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London 2012 Wie die Börse von Olympia profitiert

Olympia ist ein Milliardengeschäft, das auch die Aktienkurse bewegt. Analysten erwarten gar eine Rally der Londoner Börse. Auch wenn der volkswirtschaftliche Nutzen bezweifelt wird – Anleger dürfen sich freuen.

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London Stock Exchange Quelle: dpa

Es geht um viel, um sehr viel Geld. Die Gastgeberländer der Olympischen Spiele geben horrende Summen aus – Spielstätten werden gebaut, die Infrastruktur modernisiert, ganze Städte herausgeputzt. London lässt sich die Spiele mindestens neun Milliarden Pfund kosten, das sind rund 0,7 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts. Regierungen und Vertreter der Olympischen Bewegung werden daher auch nicht müde, den Nutzen der Spiele für Wirtschaft und Bevölkerung zu preisen.

So schätzt das Kreditkartenunternehmen Visa, dass die Besucher der Olympiade in London in Hotels, Einzelhandel, Supermärkten, Gastronomie und Transport mehr als 500 Millionen Pfund ausgeben werden. Die gesamte Steigerung der Wirtschaftsleistung beziffert Visa auf netto 1,14 Milliarden Pfund. Vor allem Hotels und der gehobene Einzelhandel werden von diesen zwei Wochen profitieren.

Olympia in Zahlen

Diese Zahlen klingen zwar gut, doch der Schein trügt, meint Matt Bolduc. „Langfristig ist der volkswirtschaftliche Nutzen negativ“, ist der Aktienanalyst der Saxo Bank überzeugt und nennt ein Beispiel: „Montreal brauchte nach Olympia 1976 mehr als 30 Jahre, um die Mehrkosten von sechs Milliarden Dollar, nach heutiger Kaufkraft, abzustottern.“ Das zeige, dass die Erwartungen an die volkswirtschaftlichen Impulse sportlicher Großereignisse sind meist deutlich überzogen. Auch eine aktuelle Studie der NordLB kommt zu dem Ergebnis, dass die Spiele nicht immer auch ökonomisch erfolgreich sind.

Aktionäre können sich allerdings auf Olympia freuen: „Allein die lokalen Aktienmärkte bekommen Auftrieb“, sagt Bolduc. Wiederholt sich die Geschichte, dann wird der britische Aktienindex FTSE 100 klettern. „Wenn alles vorbei ist und nach der Schlussfeier Athleten und Besucher wieder abgereist sind, bleiben den austragenden Ländern schöne Erinnerungen, große Stadien – und eine Aktienrally“, so der Analyst. Bolduc hat sich die Entwicklung der Aktienmärkte in den vergangenen 20 Jahren genauer angeschaut. Das Ergebnis: Ein Jahr nach den Sommerspielen entwickelten sich die heimischen Aktienindizes der Austragungsnationen immer besser als der weltweite Aktienindex MSCI World. Dieses Ergebnis gilt aber nur für die Sommerspiele, bei den Winterspielen fiel die Bilanz sogar leicht negativ aus.

Das hat einen einfach Grund: „Winterolympiaden haben weniger Zulauf und genießen daher auch weniger Medieninteresse“, so Bolduc. „Schließlich gibt es auch deutlich weniger Länder, die Teams in Sportarten wie Ski, Eislauf und Rennrodeln ins Rennen schicken.“ Auch seien die Investitionen der Gastgeberländer von Winterspielen deutlich niedriger. „Letztlich beruht die Aktienrally nach Sommerspielen auf den kurzfristigen Effekten von Bautätigkeit und Besucherzustrom“, resümiert der Saxo-Bank-Analyst. „Und letzterer hat sehr viel mit der Publicity zu tun, die Olympia für das Gastgeberland und die austragende Stadt erzeugt.“ Historisch betrachtet stünden die Chancen also gut, dass auch der FTSE 100 nach den diesjährigen Spielen in London kräftig zulegt. Anleger könnt mit börsengehandelten Indexfonds (ETFs) und Indexzertifikaten auf den FTSE 100 setzen.

Ausrüster-Aktien im Fokus

Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer Quelle: dapd

Pünktlich zu Olympia rücken aber auch Einzeltitel – genauer die Aktien der Sportausrüster – ins Visier der Anleger. Denn sportliche Großereignisse lassen die Kassen von Nike, Adidas, Puma und Co. klingeln. Die Chancen auf neue Rekordgewinne und -umsätze in der erfolgsverwöhnten Industrie stehen also gut. Zumal mit der Fußball-Europameisterschaft in diesem Sommer ja noch ein zweites Großevent im Kalender stand.

Größter Gewinner dürfte Adidas sein. Das Unternehmen aus Herzogenaurach rechnet dank des gut angelaufenen Olympia-Geschäfts und anhaltenden Wachstums in China mit besseren Ergebnissen als die zuletzt schwächelnden Rivalen Nike und Puma. Der Sportartikel-Hersteller verkauft seine Olympia-Produkte bereits seit zwei Jahren. „Und bis jetzt ist der Erfolg sehr gut", sagte Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer in London zur Nachrichtenagentur Reuters. Er sei sicher, dass die Umsätze während der Spiele noch zulegen würden.

