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Mini-Bonds Diese Mittelstandsanleihen sind im Sinkflug

Namen wie Valensina oder Air Berlin locken Anleger, hohe Zinsen versprechen lukrative Erträge. Warum viele Mini-Bonds hochgefährlich sind und wo für Anleger trotzdem was zu holen ist.

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Aufmacher Sinkflug Dreier Quelle: dpa, Montage

Petra Zamek weiß, wie sie bei Aldi ihre Tütensuppen findet: erster Gang links, dann rechts rum und drei Meter weiter eine Vierteldrehung – schon steht sie vor dem Regal mit Brühe, Suppe und Salatfix aus dem Hause Zamek. "Wie sieht’s denn hier aus?", entfährt es der Geschäftsführerin. Tomatensuppen liegen kreuz und quer, Tüten mit Pilzsuppe stehen Kopf und überhaupt haben Kunden alle Sorten durcheinander geschmissen. Mit gekonnten Griffen sortiert Zamek die Tüten wieder in die Fächer der Kartons ein. Bei jedem Besuch im Supermarkt sieht sie so bei "ihren Produkten" nach dem Rechten.

Petra Zamek kämpft um die Existenz ihres Familienbetriebs – bei Aldi, beim Betriebsrat, bei Lieferanten. Und an der Börse: Über eine Anleihe hat sich Zamek 45 Millionen Euro gepumpt; zehn Millionen davon noch im Februar. Bitter: Der Ausgabepreis lag bei 93 Prozent. Das heißt, dass Zamek pro Anleihe statt 1000 nur 930 Euro einnahm – am Ende der Laufzeit im Mai 2017 aber 1000 zurückzahlen muss.

Trotz drohender Insolvenz immer neue Emissionen

Anleger müssen nun um ihr Geld bangen. Nur zwei Monate nachdem Zamek frische Millionen gesammelt hatte, wurde bekannt, dass der Verlust vor Steuern (EBT) von Anfang Juli 2012 bis Ende Januar bei 8,3 Millionen Euro lag. Zamek ist seit Jahren defizitär. Nun ist das Eigenkapital aufgebraucht: Die Eigenkapitalquote rutschte Ende 2012 unter drei Prozent, gesund wären 30 Prozent. Um das Eigenkapital zu stärken, verzichteten Gesellschafter auf 1,85 Millionen Euro. Die Ratingagentur Creditreform hat Zamek auf B+ heruntergestuft. Jeder fünfte Konzern mit diesem Rating soll nach fünf Jahren zahlungsunfähig sein.

Viele Mittelständler mit Anleihe haben Probleme. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem nicht einer eine neue Emission ankündigt. Seit 2010 haben Mittelständler mit rund 85 Bonds über 3,8 Milliarden Euro bei Anlegern gepumpt. Damit die anbissen, haben sie Zinskupons bis zu 11,5 Prozent versprochen – selbstmörderische Sätze, die sie nun nicht erwirtschaften können. Millionen sind bereits perdu.

Meldet ein Unternehmen Insolvenz an, ist es für Anleger aber zu spät. Die WirtschaftsWoche hat daher Bonds namhafter Mittelständler unter die Lupe genommen und brandgefährliche Papiere identifiziert.

"Auf Kante genäht"

Auch Willi Balz kämpft um sein Unternehmen. Der Chef und Alleinaktionär des Windpark-Initiators Windreich zahlt die Gehälter seiner Mitarbeiter seit Februar de facto aus eigener Tasche. "Die Liquidität von Windreich wird aktuell von der Balz-Bank zur Verfügung gestellt, Windreich ist Balz, und Balz ist Windreich", sagt der Ingenieur. Um die Zinszahlungen im März zu stemmen, habe er seine Häuser beliehen. Der Zins für die zweite Anleihe wird Mitte Juli fällig. "Mir ist klar, dass unsere Liquiditätsplanung auf Kante genäht ist, dies ist jedoch durch die im Zeitablauf stattfindende enorme Wertsteigerung in unseren Offshore-Projekten genau die richtige Strategie", verspricht Balz. Im März durchsuchte die Staatsanwaltschaft Stuttgart Windreich – es ging auch um den Verdacht der Insolvenzverschleppung und des Kapitalanlagebetruges. Balz weist die Vorwürfe zurück.

