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Nachfahre des Neuen Marktes Das schwere Erbe des TecDax

Der Untergang des Neuen Marktes vor zehn Jahren war gleichzeitig die Geburtsstunde des TecDax. Der hat zwar weniger Skandale hervorgebracht, wird aber trotzdem nicht von allen geliebt.

"Die Banken haben doch jeden an die Börse gebracht"
„Der Neue Markt als Konzept hat sich bewährt.“ (Der Vater des Neuen Marktes, der heutige Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni, am 10. September 1997 in Frankfurt.) Quelle: dpa
„Der Neue Markt ist ein Lehrstück für das ordnungspolitische Konzept der Marktwirtschaft. Kapital wird mit Ideen zusammengebracht.“ (Der damalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert in einer Rede zum 1. Jahrestag der Eröffnung des Neuen Marktes am 10. März 1998.) Quelle: dpa
„Der Neue Markt hat eine zweite Chance nicht nur verdient, wir müssen sie ihm auch geben.“ (Der damalige Vorstandschef der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, am 3. September 2001 in Frankfurt.) Quelle: rtr
„Die Frankfurter Wachstumsbörse verkommt zum Tummelplatz für Hochstapler und unseriöse Geschäftemacher. Immer mehr Hightech-Firmen trudeln in der Todeszone. Börsenexperten prophezeien: Nur jedes fünfte Unternehmen am Neuen Markt wird überleben.“ (Teaser eines Artikels im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 17/2001.) Quelle: dpa
„Der amerikanische Traum vom Selfmade-Millionär hatte sich für viele Unternehmer und Anleger über Nacht erfüllt - mitten im angeblich so innovations- und risikofeindlichen Deutschland. Nicht nur die Professionellen, sondern auch die Privatanleger drängten an die Börse.“ (Aus einer Broschüre der Deutschen Börse zum 5. Jubiläum des Neuen Marktes im März 2002.) Quelle: dpa
„Ja, es hat kriminelle Machenschaften gegeben (...) In vielen Fällen aber ist schlicht das Geschäftsmodell nicht aufgegangen (...) Investoren, die gut diversifiziert am Neuen Markt anlegen, werden über kurz oder lang auch Treffer erzielen, die alle Verluste mehr als aufwiegen.“ (Der damalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert laut „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ im März 2002.) Quelle: AP
„Die Banken haben doch jeden an die Börse gebracht, der einen ambitionierten Geschäftsplan vorgelegt und dabei das Wort Internet richtig geschrieben hat.“ (Der Ex-Chef und Gründer des Mobilfunkunternehmens Mobilcom, Gerhard Schmid (rechts im Bild), im März 2007 auf dpa-Anfrage zum 10. Jahrestag der Eröffnung des Neuen Marktes. Links neben ihm: Reto Francioni, heutiger Deutsche-Börse-Chef ) Quelle: dpa Picture-Alliance

Viele Anleger erinnern sich mit Grausen, mancher Börsianer hielt es für einen heilsamen Schock: Heute vor genau zehn Jahren wurde der Neue Markt geschlossen. Dennoch schummeln sich die Auswüchse der Dotcom-Blase immer wieder in die Köpfe der Anleger - noch heute schrecken viele vor Aktienkäufen zurück, weil sie an den großen Crash Anfang des Jahrtausends denken.

Im März 1997 eröffnet, sollte das Segment schnell wachsenden Mittelständlern zu Kapital verhelfen. Vor allem Unternehmen aus rasch wachsenden Branchen wie der Telekommunikation sollten profitieren. Schließlich galt das Modell in den USA als erprobt. Vorbild war die US-Börse Nasdaq, die 1971 als weltweit erster vollelektronischer Marktplatz für Aktien der Computer- und Softwarebranche gestartet war. Zu Boomzeiten waren am Neuen Markt über 300 Unternehmen notiert. Der Index des Segments, der Nemax 50, erreichte fast 10.000 Punkte, brach dann aber drastisch ein. Bilanztricks, Insiderhandel und Kursbetrug gaben der New Economy den Rest.

Doch der Untergang des Neuen Markts war gleichzeitig die Geburtsstunde des TecDax. Im März 2003 gegründet, werden dort die 30 größten Technologiewerte gerankt. Zum Start notierte der Index bei 350,95 Zählern, nach rund zehn Jahren steht er jetzt bei 958 Punkten. Er konnte also rund 170 Prozent zulegen. Seinen Höchststand erreichte er Ende 2007 mit 1.058 Punkten.

Eigentlich eine Verlegenheitslösung, war der Technologiewerte-Index zunächst eine Erfolgsstory. Allein im ersten Jahr legte der TecDax zeitweise um bis zu 87 Prozent zu. Damit konnte er sogar das Vorbild Nasdaq jenseits des Atlantiks deutlich überflügeln. Das lag vor allem daran, dass die Zusammensetzung des Index im Gegensatz zu seinem Vorgänger Nemax 50 deutlich exklusiver war. Aufgrund der strengeren Auswahl stieg die durchschnittliche Marktkapitalisierung im Vergleich zum Nemax 50 um etwa 50 Prozent an. Das begeisterte vor allem institutionelle Investoren. Auch die Zahl der Insolvenzen hat sich natürlich gegenüber dem Neuen Markt deutlich reduziert. Ganz davon freisprechen konnte sich der Index trotzdem nicht, vor allem die Pleiten der zahlreich im Index vertretenen Solarwerte fielen ins Gewicht. Prominente Beispiele sind Q-Cells und der Modulhersteller Solon SE.

