Kursverluste US-Börsen-Crash trifft auch asiatische Märkte

Quer durch Asien folgen die Anleger der Wall Street teilweise deutlich ins Minus. Experten sehen dennoch keinen Grund zur Panik.

US-Börsen-Crash trifft auch Märkte in Asien Quelle: AP

TokioDer Tag an der Tokioter Börse setzte am Dienstagmorgen fort, was die Börse in New York tags zuvor vorgemacht hatte. Bereits in den ersten zehn Minuten des Handels rutschte der Nikkei-225-Aktienpreisdurchschnitt 1000 Yen beziehungsweise 4,5 Prozent ab. Bis zur Mittagspause gab der Wert sogar um 5,3 Prozent auf 21488 Yen nach.

Je weiter die Märkte allerdings finanztechnisch von der Wall Street wegrückten, desto gelassener wurde der Kurssturz in New York gesehen. Hongkongs Hang-Seng-Index gab um vier Prozent nach, Südkoreas Kospi-Index nur noch um 2,9 Prozent. Und der Shanghai SE Composite Index verlor nur um zwei Prozent.

Doch auch in Japan regierte keineswegs Panik. „Mal ganz ehrlich: Das, was jetzt passiert, ist ja kein Massaker“, meint Jesper Koll, Chef des japanischen Zweigs des Investors Wisdomtree. Man könne zwar darüber streiten, wie es jetzt weiterginge. „Aber es musste eine Korrektur geben. Denn das eigentlich Angst einflößende ist, dass wir in den letzten 15 Monaten keinen wirklichen Einbruch hatten“, so Koll.

Mit nur relativ kleinen Schwankungen stiegen die Kurse in den USA immer weiter. Dabei hätte Koll zwischendurch Kurskorrekturen von zehn bis 15 Prozent durchaus für gesund gehalten. Seit dem zweiten Weltkrieg hätte es in den USA 44 Kurskorrekturen von über zehn Prozent gegeben. Man sei daher noch nicht in einem Bärenmarkt.

Ähnlich argumentiert auch Mark Haefele, Global Chief Investment Officer bei UBS Wealth Management in einer Notiz an seine Kunden. Darin fragte er, ob der Markt nicht auf dem Weg von überfällig zu übertrieben wäre.

Die gute Nachricht für die Tokioter Börse ist dabei laut dem Japan-Experten Koll, dass sich Japans Aktien möglicherweise in den kommenden Monaten vom US-Trend abkoppeln könnten. Denn die Bewertung sowie die Lage der Firmen ist grundverschieden.

In den USA ist das Kurs-Gewinnverhältnis (KGV) bereits auf das 22-fache gestiegen, erklärt Koll. Dies sind historisch hohe Werte. Wenn dann noch die Märkte auf drei Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed setzen, könnte es zu einer Strukturveränderung im Markt kommen, meint Koll.

Der japanische Markt sieht für ihn hingegen billig aus. Die Firmen würden derzeit nur mit dem 15- bis 16-fachen ihres Gewinns gehandelt. Damit liegen sie sogar unter ihrem langjährigen Durchschnitt, einem 21-fachen KGV. „Wir sind in Japan noch lange nicht im Bubble-Territorium“, meint Koll daher.

Gleichzeitig steht die Japan AG finanziell so gut wie schon lange nicht mehr da. Hiroki Tsujimura, der Chief Investment Officer des japanischen Vermögensverwalters Nikko Asset Management schätzt, dass die Firmengewinne im bis Ende März laufenden japanischen Bilanzjahr um 11,6 Prozent wachsen werden. Selbst der ehemalige Krisenfall Sony kündigte vorige Woche auf einmal wieder Rekordgewinne an.

Doch dies ist für Tsujimura noch nicht das Ende des möglichen Wachstums. Vollbeschäftigung führt in Japan zu höheren Investitionen in arbeitssparende Technik. Gleichzeitig haben sich viele Firmen in den vergangenen 20 Jahren stark restrukturiert, so dass sie mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Japan und dem Rest der Welt nun Rekordmargen erzielen. Diese Entwicklungen würden dazu beitragen, dass sich Japans Firmen sogar vom Wechselkurs abkoppeln, meint der Japan-Experte.

Doch damit nicht genug: Von dem Höhenflug profitieren auch die Aktionäre. Die Dividenden könnten im Bilanzjahr 2017 um 12,3 Prozent auf 8,2 Billionen Yen (61 Milliarden Euro) steigen, sagt Chongjun Wong, Analyst von IHS Markit voraus. „Getragen von günstigen Rückenwinden wie robusten Wachstumsprognosen und einem schwachen Yen erwarten wir, dass sich der Schwung auch 2018 fortsetzen wird“, orakelt Wong. Er sagt voraus, dass die Dividenden im kommenden Bilanzjahr um weitere 9,6 Prozent auf neun Billionen Yen steigen könnten.

Zudem hinkt die Geldpolitik voraussichtlich deutlich hinter dem Normalisierungskurs in den USA hinterher. Zwar spekulieren viele Anleger, dass auch Japans Notenbank die Zinsen steigen lassen könnte. Aber die Notenbank wiegelt noch ab. Zinsanhebungen sollen erst erfolgen, wenn die Preise stabil wachsen, erklärt die Bank von Japan Investoren in Gesprächen. Und wenn die Zinsen dann angehoben würden, will die Notenbank es langsamer tun als die Preise steigen. So will sie den Realzins konjunkturfördernd sogar senken.

Auch könnte die Notenbank heute oder in den kommenden Tagen stützend in den Aktienmarkt eingreifen, meint Koll. Um Geld in den Markt zu drücken, kauft die Bank von Japan bereits generell im großen Maßstab Exchange Traded Funds (ETFs) auf, die die Börse widerspiegeln. Und sie könnte ihre Käufe durchaus reaktivieren, um ein Signal zu senden, meint Koll.

Alles in allem sind die Chancen für Japan daher so gut wie schon lange nicht mehr, besser als der US-Markt abzuschneiden. Ein Risikofaktor bleibt für die ostasiatische Wirtschaftsmacht allerdings der Devisenmarkt.

Da ist zum einen der Dollar der seit Anfang Januar gefallen ist. Vor der Anreise von US-Vizepräsident Mike Pence am Dienstag hat die Regierung auf die Abwertung des Dollars nur sehr verhalten reagiert. Man will den Gast nicht verärgern, schließlich leitet der auf amerikanischer Seite die brisanten bilateralen Handelsgespräche.

Noch gefährlicher könnte allerdings Chinas Devisenpolitik werden. „Je mehr der amerikanisch-chinesische Handelskrieg ausbricht, umso größer wird die Versuchung für Chinas Regierung, den Renminbi abzuwerten“, meint Koll. Und dies wäre sehr schlecht für Japan.

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