Windreich hat sich an der Börse 125 Millionen geliehen. Balz hat mehr als 200 Millionen in Form von Sicherheiten und Privatvermögen in Windreich investiert. Nun will er Anteile an Onshore-Windparks verkaufen, zudem flössen Stromerlöse aus dem Projekt Global Tech 1. Balz pocht außerdem auf seine "Lebensversicherung": Windreich hat für eine Klage Geld hinterlegt; zieht Balz die Klage zurück, werden kurzfristig elf Millionen Euro frei.

Millionen für Küchen

Top-Model Heidi Klum hält im Katjes-Werk Quelle: dpa/dpaweb

Beim Küchenbauer Alno stand es bereits bei Ankündigung der Anleihe Ende April kurz vor knapp: Die Liquidität reichte laut Wertpapierprospekt nur noch bis Ende Mai. Die Lücke wollte Alno durch den Bond sowie Bankkredite schließen. Die Anleihe ist durch, Verhandlungen mit den Banken sind es nicht. Trotz Anleihe braucht Alno Prospektangaben zufolge mehr Millionen. Die Ratingagentur Scope geht davon aus, dass es "kurzfristig zur Insolvenz" führen könne, wenn die Finanzierung nicht rechtzeitig zustande komme. Alno-Chef Max Müller präsentiert sich dennoch selbstbewusst. Auf der Frühjahrskonferenz der Deutschen Börse umgarnte er Investoren im schönsten Schweizerdeutsch, redete von Kapitalschnitt und Kapitalerhöhung und davon, dass das Eigenkapital nur mit sieben Millionen Euro im Minus liege, statt mit 73 Millionen, wie noch 2011. Im ersten Quartal war das operative Ergebnis aber weiter negativ, und mit Elmar Duffner ging ein wichtiger Manager mit Branchenerfahrung von Bord. Angesichts von 8,5 Prozent Zinskupon wurden Anleger doch schwach: Alno konnte in der ersten Stunde der Zeichnungsfrist die gewünschten 45 Millionen Euro einsammeln.

Zinsen sind niedrig wie nie

Wer profitabel arbeitet, braucht kein Geld aus Anleihen: Er bekommt bei seiner Bank etwa ein Schuldscheindarlehen zu Niedrigzinsen. So präsentierte Datagroup-Chef Max Schaber unlängst auf einem Investorentag in Stuttgart stolz die Konditionen seiner Kredite: Der IT-Servicedienstleister bekommt von Banken fünf Jahre lang Millionen zu 3,1 Prozent – davon träumen viele Mittelständler.

Bei welchen Unternehmen die Rückzahlung der Anleihe gefährdet ist

Vielen bleibt nur, um Anleger zu werben, die sich mit deutlich weniger Sicherheiten zufriedengeben als Banken. "Jeder sollte sich ausrechnen können, wie lange ein Unternehmen mit einem freien Cash-Flow von einer Million Euro und fünf Millionen Euro Eigenkapital sechs oder sieben Prozent Zinskupon pro Jahr bedienen kann, wenn es 50 Millionen mit einer Mittelstandsanleihe aufgenommen hat", sagt der Hedgefondsmanager Robert Suckel.

Fragwürdige Emittenten wie Alno können so viel Geld einsammeln, weil die Zinsen niedrig sind wie nie. Anleger, die Aktien fürchten wie der Teufel das Weihwasser, suchen verzweifelt nach Zinspapieren, mit denen sie wenigstens nach Inflation, Kosten und Steuern kein Minusgeschäft machen. So lenken sie Geld in die falschen Kanäle und finanzieren Unternehmen mit nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodellen. Auf den Papieren prangen zwar Markennamen, doch in der Regel emittiert eine Holding die Anleihe, die das Geld an operative Töchter weiterverleiht. So ist etwa Katjes International lediglich die schlecht kapitalisierte Auslandstochter des bekannten Süßwarenherstellers. Geld haben Sparer nicht Katjes, sondern etwa dem zum Konzern gehörenden französischen Fruchtgummiproduzenten Lutti geliehen.

