Leben mit Aktien: Was taugt der deutsche Staatsfonds?
Leitet den deutschen Atomfonds Kenfo und bald auch das Generationenkapital: Anja Mikus.
Foto: imago imagesNorwegen hat einen, Singapur hat einen, die Golfstaaten sowieso – und es kommt immer wieder die Frage auf: Braucht auch Deutschland einen Staatsfonds, der Volksvermögen an den Kapitalmärkten anlegt? Finanzminister Christian Lindner geht mit dem Generationenkapital in genau diese Richtung. Das Geld soll über Kredite beschafft werden, zunächst zehn Milliarden Euro. Die werden dann an der Börse angelegt und die Erträge als Zuschuss in Rentenversicherung fließen.
Da kommen Fragen auf: Rentiert sich das in Zeiten steigender Zinsen überhaupt noch? Gemessen an den langfristigen Aktienrenditen ja, nur ist der Vorsprung lange nicht mehr so groß wie zu Zeiten der Nullzinszeit. Ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? In der Tat – mehr als ein Einstieg in eine Kapitaldeckung der Rente kann das nicht sein. Und vor allem: Können wir das überhaupt, funktioniert staatlich orchestrierte Geldanlage in Deutschland?
Und da kann man sagen: Ja. Denn es gibt bereits eine Blaupause. Deutschland hat bereits einen Staatsfonds, den Fonds zur Finanzierung der Kerntechnischen Entsorgung, kurz KENFO. Errichtet wurde er 2017 im Rahmen des Ausstiegs aus der Kernenergie – und zwar im Hinblick auf die Finanzierung der Zwischen- und Endlagerung des radioaktiven Abfalls. Das dauert Jahrzehnte, kostet jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag – und um den zu decken, haben die Energieversorger 24 Milliarden Euro in den KENFO eingezahlt, die nun im Gewand einer öffentlich-rechtlichen Stiftung verwaltet werden. Nicht von Beamten, sondern von einer professionellen Asset-Management-Truppe, an deren Spitze mit Anja Mikus, eine erfolgreiche Bankerin steht, die in den vergangenen 30 Jahren unter anderem Geschäftsführerin von Allianz Pimco Asset Management war und später die Anlagestrategie der genossenschaftlichen Union Investment Gruppe verantwortet hat.
Nun hat der KENFO wieder mal seine Bücher geöffnet und den Jahresabschluss für 2022 vorgelegt. Ein bisschen spät, wenn man bedenkt, dass der fast 50-mal größere norwegische Staatsfonds seine Jahreszahlen bereits im Februar veröffentlicht hat. Schade eigentlich, denn das Portfolio kann sich durchaus sehen lassen. Zeit, einen genauen Blick auf seine Zusammensetzung zu werfen.
So legt der KENFO an
Wie für Stiftungen üblich, besteht der Fonds aus einem Mix aus Anleihen und Aktien. Zum Stichtag steckten 43 Prozent des Fondsvermögens in Aktien, 42 Prozent in Anleihen. Acht Prozent werden bar vorgehalten, sieben Prozent entfallen auf alternative Investments. Dazu zählen im Wesentlichen Beteiligungen an Private Equity, Private Debt und Infrastrukturfonds, die nicht börsennotiert und deshalb liquide sind.
In einem Jahr mit steigenden Zinsen und fallenden Aktienkursen lag quasi auf der Hand: Auch der KENFO hat Verlust gemacht – und zwar 12,2 Prozent. In dieser Dimension stehen da gleich große Zahlen, nämlich 3,1 Milliarden. „Deutscher Staatsfonds erleidet Milliardenverlust“, titelte Tagesschau.de. Solche Schlagzeilen nähren den Verdacht, es werde mit dem Stiftungsgeld gezockt. Dabei handelt es sich im vor allem um Bewertungsverluste, die durch den Aufwärtstrend in diesem Jahr teilweise wieder aufgeholt wurden. Und in den Vorjahren hatte der Fonds ordentliche Renditen im Bereich um zehn Prozent erzielt.
Außerdem hat der KENFO seit seiner Gründung im Jahr 2017 bis Mitte Juni 2023 Auszahlungen für die kerntechnische Entsorgung in Höhe von über drei Milliarden Euro geleistet und damit einen Mehrwert von ca. 1,8 Milliarden gegenüber dem Einzahlungsbetrag erwirtschaftet. Insofern: Mission erfüllt bislang.
Das KENFO-Portfolio im Check
Das Portfolio ist mit insgesamt 4.066 Positionen sehr breit gestreut. Keine Position macht mehr als ein halbes Prozent des Fondsvermögens aus – oder mehr als ein Prozent, wenn man nur isoliert die Aktien-Allokation betrachtet. Und die zehn größten Aktien-Positionen machen gerade einmal 8,1Prozent aus, die 100 größten 35,3 Prozent bezogen auf die Aktien-Allokation. Das ist schon eine gewisse Abweichung etwa zum FTSE All World Index, in dem die zehn größten Werte 17 Prozent, die 100 größten rund 43 Prozent ausmachen.
