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Lieber mit Sicherheitsnetz
Nicht nur über der amerikanischen Börse liegt ein Schatten Quelle: imago images

Die Politik liegt wie ein Schatten über der Börse

Auch wenn bei vielen politischen Konflikten weltweit die Zeichen eher auf Entspannung hindeuten, so ist bislang nichts entschieden. Anleger sollten in ihr Investment-Portfolio ein Sicherheitsnetz einziehen.

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Das Jahr 2019 an den Kapitalmärkten verging rasend schnell. Ändert sich in den nächsten Wochen nichts dramatisch, wird es über alle Assetklassen hinweg eines der besten Jahre in der jüngeren Historie gewesen sein. Zweistellige Erträge gab es nicht nur in vielen Aktienmärkten, sondern auch in länger laufenden US- oder Euro-Peripherieanleihen und in einer Vielzahl von länger laufenden Unternehmensanleihen.

Diese Performance wurde in einem Umfeld erzielt, das politisch, vorsichtig formuliert, als unsicher gelten darf. Tägliche Tweets des US Präsidenten mit überraschenden Pointen, die kontinuierliche Verschärfung des Handelskrieges zwischen den USA und China, das zweimalige Flirten mit einem „harten“ Brexit, die Einleitung eines Impeachmentverfahrens in den USA, die eskalierenden Proteste in Hongkong, all dies hatte einen dämpfenden Einfluss auf die Investitionsbereitschaft, Stimmung, Konjunkturaussichten, so dass sich viele etablierte Volkswirtschaften aktuell an der Schwelle zu einer Rezession befinden.

Auf den ersten Blick mag dieses Bild einer sehr guten Kapitalmarktentwicklung verbunden mit politischem Chaos die überlieferte Ansicht unterstreichen, dass politische Börsen kurze Beine haben. Auf den zweiten Blick sollte man sich aber klar machen, dass es hier ein spezielles Zusammenspiel von Faktoren gab, die die Märkte trieben, ein Zusammenspiel, das nicht dauerhaft aufrechtzuerhalten ist. So konnte die Weltwirtschaft bislang eine Rezession vermeiden. Die politischen Belastungsfaktoren brachten Notenbanken dazu, sehr frühzeitig gegenzusteuern. So brach die US-Notenbank FED ihren Zinserhöhungszyklus ab und senkte 2019 dreimal die Leitzinsen – bei einer Arbeitslosenquote unter 4 Prozent, einer Inflationsrate um die 2 Prozent und ordentlichem Wachstum.

Die Europäische Zentralbank (EZB) öffnete erneut die Geldschleusen. Die politische Unsicherheit bescherte damit den Kapitalmärkten eine expansive Notenbankpolitik, die unüblich für die Spätphase des Zyklus ist und gleichzeitig die Indikation einer in 2020 weiter anhaltenden sehr lockeren Geldpolitik darstellt. Die „Jagd nach Rendite“ wurde von der Zentralbankseite nochmals angefeuert und für die Einschätzung der Politik an den Märkten galt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. So scheinen aktuell die Weichen gegen einen „harten“ Brexit gestellt, und die Märkte erwarten zumindest einen „Phase1“ – Handelsvertrag zwischen den USA und China vor Weihnachten, der den Kapitalmärkten auch die Sorge vor einer weiteren Verschärfung im nächsten Jahr nimmt.

Zusammengefasst überlagerte die Hoffnung auf eine beginnende Lösung der politischen Probleme die Probleme selbst, und gleichzeitig wurde die Liquiditätsversorgung der Märkte auf Krisenniveau hochgefahren. Doch nur Hoffnung auf eine Lösung der politischen Probleme genügt auf Dauer nicht. Irgendwann stellen die Märkte auch die Frage einiger vergangenen amerikanischer Präsidentschaftskampagnen: „Where is the beef?“ Damit hat die Politik doch längere Beine als vielleicht gedacht, sie liegt sozusagen wie ein Schatten über der weiteren Börsenentwicklung. Die politischen Ereignisse sind in ihren Auswirkungen auf die Börsen vielfach bipolar. So gibt es entweder einen „Phase 1“ Trade Deal, der den Handelskonflikt USA/China beruhigt, oder eine Verschärfung. Es gibt nach den britischen Wahlen entweder den von Boris Johnson verhandelten Deal, oder neue Unsicherheit. Die Folgen auf die Kapitalmärkte könnten gegensätzlicher kaum sein.
Legen Amerikaner und Chinesen ihren Handelskonflikt auf Eis und bestätigen die Briten Boris Johnsons Brexit Deal de facto mit einem Wahlergebnis einer absoluten Mehrheit für die Konservativen, dann fallen zwei wesentliche potentielle Belastungsfaktoren für nächstes Jahr weg. Damit würden auch die Rezessionsgefahren deutlich sinken. Davon sollten Aktien und andere Risikoassets profitieren, während die Renditen sicherer Staatsanleihen steigen sollten.

Sollten aber die Handelsgespräche scheitern und im britischen Parlament nach den Wahlen unklare Mehrheitsverhältnisse herrschen, wird die Frage „Where is the beef?“ nicht beantwortet werden können und zum Ende eines ertragreichen Anlagejahres voraussichtlich zu Gewinnmitnahmen in den risikoreicheren Anlagen führen.

Isoliert auf ein einzelnes Ergebnis politischer Unsicherheiten zu setzen, macht wenig Sinn.

Wir sehen aktuell die Wahrscheinlichkeit für die positive Variante (Handelskrieg-Pause, Pfad für einen Brexit-Deal nach den britischen Wahlen) gegenüber der entgegengerichteten höher und würden sie derzeit für die kapitalmarktpositivere Variante auf etwa zwei Drittel veranschlagen. Ungeachtet davon, dass sich das täglich ändern kann, ist die Unsicherheit so hoch, dass das alleinige Setzen auf ein Ergebnis eher einer Wette als einer Strategie entspricht.

Sinnvoll für ein Portfolio ist es daher, ein Sicherheitsnetz einzuziehen. Das kann entweder durch asymmetrische Strategien (wie z.B. gesicherte Aktien) passieren, oder eine Kombination von Assetklassen, die von einem positiven politischen Schub profitieren könnten (wie z.B. Aktien, britisches Pfund) mit klassischen Safe Haven-Anlagen (wie sichere deutsche/US amerikanische Staatsanleihen), und das in einer Größenordnung, die der individuellen Risikotragfähigkeit Rechnung trägt. Für politische Börsen gilt nämlich ganz besonders: Diversifikation ist Trumpf!

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