Geld für Lutti

Katjes International wies im ersten Halbjahr 2012 einen negativen Cash-Flow von 5,8 Millionen Euro aus. Neuere Zahlen, und das ist typisch für viele Anleiheemittenten, gibt es nicht. Der Cash-Flow zeigt, wie viel Geld aus dem laufenden Geschäft in die Kasse kommt und zum Beispiel für die Bedienung von Krediten zur Verfügung steht. Noch schlimmer sieht das beim Online-Händler Getgoods aus: Der Cash-Flow aus der laufenden Geschäftstätigkeit lag 2012 fast 35 Millionen Euro im Minus. 30 der 86 Millionen Euro Verbindlichkeiten hat sich Getgoods über Anleihen besorgt.

Pech für die Anleger

Diese Zahlen lügen nicht

Wenn die Masche mit dem Anlegergeld klappt, packen Unternehmen gern noch was drauf. Anleihen aufgestockt haben etwa KTG Agrar, Schrott-Recycler Scholz, Underberg, Valensina, Zamek und Katjes. Alt-Anleger, die zeichneten, als die Finanzkennzahlen noch besser aussahen, sind die Gekniffenen. Underberg etwa wurde 2012 von Creditreform wegen der "starken Ausweitung der Finanzverbindlichkeiten" von BB+ auf BB- herabgestuft. Die Agentur sieht ein Klumpenrisiko für die Rückzahlung, weil Underberg am Zahltag im April 2016 nun 70 Millionen Euro auftreiben muss.

Underberg-Anleger sollten fortan die Eigenkapitalquote im Auge behalten. Sie lag laut Creditreform zum 31. März 2012 bei nur noch 14,6 Prozent. Hellhörig macht der Grund: Aus der Kasse der Anleiheemittentin Semper idem Underberg fließt Geld ab, weil sie einen Ergebnisabführungsvertrag mit der Mutter Underberg GmbH & Co. KG hat. Die Emittentin muss Gewinne überweisen. Underberg rechtfertigt das damit, dass die Mutter im Gegenzug Verluste ausgleichen müsse. Pech für Anleger: Die Rechte etwa an der Marke Underberg sowie das Rezept für den Kräuterschnaps liegen nicht bei der Emittentin der Anleihe.

Risiken lauern: So haftet die Emittentin für Pensionsverpflichtungen der Mutter über 8,1 Millionen Euro und für Bankkredite von Töchtern. Underberg geht davon aus, dass Semper idem "finanzstark genug ist, die Forderungen zu bedienen und den Kapitaldienst der Anleihe zu leisten".

Kritisch hinterfragen

Nachdenklich stimmt allerdings, dass Eigner Emil Underberg die alte Underberg KG zur Emission in eine GmbH umwandeln ließ, sodass er nicht mehr persönlich als Gesellschafter haften muss. Seine fünfjährige Nachhaftungszeit endet wenige Wochen, bevor die Anleihe ausläuft. Ob die Familie Underberg die Anleihe im Ernstfall privat tilgen würde? Nur wer das mit Ja beantwortet, kann die Anleihe kaufen.

Bei welchen Unternehmend das Insolvenzrisiko der Anleihen besonders hoch ist

Den Boom bei Minibonds befeuern Vertriebsprovisionen: Rund vier Prozent des Emissionserlöses muss ein Mittelständler an Berater, Banker, Börse sowie Rating- und Kommunikationsagentur abdrücken:

  • Den Löwenanteil bekommt die Bank, die den Anleihebörsengang organisiert. Marktführer im Segment Mittelstandsanleihen ist die Close Brothers Seydler Bank aus Frankfurt. Banken geben einen Teil der Provision an spezialisierte Verkäufer weiter. Je mehr Anleihen einer verkauft, desto höher sind die Gebühren, die er kassiert.
  • Auch die Börsen, und das ist neu, verdienen am Vertrieb. Privatanleger können Anleihen heute schon in der Zeichnungsphase über ihre Bank an der Börse kaufen. Die Börsen schreiben den Emittenten dann eine Rechnung – offiziell für eine Dienstleistung, keine Provision. Und obwohl sie es dürften, lehnen die Börsen Anleihen so gut wie nie ab – man wolle bloß den Zugang zum Kapitalmarkt schaffen, könne die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen aber nicht prüfen. So argumentierte die Deutsche Börse übrigens auch beim Thema "Neuer Markt" um die Jahrtausendwende.
  • Institutionelle Investoren treffen sich regelmäßig zu Gesprächen ("Pre-Soundings"), bei denen Unternehmen das Interesse an neuen Bonds testen. Die Großanleger wissen danach ziemlich genau, ob ein Bond stark nachgefragt sein wird. Falls ja, zeichnen sie. Wird die Zeichnung danach schnell geschlossen, kommen die ersten Jubel-Meldungen vom Unternehmen. Privatanlegern wird so suggeriert, dass der Bond beliebt sei, sie kaufen an der Börse zu gestiegenen Kursen und werden von den Großen bereitwillig bedient.

Größter anzunehmender Crash

Gefährliche Mittelstands-Anleihen an der Börse
Mehrere Pakete des alkoholischen Getränks Underberg liegen auf einem Haufen Quelle: Creative Commons-Lizenz
Hemden des Herstellers Seidensticker Quelle: PR
Produkte des Nahrungsmittelherstellers Zamek Quelle: PR
Schalkes-Fans feuern den FC Schalke 04 an Quelle: dpa
Katjes Yoghurt Gums Quelle: dpa/dpaweb

So wechseln im ersten Monat nach einer Anleiheemission laut Ratingagentur Scope bei einem Anleihevolumen von 50 Millionen Euro durchschnittlich Anleihen für 2,5 Millionen Euro pro Tag den Besitzer. Nach einem Jahr werden dann nur noch Papiere für 115 000 Euro gehandelt. Viele Profi-Investoren sind dann längst draußen.

Der größte anzunehmende Crash in dem gebeutelten Markt wäre der Ausfall von Air Berlin. Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft hat sich im Segment BondM der Börse Stuttgart über drei Anleihen eine halbe Milliarde Euro geliehen. Bond III kostet die Berliner stolze 11,5 Prozent Zins – die Rate signalisiert hohe Ausfallgefahr.

Die Airline ist schwer angeschlagen: Im ersten Quartal ist das Eigenkapital mit 53,1 Millionen Euro ins Minus gerutscht, Air Berlin flog erneut Verlust ein. Mit 196 Millionen Euro lag der zudem höher als im Vorjahresquartal. Der neue Airline-Chef Wolfgang Prock-Schauer begründet die Verluste mit Mehrkosten aus dem Programm Turbine 2013, das bis Ende dieses Jahres 200 Millionen Euro einsparen soll.

Air Berlin wird gesundgeschrumpft

Ende 2013 soll vor Steuern und Zinsen gar eine schwarze Null stehen. Der Preis dafür ist hoch, Air Berlin muss sich praktisch selbst abwickeln. Prock-Schauer will die Airline gesundschrumpfen: Die Flotte wird kleiner, Mitarbeiter müssen gehen. Unter anderem tritt Air Berlin mehr als 50 Piloten an Großaktionär Etihad ab.

Über die Zahlungsfähigkeit entscheidet die Liquidität. Ende des ersten Quartals hatte Air Berlin 470 Millionen Bares in der Kasse. Klingt viel, doch die Frage ist, wie lange es reicht: Die Airline brauchte zuletzt im Rekordtempo Geld. Im Oktober hat sie die mit 11,5 Prozent Zins teuerste Anleihe um 50 auf 150 Millionen Euro aufgestockt. Im Dezember verkauften die Berliner die Mehrheit des Vielflieger-Bonusprogramms an Etihad und erlösten 184 Millionen Euro, im Februar brachte die Wandelanleihe 140 Millionen Euro neue Schulden.

