeführt werden. Die gibt es nämlich schon. Sie heißen Bundesanleihen.

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