Große Blender - und was aus ihnen wurde
Die Gründer der Frankfurter Immobiliengruppe S+K, Stephan Schäfer und Jonas Köller, hat ein Schicksal ereilt, das vielen Blendern aus der Dotcom-Ära bereits zu Teil wurde: Sie landeten wegen mutmaßlichem Anlagebetrug in Untersuchungshaft. Zuvor haben sie es mit dem ergaunerten Geld richtig krachen lassen. Doch was ist aus den Bankrotteuren aus dem Jahr 2000 geworden?
Einer der bekanntesten Betrüger ist Florian Homm, bekannt als Großaktionär bei Borussia Dortmund. Am Neuen Markt war er zuvor schon bekannt als Gründer von Value Management & Research (VMR), die Firmen wie Toysinternational.com oder Comtelco an die Börse brachte. Eine angekündigte Fusion mit der Beteiligungsgesellschaft Knorr Capital scheiterte, Homm zog sich aus VMR zurück. Wenige Jahre später geriet er mit dem Hedgefonds Absolute Capital Management Holdings mit Investments bei Borussia Dortmund oder dem Finanzdienstleister MLP in die Schlagzeilen. Vielfach war ihm vorgeworfen worden, Kurse massiv zu manipulieren. Als der Hedgefonds 2007 unter Druck geriet, nahm Homm überstürzt seinen Hut und war seitdem untergetaucht. Seine Nachfolger in der Leitung des Fonds warfen ihm später vor, dass viele Investments einen weit geringeren Wert hätten, als ausgewiesen. Die Aktien des börsennotierten Hedgefonds verloren mehr als 90 Prozent ihres Wertes. Seit Februar 2011 läuft gegen Homm auch eine Klage der US-Börsenaufsicht SEC. Zuletzt wurde er in Liberia vermutet. 2012 tauchte der einst skrupellose Finanzinvestor wieder auf - um ein Buch über sein Leben vorzustellen und sich öffentlich reinzuwaschen. Er sei ein anderer Mensch, gehe mindestens zweimal wöchentlich zum Gottesdienst und wolle sich demnächst der SEC stellen, erzählt er der Financial Times Deutschland. Natürlich können Menschen sich ändern, aber der Eindruck einer PR-Masche zum Verkauf seines Buches bleibt doch bestehen - gerade wenn es stimmt, dass von seinem einzigen Vermögen nicht mehr viel übrig ist. Quelle: dpa/dpaweb
Im Januar 2012 wurde der gebürtige Kieler Kim Schmitz in Neuseeland festgenommen. Dem 38-jährigen wurde vorgeworfen, Mastermind hinter dem Raubkopien-Portal Megaupload zu sein. Die spektakuläre Verhaftung rückte auch die Dotcom-Ära wieder in Erinnerung, immerhin hatte Schmitz sein 25-Millionen-Dollar-Anwesen "Dotcom Mansion" getauft und sich selbst seit einiger Zeit ganz offiziell Kim Dotcom genannt... Quelle: REUTERS
Auch in der Zeit des Neuen Marktes war Schmitz eine der schillerndsten Figuren: Unvergessen sind seine Urlaube mit dem durch eine Dieter Bohlen-Affäre als "Teppich-Luder" bekannten Playboy-Bunny Janina... Quelle: rtr
Legendär auch seine Auftritte in der Harald-Schmidt-Show, wo Schmitz seinen eigenen Sessel mitbrachte (die vorhandenen waren ihm zu unbequem) und erzählte, wie er den Jet der Haffa-Brüder für eine halbe Million charterte, um einen Kurztrip in die Karibik zu unternehmen. Quelle: rtr
EM.TV Quelle: dpa
Comroad Quelle: Robert Brembeck für WirtschaftsWoche

Zwar hat der TecDax das Vertrauen der Anleger in die Technologiewerte dennoch einigermaßen wiedererlangt. Kritik von Analysten gibt es trotzdem. Viele kritisieren, die Trennung in Old und New Economy sei mittlerweile überholt. Im Gegensatz zu den USA habe Deutschland schließlich nie die ganz großen Technologieunternehmen hervorgebracht. Entsprechend einseitig ist oft die Zusammensetzung des Indizes. Lange galt der Index als "SolarDax", denn zwischenzeitlich kamen knapp ein Drittel der gelisteten Unternehmen aus der Solarbranche. Aufgrund der jüngsten Pleiten hat sich das Bild mittlerweile wieder normalisiert.

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Auch die Zusammensetzung des Indizes ist vielen Analysten nicht auf den ersten Blick klar. Denn auch Unternehmen aus anderen Börsen-Indizes wie beispielsweise der im MDax gelistete Maschinenbauer Kuka haben viel mit Technologie zu tun. Viele Asset-Manager vermissen bei den Unternehmen im TecDax auch eine ausreichende Liquidität, die Aktien seien demnach eher für Privatanleger interessant. Die wiederum haben oft ein Auge auf die Dividenden. Bei den Ausschüttungen läuft der TecDax seinen Kollegen aus Dax, MDax und SDax allerdings deutlich hinterher, wie die Dividendenstudie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) gezeigt hat.

Während 90 Prozent der im Dax gelisteten Unternehmen ihren Aktionären eine Dividende zahlen, sind es im TecDax lediglich 72 Prozent. Absolut konnte der TecDax leicht aufholen, 2013 wurde erstmals mehr als eine Milliarde Euro ausgeschüttet und damit mehr als im SDax (755 Millionen Euro). Allerdings war dieser Zuwachs fast ausschließlich dem Börsenneuling Telefonica Deutschland geschuldet.


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