Bei welchen Unternehmen die Rückzahlung der Anleihe ausfällt oder ausgefallen ist

Für Anleger kann am Ende entscheidend sein, welchen Bond sie halten: Die drei Anleihen laufen 2014, 2015 und 2018 aus. Inhaber der jüngsten Anleihe haben die besten Chancen, ihr Geld wiederzusehen – falls nicht noch eine neue Anleihe dazwischenkommt, die noch kürzer läuft. Das war bei Air Berlin alles schon mal da: Anleihe Nummer drei kam 2011 und läuft kürzer als die beiden älteren. Die Darlehen der Altanleger sind so unsicherer geworden. Scope hat Air Berlin die Note CCC- verpasst. Zumindest hier kann die Airline nicht mehr tief stürzen: Eine Stufe weiter unten endet die Skala mit der Note D wie Default – Zahlungsausfall.

Schwierige Situation für Zulieferer

Noch beschränken sich Unfälle bei Bonds auf Unternehmen aus den erneuerbaren Energien: Solar, Wind, Biogas.

Schwierig ist hier auch die Situation von Zulieferern, wie etwa von 3W Power, die das Geschäft des Elektrotechnikers AEG Power Solutions führt. 3W verkündete Ende März, dass sich der Nettoverlust 2012 wegen hoher Abschreibung auf 178 Millionen Euro summiert habe. Im ersten Quartal machte 3W 1,5 Millionen Euro Gesamtverlust im Konzern, zudem fielen die Auftragseingänge um 34 Prozent. Nun ging Chef Horst Kayser, offiziell aus persönlichen Gründen – kein gutes Zeichen.

Die nächste Krisenbranche könnte Mode und Textil sein, wo reichlich Anleihen begeben wurden. Der Hemdenhersteller Eterna etwa schreibt seit Jahren Verluste, für 2012 dürften es grob geschätzt rund 4,5 Millionen sein. Die Misere geht auf das Jahr 2006 zurück, als die Private-Equity-Unternehmen Alpha und Quadriga Capital die Mehrheit kauften und Eterna die Schulden aufbürdeten. Die nächsten acht Jahre dürften noch hohe Abschreibungen das Ergebnis belasten.

Lebensmittel und Mode fallen negativ auf

Vier Prozent, mehr ist kaum drin

Lichtblick: Eigentlich sollten 2015 Gesellschafterdarlehen über 29 Millionen fällig werden. Weil die Anleihe im Jahr 2017 zurückgezahlt werden müsste, planen die Gesellschafter angeblich neue Verträge, nach denen sie ihr Geld erst nach den Anleihegläubigern wiedersehen sollen. Eterna will so sein Rating verbessern. Das ist mit BB- aktuell mies, geschuldet auch einer tief im Minus liegenden Eigenkapitalquote.

Noch eine Stufe tiefer, auf B+, liegt die Note von More & More. Der Textilhändler weist seit dem Geschäftsjahr 2008 ein negatives Ergebnis aus. Erst 2012 konnte der Konzern das Blatt wenden, vor allem, weil der Gesellschafter auf ein Darlehen verzichtete. Das war bitter nötig: Die in den Jahren 2008 bis 2011 aufgelaufenen Verluste hatten das Eigenkapital aufgezehrt, sodass die Gesellschaft noch bis in das Jahr 2011 bilanziell überschuldet war.

Neben Mode fallen auch die Lebensmittelproduzenten unangenehm auf: Zamek, Berentzen, Underberg und Valensina leiden unter hohen Rohstoffpreisen, die sie kaum an die mächtigen Lebensmittelketten weiterreichen können.

Valensina verleiht das Geld seiner Anleger

Anleger stört das nicht, der Markenname Valensina etwa zog sie magisch an: Die Nachfrage nach der Anleihe war 2011 so enorm, dass Anleger dem Safthersteller bis zu 254 Millionen Euro leihen wollten; Valensina nahm bis heute 65. Die Valensina GmbH muss darauf nun 7,375 Prozent Zins stemmen. Die finanzielle Lage des Saftanbieters sollten Anleger nicht leichtfertig schlucken: Die Eigenkapitalquote reduzierte sich Ende Juni 2012 auf 15,7 Prozent. 2012 machte Valensina 8,4 Millionen Euro Verlust vor Steuern.

