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Nach Brexit-Abstimmung Wieso reagieren die Märkte nicht auf Mays Klatsche?

Brexit: Theresa May verliert Abstimmung, warum steigt das Pfund? Quelle: REUTERS

Theresa May hat die Brexit-Abstimmung unerwartet deutlich verloren. Dennoch leidet der Kurs des britischen Pfunds nicht, sondern steigt sogar. Auch die Börse ist unaufgeregt. Was ist da los?

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Theresa May hat die Brexit-Abstimmung im britischen Parlament verloren, und zwar so deutlich, dass man kaum anders kann, als von einer Klatsche zu sprechen: 432 von 634 Abgeordneten stellten sich gegen ihre Premierministerin. Dennoch stürzte das britische Pfund nicht nur nicht ab, sondern machte direkt nach der Abstimmung sogar einen Sprung. Auch die Aktienmärkte scheinen kaum Notiz von der historischen Abstimmungsniederlage zu nehmen.

Das lässt nicht nur Laien ratlos zurück. „Warum um alles in der Welt konnte das Pfund zulegen?“, fragt etwa Ulrich Leuchtmann, Devisenspezialist bei der Commerzbank. Schließlich sei Mays Niederlage wesentlich deutlicher gewesen als erwartet, ein ungeordneter Brexit sei auf einen Schlag wesentlich wahrscheinlicher geworden.

Doch, und das ist einer der Erklärungsansätze, ein Exit vom Brexit eben auch. Jetzt, wo die Briten nur noch die Wahl zwischen hartem Brexit und neuem Referendum haben, könnten sie sich doch für einen Verbleib in der EU entscheiden, das hoffen nicht nur Brüsseler Spitzenbeamte.

Marcel Fratzscher, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW, sieht gar „Anlass zu vorsichtiger Hoffnung“. Die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexits sei durch das Votum kaum gestiegen, widerspricht er Leuchtmann. „Die Ablehnung des Brexit-Abkommens hat dagegen die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Referendums und damit eines Verbleibs Großbritanniens in der EU erhöht“, erklärt Fratzscher.

Zudem habe die Eskalation in Großbritannien abschreckende Wirkung für Europakritiker in anderen Ländern. „Der Brexit ist eine wirtschaftliche, soziale und politische Katastrophe für Großbritannien“, sagt Fratzscher. „Es ist schwer vorstellbar, dass eine andere Regierung oder Partei in Europa nun ihrem Land einen solchen Prozess zumuten möchte.“ Im Gegenzug könnte das europäische Projekt sogar profitieren.

Umstritten ist, ob die EU May nun noch mehr entgegenkommen wird. Schließlich ist für viele Verhandler bereits die Schmerzgrenze erreicht – und die abschreckende Wirkung des britischen Exempels sieht nicht nur Ökonom Fratzscher.


„May ist quasi der Jogi Löw der britischen Politik“, erklärt Devisenexperte Leuchtmann. May könne weder entfernt werden noch den Brexit entscheidend steuern. Was für politisch Interessierte wie ein Armutszeugnis wirken könnte, verspricht für die Märkte hingegen Stabilität.

Kallum Pickering von der Londoner Dependance der Berenberg-Bank versucht sich in einem anderen Erklärungsansatz: Das Votum gegen May sei „leicht positiv“ zu werten, da es die Premierministerin zwinge, sich nicht weiter in Brexit-Pläne zu verrennen, die ohnehin keine Zustimmung finden würden. Stattdessen müsse sie nun eine mehrheitsfähige Lösung finden.

Sowohl die Option eines neuen, besseren Brexit-Deals als auch die Option eines Exits vom Brexit hätten beruhigende Wirkung auf die Märkte, analysiert Pickering. Das sind in den Augen des Berenberg-Experten auch die wahrscheinlichsten Szenarien.
Alles harmlos also an der Brexit-Börsenfront? Commerzbank-Experte Leuchtmann ist sich da nicht so sicher. „Wissen wir nicht alle, dass der Devisenmarkt sehr schlecht darin ist, politische Risiken einzupreisen?“ Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten habe der Dollar deutlich aufgewertet, obwohl klar gewesen sei, dass Trump nichts „Dollar-Positives“ zuzutrauen sei, erklärt Leuchtmann.

Es habe Monate gedauert, bis der Devisenmarkt seine Fehleinschätzung korrigiert habe, aber am Ende habe er sie korrigiert und den Dollar geschwächt. Ähnliches sei nun auch für das Pfund zu erwarten. Leuchtmann leitet deshalb aus der jetzigen Ruhe vor einem möglichen Sturm eine Handlungsempfehlung für Anleger ab: „Die gestrige Marktbewegung ist eine Opportunität für all diejenigen, die angesichts der No-Deal-Risiken ihre GBP-Position reduzieren wollen.“

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