Märkte und der Brexit Warum der britische Index den Dax abhängt

Die Londoner Aktienkurse halten sich nach dem Votum für einen EU-Austritt besser als deutsche Werte. Anleger können sich nur wundern. Doch der erste Eindruck täuscht.

Die größten Netto-Zahler der EU
Touristen in Helsinki Quelle: dapd
Eine Windkraftanlage nahe Dänemark Quelle: dapd
Der Wiener Opernball Quelle: dpa
Da Atomium in Belgien Quelle: REUTERS
Eine Mitarbeiterin in der Schwedischen Botschaft in Minsk Quelle: REUTERS
Frau Antje Quelle: AP
Das Colosseum Quelle: REUTERS

Wo ist denn nun die Krise? In Deutschland oder England? Das konnten sich Anleger am Schwarzen Freitag fragen. Sie schauten am 24. Juni auf die Aktienmärkte und stellten fest: Am Ende des Tages hatte der Deutsche Aktienindex sieben Prozent verloren, der britische FTSE 100 weniger als zwei Prozent.

Wo die großen Brexit-Baustellen sind

Das war kein Datenfehler in den Rechnungen. Der reine Indexvergleich ist nur die halbe Wahrheit. Kursveränderungen sind die eine Sache, Wertveränderungen eine andere. Bei der tatsächlichen Wertveränderung spielen die Währungen eine wichtige Rolle. Der Briten-Index wird in Pfund errechnet, der Dax und andere Euroland-Indizes in der Gemeinschaftswährung.

Das britische Pfund stürzte gegenüber dem Euro am Freitag um sechs Prozent. Die Abschläge bei den Kursen und bei Pfund addiert, kommt man auf acht Prozent. Das ist dann schon glaubhafter. Die Rechnung seit Jahresbeginn fällt mit einem Pfund-Abschlag von zwölf Prozent ähnlich aus. Börsianer begannen früh das Brexit-Risiko in der Währungsrelation zu berücksichtigen.

Welche Branchen besonders betroffen sind
AutoindustrieDie Queen fährt Land Rover – unter anderem. Autos von Bentley und Rolls-Royce stehen auch in der königlichen Garage. Die britischen Autobauer werden es künftig wohl etwas schwerer haben, ihre Autos nach Europa und den Rest der Welt zu exportieren – je nach dem, was die Verhandlungen über eine künftige Zusammenarbeit ergeben. Auch deutsche Autobauer sind betroffen: Jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto geht nach Angaben des Branchenverbandes VDA ins Vereinigte Königreich. Autos deutscher Konzernmarken haben danach auf der Insel einen Marktanteil von gut 50 Prozent. BMW verkaufte in Großbritannien im vergangenen Jahr 236.000 Autos – das waren mehr als 10 Prozent des weltweiten Absatzes. Bei Audi waren es 9, bei Mercedes 8, beim VW-Konzern insgesamt 6 Prozent. Für Stefan Bratzel wird der Brexit merkliche negative Auswirkungen auf die Automobilindustrie haben, die im Einzelnen noch gar nicht abschließend bewertet werden können. „Der Brexit wird so insgesamt zu einem schleichenden Exit der Automobilindustrie von der Insel führen“, sagt der Auto-Professor. „Wirkliche Gewinner gibt es keine.“ Quelle: REUTERS
FinanzbrancheBanken brauchen für Dienstleistungen innerhalb der EU rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat. Derzeit können sie grenzüberschreitend frei agieren. Durch den Brexit werden Handelsbarrieren befürchtet. Quelle: REUTERS
FinTechsDie Nähe zum Finanzplatz London und die branchenfreundliche Gesetzgebung machten Großbritannien in den vergangenen Jahren zu einem bevorzugten Standort für Anbieter internetbasierender Bezahl- und Transaktionsdienste, im Branchenjargon „FinTech“ genannt. Das dürfte sich nun ändern. Der Brexit-Entscheid werde bei den rund 500 im Königreich ansässigen FinTechs „unvermeidlich“ zu einer Abwanderung von der Insel führen, erwartet Simon Black. Grund dafür sei, so der Chef des Zahlungsdienstleisters PPRO, da ihr „Status als von der EU und EWR anerkannte Finanzinstitutionen nun gefährdet ist“. Simon erwartet von sofort an eine Verlagerung des Geschäfts und die Schaffung neuer Arbeitsplätze außerhalb von Großbritannien. „FinTech-Gewinner des Brexits werden meines Erachtens Amsterdam, Dublin und Luxemburg sein.“ Als Folge entgingen Großbritannien, kalkuliert Black, „in den nächsten zehn Jahren rund 5 Milliarden Britische Pfund an Steuereinnahmen verloren“. Quelle: Reuters
WissenschaftAuch in der Forschungswelt herrscht beidseits des Kanals große Sorge über die Möglichkeiten zukünftiger Zusammenarbeit. Die EU verliere mit Großbritannien einen wertvollen Partner, ausgerechnet in einer Zeit, in der grenzüberschreitende wissenschaftliche Zusammenarbeit mehr denn je gebraucht werde, beklagt etwa Rolf Heuer, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. „Wissenschaft muss helfen, Grenzen zu überwinden.“ Venki Ramakrishnan, der Präsident der Royal Society, fordert, den freien Austausch von Ideen und Menschen auch nach einem Austritt unbedingt weiter zu ermöglichen. Andernfalls drohe der Wissenschaftswelt „ernsthafter Schaden“. Wie das aussehen kann, zeigt der Blick in die Schweiz, die zuletzt, nach einer Volksentscheidung zur drastischen Begrenzung von Zuwanderung, den Zugang zu den wichtigsten EU-Forschungsförderprogramme verloren hat. Quelle: dpa
DigitalwirtschaftDie Abkehr der Briten von der EU dürfte auch die Chancen der europäischen Internetunternehmen im weltweiten Wettbewerb verschlechtern. „Durch das Ausscheiden des wichtigen Mitgliedslands Großbritannien aus der EU werde der Versuch der EU-Kommission deutlich erschwert, einen großen einheitlichen digitalen Binnenmarkt zu schaffen, um den Unternehmen einen Wettbewerb auf Augenhöhe mit Ländern wie den USA oder China zu ermöglichen“, kommentiert Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer beim IT-Verband Bitkom, den Volksentscheid. Daneben werde auch der Handel zwischen den einzelnen Ländern direkt betroffen: 2015 exportierte Deutschland ITK-Geräte und Unterhaltungselektronik im Wert von 2,9 Milliarden Euro nach Großbritannien geliefert; acht Prozent der gesamten ITK-Ausfuhren aus Deutschland. „Damit ist das Land knapp hinter Frankreich das zweitwichtigste Ausfuhrland für die deutschen Unternehmen.“ Quelle: REUTERS
ChemieindustrieDie Unternehmen befürchten einen Rückgang grenzüberschreitender Investitionen und weniger Handel. Im vergangenen Jahr exportierte die Branche nach Angaben ihres Verbandes VCI Produkte im Wert von 12,9 Milliarden Euro nach Großbritannien, vor allem Spezialchemikalien und Pharmazeutika. Das entspricht 7,3 Prozent ihrer Exporte. Von der Insel bezogen die deutschen Firmen Waren für 5,6 Milliarden Euro, vor allem pharmazeutische Vorprodukte und Petrochemikalien. Quelle: REUTERS
ElektroindustrieNach einer Umfrage des Ifo-Instituts sehen sich besonders viele Firmen betroffen (52 Prozent). Das Vereinigte Königreich ist der viertwichtigste Abnehmer für Elektroprodukte „Made in Germany“ weltweit und der drittgrößte Investitionsstandort für die Unternehmen im Ausland. Dem Branchenverband ZVEI zufolge lieferten deutsche Hersteller im vergangenen Jahr Elektroprodukte im Wert von 9,9 Milliarden Euro nach Großbritannien. Dies entspreche einem Anteil von 5,7 Prozent an den deutschen Elektroausfuhren. Quelle: dpa