Glossar Rating-Deutsch

Wenig Hoffnung macht zudem, dass die Anleiheemittentin großzügig Kredite an verbundene Unternehmen ausgereicht hat. Ende 2012 standen 33 Millionen Euro aus. Auf diese Weise finanzieren Anleihegläubiger nun etwa die defizitäre FSP Frischsaft Beteiligung und deren Tochter FSP Frischsaft Frische Produktions GmbH mit 11,9 Millionen Euro. Die produzieren Fruchtsäfte fürs Kühlregal. Stünde der Großkredit auf der Kippe, könnte auch die Rückzahlung der Anleihe wackeln.

"Nie da gewesene Preissteigerungen"

Für Valensina und Underberg verantwortlich zeichnet Wilfried Mocken. Bei Underberg ist Mocken Generalbevollmächtigter. Er führt die Spirituosengeschäfte, die restlichen 40 Prozent seiner Zeit kümmert er sich um seine eigenen Beteiligungen – vor allem um Valensina.

Im niederrheinischen Rheinberg sitzt Mocken in der stattlichen Bibliothek der Underberg-Villa. Der 69-Jährige hat sich in einem underberggrünen Sessel niedergelassen und referiert aus dem Kopf und ohne Pause über Rohstoffpreissteigerungen 2012: Zucker plus 54 Prozent, Orangensaftkonzentrat von 700 US-Dollar die Tonne auf 2500 Dollar; Apfelsaftkonzentrat: statt 70 Cent nun 1,50 Euro das Kilo. "Das sind noch nie da gewesene Preissteigerungen", schimpft er, bis Nase und Wangen rot werden.

Fruchtsaft in der Misere

Die spektakulärsten Spezialisten
1,97 Milliarden Euro Umsatz, 12 320 Mitarbeiter, in 160 Länder aktiv: Der Motorsägen-Weltmarktführer Stihl trotzt den Rückschlägen in Südeuropa und setzt seinen Wachstumskurs weiter fort. In den ersten acht Monaten dieses Jahres steigerte Stihl seine Erlöse gleich um 7,9 Prozent. Ein Drittel aller Motorsägen weltweit vertreibt Stihl nach eigenen Angaben und diese weltweite Präsenz hat dabei geholfen, die regionalen Einbußen in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland abzufedern. Im vergangenem Jahr ging es dem Weltmarktführer aus Waiblingen auch sehr gut: Er machte ein sattes Rekordumsatzplus von 10,8 Prozent. Für 2012 rechnet Stihl mit einem etwas schwächeren Wachstum von "nur" 5 bis 10 Prozent. Quelle: dpa
Pisten plätten und Halfpipes formen, eine Pistenraupe muss für alles gerüstet sein. In der Umgangssprache heißen die Maschinen "Pistenbully". So, wie das Produkt der Kässbohrer Geländefahrzeug AG. Mit den unverkennbar roten Pistenraupen ist das Unternehmen zum Weltmarktführer aufgestiegen. Vorher stellte es Reisbusse und LKW-Anhänger her. Quelle: Presse
Nicht nur bei Kindern beliebt, auch auf Musikfestivals ein Renner: die "Pustefix"-Seifenblasen der Firma Hein aus Tübingen. In mehr als 50 Ländern gibt es das Produkt zu kaufen. Besonders Amerikaner und Japaner stehen auf die bunten Blasen aus Deutschland. Quelle: REUTERS
Roll-Leinen für Hunde kommen von Flexi. 1972 entwarf die Firma den Prototyp aus Holz. Heute gibt es auch Luxusmodelle mit Swarovski-Kristallen. Produziert wird nach Unternehmensangaben ausschließlich in Deutschland, verkauft in 90 Ländern weltweit. Quelle: dpa
Blick in die Tiefe: In einer Übung seilen sich Feuerwehrmänner am Hochhaus "Taipei 101" ab. Die Fassade für das 508 Meter hohe Gebäude in Taiwans Hauptstadt Taipeh hat der deutsche Spezialist Gartner gefertigt. Nur eines von vielen Großprojekten; auch in Dubai, London, New York und München stehen Glasfassaden von Gartner. Quelle: AP
Edles Ambiente im Bundeskanzleramt. Gespeist wird hier mit feinstem Silber. Das Besteck liefert die Silbermanufaktur Robbe und Berking aus Flensburg. 1874 gegründet, hat die Firma international einen Marktanteil von 40 Prozent erreicht. Ein Viererset (Gabel, Messer, Ess- und Kaffeelöffel) ihres Besteck Modells "Dante" aus dem Bundeskanzleramt kostet 575 Euro in 925er Sterling Silber oder 283 Euro mit 150 Gramm Massiv-Versilberung. Quelle: dpa
Der Prothesenhersteller Otto Bock Healthcare ist offizieller Ausrüster der Paralympics in London. Für Rollstühle, Arm- und Fußprothese und viele weitere Hilfsmittel gibt es technische Unterstützung. Als Weltmarktführer fördert Otto Bock auch die Athleten des Deutschen Behindertensportverbands. 400-Meter-Sprinter Oscar Pistorius, der schon bei den Olympischen Spielen gestartet war, setzt dagegen auf Prothesen vom isländischen Konkurrenten Össur. Quelle: dapd