Die größte Position ist auch nicht Apple, sondern Taiwan Semiconductor, knapp vor Samsung. Es folgen Microsoft und Apple – und dann bereits eine erste Immobilienaktie: ProLogis. Auch Vonovia ist mit 0,6 Prozent unter den 25 höchstgewichteten Werten, sogar noch knapp vor Novo Nordisk. Das liegt daran, dass der KENFO Immobilien-Exposure haben, aber nicht selbst Liegenschaften erwerben wollte. Im vergangenen Jahr ist das sicherlich nicht günstig gewesen.
Auffällig ist auch: Unter den Top 25 sind mit Total Energies und Shell gleich zwei Ölgesellschaften, darüber hinaus sind auch Equinor und OMV drin. Das ist symptomatisch für das Nachhaltigkeits-Verständnis des Fonds. Man schließt fossile Brennstoffe nicht grundsätzlich aus, sondern hat folgende Ausschlusskriterien definiert: Betreiber von Kernkraftwerken, Uranabbau und Betrieb von Uranminen, Kohleabbau und -verstromung, unkonventionelle Fördertechniken wie Mountain-Top-Removal, Öl- und Gasgewinnung aus Fracking sowie Ölgewinnung aus Öl- beziehungsweise Teersand. Deshalb fehlen zum Beispiel die beiden US-Ölkonzerne ExxonMobil und Chevron.
Ansonsten sucht man auch Rüstungshersteller vergeblich, trotz Zeitenwende. Und auch Tabak-Konzerne fehlen. Mit Alkohol hat man dagegen keine Berührungsängste: Diageo beispielsweise ist auf Rang 32. Und auch andere „böse“ Firmen sind mit dabei, etwa Nestlé als sechstgrößte Aktien-Position.
Das zeigt: Der Fonds hat einen Nachhaltigkeitsanspruch, aber es ist nicht so, dass das Kapital für eine politische Agenda instrumentalisiert wird – also etwa nur Erneuerbare Energien, kein Alkohol, kein Fleisch. Ganz im Gegenteil: 1,5 Millionen stecken sogar in Tyson Foods, Beyond Meat ist nicht im Portfolio.
Übrigens gibt es auch bei den Anleihen keine politische Agenda. Man könnte ja den Verdacht haben, dass so eine öffentlich-rechtliche Stiftung, in deren Gremien Politiker sitzen, zur indirekten Staatsfinanzierung missbraucht wird – so dass der KENFO vollgestopft ist mit Bundesanleihen. Aber auch hier: Fehlanzeige. Das Staatsanleihen-Portfolio ist breit gefächert und Bundesanleihen haben nur 6,4 Prozent Anteil, gleichauf mit Japan, Kanada, Frankreich, Australien und Neuseeland – und Schwergewicht sind die USA mit 13 Prozent. Auffällig hier der relativ große Anteil an Emerging Markets Papieren: Knapp 25 Prozent, wobei Indonesien, Mexiko, Thailand, Brasilien und Malaysia am höchsten gewichtet sind.
Das kann man übrigens auch mit ETFs selbst ganz gut umsetzen – und tatsächlich hatten Emerging Markets USD Bonds in den letzten 10 Jahren ziemlich genau dieselbe Wertentwicklung wie der MSCI Emerging Markets Index, nur eben mit anderer Zyklik und erheblich breiterer Diversifikation.
Und bei den Aktien setzt der KENFO ein Weltportfolio mit reduziertem USA-Anteil um. Statt 47 Prozent im FTSE All World ETF sind in der Aktien-Allokation des KENFO nur 31,4 Prozent in den USA investiert, gefolgt von Japan (7,7 Prozent), Großbritannien (7,2 Prozent) und Frankreich (5,6 Prozent). Erst dann folgt Deutschland mit fünf Prozent – also kein Home Bias.
Auch hier sind Schwellenländer berücksichtigt und anders als bei Anleihen spielt auch China hier eine Rolle. Allerdings nicht herausgehoben, sondern mit 2,6 Prozent etwa im selben Umfang wie Indien und Taiwan. Ausgeschlossen sind Staaten, die den Economist Democracy Index nicht erfüllen.
Fazit: Rein von der Asset-Management-Seite her ist Deutschland gerüstet für das Generationen-Kapital. Es gibt eine funktionierende Infrastruktur für rationales, politisch unabhängiges und gleichermaßen wertebasiertes Investieren. Das Generationenkapital kann kommen!
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