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Nachhaltigkeit bei AktienDie wahren Öko-Aktien kommen aus der Schwerindustrie

Anleger achten bei Aktien zunehmend auf grüne Öko-Siegel. Deutsche Finanzexperten wollen das Oligopol der Nachhaltigkeits-Ratingagenturen nun aufbrechen, indem sie Umweltpatente berücksichtigten. Das Ergebnis überrascht.Heike Schwerdtfeger 23.08.2022 - 16:17 Uhr

Sind Saudi Aramco oder Thyssenkrupp die besseren Ökoinvestments?

Foto: dpa Picture-Alliance , imago images

Anleger sollen ihr Geld nach dem Willen der Europäischen Union immer stärker nachhaltig und sinnstiftend anlegen. Denn Gas- und Klimakrise lassen sich nur bewältigen, wenn viel Geld in Alternativen investiert wird. Diese sind eher bunt als grün, denn jeder interpretiert Nachhaltigkeit anders. Eine wichtige Rolle spielen inzwischen die Urteile spezieller Agenturen, die die Nachhaltigkeit von Unternehmen oder Anlageprodukten bewerten. Ohne deren Analysen kommt inzwischen kaum ein Großanleger aus. 

Deutsche Finanzexperten wollen das Oligopol dieser Nachhaltigkeits-Ratingagenturen aufbrechen. „Wir liefern einen Gegenvorschlag zu den etablierten Nachhaltigkeitsratings von Unternehmen“, sagt Andreas Beck. Der Mathematiker und Unternehmer, der das Institut für Vermögensaufbau sowie die Vermögensverwaltung Index Capital gegründet hat, sah sich immer wieder mit den Widersprüchen bestehender Nachhaltigkeitsratings konfrontiert. Zusammen mit seinem Kollegen Lucas von Reuss, Co-Gründer und Chef des Beratungsunternehmens Quant IP, hat er deshalb ein neues Ratingsystem entwickelt.

Vergleichbarkeit? Fehlanzeige

Das Geschäft mit Gütesiegeln und Ratings für Nachhaltigkeit ist enorm gewachsen und entsprechend unübersichtlich. Eigentlich erwartet man von Ratings vergleichbare Aussagen. Doch die gibt es im Nachhaltigkeitsbereich, in dem sich etwa 15 Ratinganbieter tummeln, nicht. Marktführend ist der US-Anbieter MSCI. An seinen Analysen kommt kaum ein Großanleger vorbei.

Nachhaltigkeit in der US-Finanzwelt

„Ihr Europäer denkt wohl, ESG ist das Thema Nummer 1, aber das ist es nicht“

von Jannik Deters, Philipp Frohn, Tobias Gürtler und weiteren

Analysen des noch jungen Marktes zeigen: Die Ratingagenturen lassen sich ihre Datenlieferungen gut bezahlen, ihre Ergebnisse aber sind umstritten. Die Ratinganbieter urteilen nach völlig unterschiedlichen Kriterien, teils mit gegensätzlichen Ergebnissen und auf der Grundlage weniger Daten. Die Beurteilung geht oft in verschiedene Richtungen, abhängig davon, welche Schwerpunkte die Ratingagenturen legen. Manche gewichten ökologische Aspekte höher, andere die verantwortliche Unternehmensführung. 

Ein gutes Beispiel, um die Vielschichtigkeit der Ratings zu illustrieren, ist Tesla. Bei dem E-Auto-Bauer gehen die Urteile zur Nachhaltigkeit besonders weit auseinander. Marktführer MSCI hat Tesla sehr positiv bewertet, die britische FTSE Group und Standard & Poor's sehen dagegen Schwächen.

