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Londoner Firma Vega Capital Negativer Ölpreis brachte Händlern 500 Millionen Dollar Gewinn

Anfang des Jahres ist der Ölpreis erstmals ins Minus abgestürzt. Davon profitierte eine winzige Londoner Firma: Das Unternehmen machte an einem Tag 500 Milliarden Dollar Gewinn.

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Der historische Öl-Crash bereitete Aufsichtsbehörden, Führungskräften aus dem Ölsektor und Investoren Kopfzerbrechen. Quelle: dpa

Am 20. April ist der Preis für ein Barrel Öl für die Lieferung im Folgemonat innerhalb einer Stunde um 40 Dollar auf -37 Dollar abgestürzt. Es war das erste Mal, dass der Rohölpreis in den negativen Bereich abrutschte. Dass dies einem Rohstoff widerfahren konnte, der im Mittelpunkt fast aller Aspekte des Welthandels steht, bereitete Aufsichtsbehörden, Führungskräften aus dem Ölsektor und Investoren Kopfzerbrechen.

Doch für eine kleine Gruppe von altgedienten Händlern bei einer winzigen Londoner Firma namens Vega Capital London Ltd. zählte die rätselhafte Entwicklung weniger als das Ergebnis: Sie machten an diesem Tag einen Gewinn von bis zu 500 Millionen Dollar, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen, die unter der Bedingung der Anonymität mit Bloomberg Businessweek sprachen.

An dem Vega-Jackpot, über den bisher noch nicht berichtet wurde, waren etwa ein Dutzend Händler beteiligt, die gemeinsam aggressiv Öl verkauften, bevor der Mai-Kontrakt für West Texas Intermediate um 14:30 Uhr in New York abgerechnet wurde. Es ist eine Taktik, die Vega-Händler regelmäßig anwenden, sagte eine andere Person, die mit der Strategie des Unternehmens vertraut ist. An diesem Tag fiel der Handel jedoch mit einer Phase beispielloser Volatilität zusammen. So brach die Nachfrage nach Treibstoff durch die Coronavirus-Pandemie weg und die Lagerkapazitäten in Cushing, Oklahoma, wo die Käufer die physische Lieferung von WTI-Rohöl entgegennehmen, waren praktisch verschwunden.

Jetzt prüfen Aufseher der US Commodity Futures Trading Commission, der britschen Financial Conduct Authority und der CME Group Inc., der Eigentümerin der Nymex, an der der Handel stattfand, ob Vegas Vorgehen möglicherweise gegen Regeln für den Handel um die Abrechnungsperioden herum verstoßen und zum steilen Rückgang des Ölpreises beigetragen hat, sagten Personen mit Kenntnis der Untersuchungen.

Innerhalb von 24 Stunden nach dem Crash war der WTI-Kontrakt für Mai wieder auf etwa 10 Dollar pro Barrel zurückgekehrt. Doch der Rutsch, auch wenn er noch so kurz war, schuf einige große Verlierer. Dazu gehören Tausende chinesischer und amerikanischer Kleinanleger, die aufgrund des jüngsten Ölpreiseinbruchs in Instrumente geströmt waren, deren Wert an den Abrechnungspreis des Kontrakts vom 20. April gebunden war.

Vega bietet Einzelhändlern Zugang zu weltweiten Börsen

In einer Erklärung vom 22. April sagte der CME-CEO Terry Duffy dass der Terminmarkt „perfekt funktioniert“ habe. Jedoch lässt der Gedanke, dass ein so kleiner Marktakteur so tiefgreifenden Einfluss gehabt haben soll, daran Zweifel aufkommen - unabhängig davon, ob Vegas Profit das Ergebnis von geschicktem Handeln, schierem Glück oder etwas anderem war.

„Die Vorstellung, dass die Anomalien an diesem Tag ausschließlich auf Angebot und Nachfrage zurückgehen, ist bestenfalls ein Hirngespinst“, sagt Joe Cisewski, Sonderberater von Better Markets, einer Lobbygruppe, die sich für eine strengere Regulierung einsetzt. „Ölproduzenten, Broker und andere Marktteilnehmer sind in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten. Die Aufsichtsbehörden müssen objektiv und gründlich untersuchen, was passiert ist.“

Sprecher der CFTC, der FCA und der CME lehnten eine Stellungnahme ab. Die CFTC hat angekündigt, später in diesem Jahr einen Bericht über den Absturz zu veröffentlichen. Vega hat auf E-Mails mit der Bitte um Stellungnahme nicht reagiert.

Eigenhandelsgesellschaften wie Vega bieten unabhängigen Händlern Zugang zu den weltweiten Börsen, Back-Office-Dienstleistungen und zusätzliches Kapital, mit dem sie gegen eine Schreibtischgebühr, eine Provision für jedes Handelsgeschäft und manchmal einen Gewinnanteil handeln können. In einem Billionen-Dollar-Energie-Ökosystem, das von BP, Glencore und Royal Dutch Shell dominiert wird, sind Eigenhandelsfirmen kleine Fische.

Die Firmenwebsite befindet sich seit Jahren im Aufbau

Vega wurde 2016 von Adrian Spires und Tommy Gaunt gegründet. Die Freunde hatten im Managementteam einer anderen Londoner Eigenhandelsgesellschaft, der Tower Trading Group, zusammengearbeitet, bevor sie sich selbständig machten. Im Jahr 2017 wechselten etwa 20 Energiehändler von Tower zu Vega, was zu einem Rechtsstreit führte, der außergerichtlich beigelegt wurde. Gaunt hat letztes Jahr als Direktor gekündigt, und dem 44-jährigen Spires gehört nun das gesamte Unternehmen. Mit 18 Jahren verließ er die Schule, um eine Stelle im Handelsbereich an der London International Financial Futures and Options Exchange anzunehmen. Einige von Vegas Händlern waren eine gewisse Zeit an der International Petroleum Exchange, wo sie Öl auf dem Parkett kauften und verkauften, bevor der Rohstoffhandel zum elektronischen Handel überging.

Das Unternehmen hat ein Büro in der Nähe des Bahnhofs Liverpool Street Station. Aber den informierten Personen zufolge arbeiten die meisten Händler von Vega von zu Hause aus, insbesondere seit Beginn des Lockdowns in Großbritannien.

Zwar handeln mehr als zwei Dutzend Personen über das Vega-Sammelkonto, aber es ist schwierig, Informationen über sie zu finden. Nur wenige führen Vega auf LinkedIn als ihren Arbeitgeber auf. Die Website des Unternehmens befindet sich seit der Gründung von Vega im Aufbau.

Viele der Vega-Händler kennen sich, spielen Golf zusammen und unternehmen Skiausflüge. Sie handeln auch in entscheidenden Phasen gemeinsam, um ihre Auswirkungen auf den Markt zu maximieren, sagen die mit dem Unternehmen vertrauten Personen.

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