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Marseille Kliniken Der Börsenabgang wäre für Aktionäre eine Katastrophe

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Sonderprüfer soll ran

Obwohl die Geschäfte zwischen Familie Marseille und dem Klinikkonzern offensichtlich zweifelhaft waren, hatten sie bislang keine Konsequenzen für die Beteiligten. Doch mit dem Abschied von der Börse haben die Protagonisten den Bogen wohl überspannt. Nach Informationen der WirtschaftsWoche plant eine Gruppe von Aktionären, die Geschäfte nun von einem Sonderprüfer durchleuchten zu lassen. Zunächst müssen sie dies bei einer Hauptversammlung beantragen. Stimmt die Familie Marseille dagegen, können sie den Einsatz eines Prüfers bei Gericht beantragen.

Welche Konzerne sich von der Börse verabschieden
Deutsche Strabag: Die AG verlässt die Börse Düsseldorf, muss dann aber nach deren Regeln ein Jahr in Frankfurt notiert bleiben. Quelle: Presse
Marseille Kliniken: Der Vorstand nimmt die Aktie von der Börse, weil der öffentliche Handel angeblich keinen Sinn mehr mache. Quelle: Presse
Schuler: Der Maschinenbauer verabschiedet sich von der Börse – prompt verkaufen Fonds an Großaktionär Andritz. Quelle: Presse
Magix: Das profitable Softwarehaus mit 31 Prozent Streubesitz ist kein typischer Delisting-Kandidat. Fonds sind geschockt. Quelle: Presse
Swarco Traffic Holding: Der Streubesitz des Verkehrssystemanbieters lag zuletzt bei zehn Prozent. Im November soll die Aktie von der Börse. Quelle: Presse

Sie müssen dem Gericht darlegen, dass der Vorstand oder der Aufsichtsrat seine Pflichten wahrscheinlich grob verletzt hat. Wird dies später vom Sonderprüfer bestätigt, „kommt die Gesellschaft kaum umhin, die Organe für etwaige entstandene Schäden haftbar zu machen“, sagt Markus Stephanblome, Aktienrechtsexperte bei der Kanzlei White & Case. Geschieht dies nicht, könnten sich die Aktionäre von einem Gericht ermächtigen lassen, diesen Schritt selbst zu gehen. Für Middelhoff, der an vielen Fronten kämpft, käme das zur Unzeit (siehe Seite 77).

Dabei schienen die Marseille Kliniken auf dem richtigen Weg. Der Vorstand hatte die Deals mit den Marseilles zurückgefahren, das Kerngeschäft entwickelte sich positiv. Bei Ulrich und Estella aber blieb kaum noch etwas hängen: Während das Paar und und seine Firmen 2009/10 knapp 25 Millionen Euro durch Geschäfte mit den Kliniken einnahmen, waren es 2012/13 nur noch 4,5 Millionen. Hinzu kam im Oktober rund eine Million Euro Dividende. Ein Goldesel ist die AG für das Paar nicht mehr.

Deshalb will Marseille – so vermuten es Aktionäre, die nicht genannt werden wollen – nun anderweitig abkassieren. Geschehnisse der vergangenen Wochen und Aussagen von Insidern erhärten den Verdacht. Der Plan könnte in vier Schritten abgespult werden.

Visionär: Marseille sah Potenzial im Pflegemarkt, gründete 1984 seine Kette. Heute hat die 60 Heime, wie das in Radensleben. Quelle: Presse

Schritt 1: Segment wechseln

Im Oktober 2012 sollte die Hauptversammlung über den Wechsel vom geregelten Markt in den Freiverkehr abstimmen. Eine Chance, ihn zu verhindern, hatten die Minderheitsaktionäre nicht. Die Marseille Kliniken AG wird vom Großaktionär dominiert. Aber immerhin: Wem der Wechsel nicht passte, der könne ihm ja, so Ulrich Marseille damals, seine Aktien anbieten. „Ich bin auch bereit einen angemessenen Aufschlag zu zahlen.“ Wie viele Aktien er seitdem gekauft hat, wollten weder der Klinikkonzern noch Ulrich Marseille mitteilen. Wäre die Aktie noch im geregelten Markt notiert, müsste er melden, sobald er 75 Prozent hält, im Freiverkehr nicht.

Schritt 2: Aktienkurs runter

Am 6. März 2014 liegt der Aktienkurs bei 4,70 Euro – um dann vom Vorstand auf Talfahrt geschickt zu werden. Im Halbjahresbericht klagte Klinikchef Heinz-Dieter Wopen über die Heimaufsicht: Die Pflegebranche leide unter rein willkürlichen Entscheidungen dieser „teilweise wenig qualifizierten Behördenmitarbeiter“. Das habe ein Klima von „Angst und Rechtsunsicherheit“ geschaffen. Es ergäben sich für die Marseille Kliniken Herausforderungen, „die mit nicht unerheblichen Risiken verbunden sind“ – wirkungsvoller hätte er die Aktie kaum schlechtreden können. Hinzu kam, dass die Marseille Kliniken im zweiten Halbjahr 22 Prozent Gewinnrückgang meldeten. Das reichte, um den Kurs bis Juni um 30 Prozent auf 3,30 Euro zu drücken.

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