Bei den Wertveränderungen ist demnach „alles in Ordnung“. Sie spiegeln jedenfalls die Erwartungen wesentlich besser wider als Vergleiche von Indizes mit unterschiedlichen Währungsfundamenten. Mit diesem Phänomen mussten die Anleger in der jüngeren Zeit häufiger umgehen. In einigen Schwellenländern kam es zu dramatischen Bewegungen, die weit über das britische Beispiel hinausgingen.

Russland Spielball seiner Währung

Ein Paradebeispiel ist Russland. In der zweiten Jahreshälfte 2014 stagnierten die Aktienkurse an der Börse Moskau. Aber der stürzende Ölpreis belastete zu dieser Zeit, denn das Land ist abhängig von seinen Energieexporten. Bereits im Frühjahr hatte die Europäische Union Sanktionen gegen Russland wegen der Krim-Besetzung verhängt. Der russische Rubel halbierte sich annähernd. Die Aktien waren demnach ein Verlustgeschäft für ausländische Investoren.

So sähen Kaufkurse für die 30 Dax-Aktien aus

Im laufenden Jahr geht es bisher anders herum. Der Ölpreis hat von den Tiefstpreisen deutlich angezogen. Dem russischen Aktienindex brachte das ein Plus von 15 Prozent. Dazu kamen etwa 20 Prozent Aufwertung des Rubels gegenüber dem Euro. Im Nachhinein wäre das ein gutes Geschäft für Anleger gewesen.

Aus aktueller Sicht drängt jedoch das britische Thema. Börsenprofis müssen darüber nachdenken, ob die Aktien auf der Insel inzwischen preiswert sind. Michael Hartnett hat das ausgerechnet. Der Chefstratege von Bank of America Merrill Lynch kommt zu dem Ergebnis: „Britische Aktien sind relativ zu Aktien aus den Industrieländern so billig wie seit 40 Jahren nicht.“

Tiefe Preise haben ihre Gründe. Die Aussichten für die Wirtschaft auf der Insel haben sich nach dem Brexit-Votum eingetrübt. Die Experten des Researchhauses Feri bringen das auf vier Worte: „Großbritannien vor der Rezession.“

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