Erfolgreichste deutsche Olympioniken

Der Abstand des Dax-Konzerns zu Branchenprimus Nike werde damit in Großbritannien, einem derzeit besonders hart umkämpften Markt, jeden Tag kleiner. Zuletzt kam der US-Konzern ohne Töchter auf einen Marktanteil von 18 Prozent, die Kernmarke Adidas auf 16 Prozent - Tendenz steigend. Bis spätestens 2015 wollen die Deutschen die Marktführerschaft auf der Insel übernehmen – Olympia soll dafür den Grundstein legen. Adidas ist bei den Sommerspielen alleiniger Sportswear-Partner und hat drei Millionen Textilien produziert, darunter zahlreiche Souvenirs mit dem London-2012-Logo. Sie dürfen aber nur auf dem britischen Markt verkauft werden.

Trotz der zuletzt schwächeren Zahlen der Wettbewerber im Reich der Mitte bleibt Hainer auch hier optimistisch: „Unser Geschäft läuft sehr gut in China. Wir sind letztes Jahr prozentual zweistellig gewachsen und werden auch dieses Jahr zweistellig wachsen.“ Konkrete Zahlen zum zweiten Quartal 2012 werden nächste Woche erwartet. Lokalrivale Puma tut sich wie in Europa auch in China schwer und ist der Stagnation nahe. Bei Nike haben die Bestellungen des Handels für die nächsten Monate in China und dadurch auch global deutlich an Fahrt verloren, nachdem die Margen und der Gewinn konzernweit bereits rückläufig sind.

Historische Medaillenspiegel

Analysten beurteilen die Adidas-Aktie, die aktuell 59 Euro kostet, derzeit überwiegend positiv. Der Informationsdienst Bloomberg zählt in den vergangenen zwölf Monaten 26 Kaufempfehlungen. Zwölf Mal urteilten die Experten „Halten“, nur zwei Mal senkten sie den Daumen. Zuletzt riet Equinet, die Adidas-Aktie zu kaufen. Kursziel: 80 Euro. Etwas weniger optimistisch ist Nomura mit einem Ziel von 65 Euro. Trotzdem lautet die Empfehlung „Kaufen“. Bei einem Kursziel von ebenfalls 65 Euro rät JP Morgan, die Papiere zu halten.

Nicht alle Sportartikelhersteller überzeugen

Puma Quelle: dpa

Weniger gut fällt die Bewertung von Konkurrent Puma aus: acht Mal „Kaufen“, 16 Mal „Halten“ und fünf Mal „Verkaufen“. Neutral urteilten zuletzt unter anderem die Deutsch Bank (Kursziel: 225 Euro) und Equinet (250 Euro). Bei einem aktuellen Kurs von 210 Euro lockt damit aber immer noch ein sattes Kursplus. Dass mit Blick auf die Puma-Aktie keine rechter Optimismus aufkommen will, hat einen Grund: Der Konzern wird ausgerechnet im Sportjahr 2012 seine Ziele verpassen. Nur wenige Wochen nach dem Schlusspfiff der EM sorgt die Nummer drei in der Branche für eine böse Überraschung. Der Gewinn werde 2012 deutlich hinter die 230,1 Millionen Euro aus dem Vorjahr zurückfallen, teilte Puma vergangene Woche überraschend mit. Grund dafür ist, dass Puma nach einem schlechten Jahresbeginn sein Sparprogramm für die Kehrtwende nun beschleunigt und ausbaut und dafür 2012 einmalig bis zu 100 Millionen Euro aufwenden will. Auch der Umsatz werde nicht mehr so stark wachsen wie gedacht.

Grund ist das schwache Geschäft in Europa - in der Krise sitzt vielen Verbrauchern das Geld nicht mehr so locker. Experten sehen aber auch hausgemachte Probleme. Puma habe zu wenige Innovationen auf den Markt gebracht, kritisiert Analyst Andreas Riemann von der Commerzbank. Christian Hamann von der Hamburger Sparkasse ergänzt: „Puma hat immer sehr auf die Modeschiene gesetzt und ist damit auch lange Zeit gut gefahren.“ Doch darüber sei der eigentliche Kern der Marke – der Sport – vernachlässigt worden.

Deutsche Fahnenträger seit der Wiedervereinigung

Das sieht selbst Puma so. Der Vorstandsvorsitzende Franz Koch hatte bereits im Februar eingeräumt: „Es ist uns nicht verborgen geblieben, dass Puma schon mal ‚heißere‘ Tage hatte“. Um das zu ändern, will Koch die Wurzeln des Unternehmens im Sport besser pflegen und wieder stärker zwischen funktionalen Sportprodukten sowie modischer Kleidung und Schuhen unterscheiden. Analysten muss er von dieser neuen alten Strategie aber erst noch überzeugen.

Börse



Das sieht es bei US-Konkurrent Nike deutlich besser aus: Bloomberg zählt 13 Kaufempfehlungen und elf neutrale Bewertungen. Den Daumen hat in den vergangenen zwölf Monaten kein Analyst gesenkt. Und das, obwohl Nike mit den jüngsten Quartalszahlen enttäuschte. Der Sportartikelhersteller musste wegen gestiegener Kosten im vierten Geschäftsquartal erstmals seit 2009 einen Gewinnrückgang hinnehmen und verfehlte die Analystenschätzungen deutlich.

Mit Material von Reuters und dpa.

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