Ein Problem sei die Marktmacht der großen Supermarktketten, die in Deutschland das Gros des Lebensmittelumsatzes machen: Edeka, Rewe, Lidl, Aldi. "Jetzt gehen wir also hin und sagen: Lieber Herr Kunde, wir haben hier eine Preiserhöhung, die ist hier nachgewiesen. Und dann sagen die: Alles wunderbar, ich akzeptiere die Preiserhöhung aber nicht. Da waren wir ganz schnell bei zwei der größten Kunden ausgelistet und haben uns über Monate bemüht, da wieder reinzukommen", erklärt Mocken die Misere von Valensina.

Aus einem Stapel Unterlagen zieht Mocken ein Fachblatt hervor. "Da stehen drei Getränkefirmen drin, die sagen: Ich will nicht mehr, und ich kann auch nicht mehr. Die erste fusioniert, die zweite können Sie für einen Euro übernehmen, und die dritte wird von einem Sanierer bearbeitet."

Schulden zurückzahlen

Creditreform erwartet bei Valensina "ernst zu nehmende Finanzierungsprobleme", wenn sich die operative Ertragskraft bis zur Rückzahlung der Anleihe in drei Jahren nicht deutlich verbessere. Aufgrund hoher Finanzschulden drohe ohne Refinanzierung "existenzielle Gefährdung".

Und nun, Herr Mocken?

Tja, sagt Mocken, das habe er sich auch gefragt. Und im Gespräch mit Managern internationaler Konzerne sei er auf den Trichter gekommen: Kernkompetenz sei die Lösung. Und Kernkompetenz ist bei Valensina eben – Valensina. Also baut Mocken um, verkauft Randmarken der Gruppe an seine eigene Vermögensverwaltung. Mocken beharrt darauf, dass "für die verkauften Assets marktadäquate Kaufpreise realisiert" worden seien, "sodass sich auch keine Veränderungen im Vermögen der Gesellschaften ergeben haben". Weiterverkauft haben will er sie dann mit einem mittleren sechsstelligen Verlust, den er persönlich trage.

Börse



Die nötigen Darlehen zum Kauf der Marken aber gab ihm die Emittentin der Anleihe. Insgesamt schuldet Mocken dieser über seine Holding und seine Vermögensverwaltung 18,5 Millionen Euro. Während die Emittentin Anlegern 7,375 Prozent Zins zahlt, muss Mocken aktuell nur unter drei Prozent aufbringen. Dafür will Mocken der Anleihe Emittentin wiederum Kredit über zehn Millionen Euro gegeben haben.

Ist Mocken mit seinem komplizierten Programm durch, sollen nur die Marke Valensina sowie die Wolfra Kelterei übrig bleiben. Die zumindest ist profitabel.

Klappt der Umbau nicht, deutet Mocken an, werde er für sein Unternehmen geradestehen. "Es ist für mich undenkbar, die Schulden von Valensina nicht zurückzuzahlen. Und somit werden wir auch die Rückzahlung zum Fälligkeitstermin realisieren", verspricht er. Rechtlich verbindlich ist sein Versprechen nicht – aber das ist bei der Garantie für die Spareinlagen, die die Bundeskanzlerin 2008 abgab, nicht anders.

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