Nachhaltigkeit in der Finanzberatung: Schub für „grüne“ Anlagen?
Egal ob Investmentfonds, Aktie oder Rentenprodukt – Bankberater und Versicherungsvermittler sind vom 2. August an verpflichtet, Kundinnen und Kunden zu fragen, ob sie „grün“ investieren wollen und welche Präferenzen sie dabei haben. Dies muss dann bei der Produktauswahl berücksichtigt werden. Die Regelung ist Teil einer ganzen Reihe neuer EU-Vorgaben, die unter dem Kürzel „Mifid II“ schrittweise in Kraft treten. Es geht also bei der Anlageberatung künftig nicht mehr nur um Renditechancen und Risiko, sondern auch um Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung: Die Abkürzung ESG (englisch für: Environmental Social Governance) hält gewissermaßen Einzug in die Beratung.
Die EU-Kommission in Brüssel hat mit der Taxonomie eine Art Katalog für klimafreundliche Investitionen auf den Weg gebracht. Für Kritik sorgt, dass es in diesem Rahmen von Januar 2023 an auch als klimafreundlich gilt, Geld in bestimmte Gas- und Atomkraftwerke zu stecken. Das finden unter anderem Umweltschützer falsch. Anleger müssen sich also weiterhin sehr gut informieren, was sich hinter Finanzprodukten verbirgt, die als „nachhaltig“ vermarktet werden.„Die Umsetzung der Mifid-II-Vorgaben ist für Berater ein Wahnsinn“, sagt Christian Klein, der als Professor an der Universität Kassel zum Thema nachhaltige Finanzwirtschaft forscht. „Das eine Problem ist: Wie kann in kurzer Zeit einem Kunden erklärt werden, was zum Beispiel Taxonomie und Offenlegungsverordnung sind? Das Hauptproblem ist dann das sogenannte Mapping: Wie findet ein Berater die passenden Produkte, die der Kunde dann auch kauft?“Der Fondsverband BVI erklärte auf Nachfrage: „Dass es trotz unzähliger technischer Details und Vorschriften noch kein einheitliches Verständnis gibt, was nachhaltig ist, ist tatsächlich ein Problem.“ Mehr Klarheit können nach Ansicht des BVI nur europäische beziehungsweise internationale Mindeststandards schaffen: „Das gilt für ESG-Daten, die Unternehmensberichterstattung und Anforderungen an nachhaltige Produkte gleichermaßen. Deshalb setzen wir uns für solche internationalen Mindeststandards ein.“
Angenommen, ein Kunde will von 10.000 Euro 60 Prozent in ökologisch nachhaltige Anlagen im Sinne der EU-Taxonomieverordnung stecken. In diesem Fall könnte ein Anlageberater für 6000 Euro ein nachhaltiges Finanzprodukt empfehlen und für die restlichen 4000 Euro ein Produkt, das überhaupt nichts mit ESG zu tun hat.
Nach Einschätzung von Bankenpräsident Christian Sewing nimmt die Finanzbranche die Herausforderungen des Klimawandels sehr ernst. „Die Finanzbranche setzt inzwischen viele Ressourcen dafür ein, genau darauf zu achten, dass das, was wir als grün bezeichnen, auch wirklich grün ist“, sagte der Deutsche-Bank-Chef in seiner Funktion als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) kürzlich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Allen Marktteilnehmern ist bewusst, wie gefährlich Vorwürfe von Greenwashing sind.“
Die Politik will mehr Geld dorthin lenken, wo es dem Klima und der Umwelt nutzt, statt diesen zu schaden: Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen, Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft, Vermeidung von Verschmutzung sowie Schutz von Ökosystemen und Biodiversität und ähnliches. Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu sein, Deutschland will das schon bis 2045 schaffen. Das heißt: Klimaschädliche Gase wie Kohlendioxid (CO2) sollen von da an vermieden oder gespeichert werden. Der Umbau der Wirtschaft von „braun“ zu „grün“ wird nach Einschätzung von Experten nur gelingen, wenn neben öffentlichen Milliarden auch Privatleute ihn mit ihren Investitionen mittragen.
Die Tendenz ist steigend. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) beziffert die Gesamtsumme nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland zum 31. Dezember 2021 auf 501,4 Milliarden Euro. Das waren fast 50 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil nachhaltiger Fonds am gesamten deutschen Markt stieg demnach binnen Jahresfrist deutlich von 6,4 Prozent auf 16,7 Prozent.
„In Umfragen sagen die meisten Deutschen seit Jahren, dass sie das Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage total spannend finden. Aber sie setzen es nicht um“, sagt der Kasseler Professor Klein. „Ich bin überzeugt: Wenn das jetzt den Kunden aktiv angeboten wird, werden wir eine riesige Nachfrage bekommen. Das holpert vielleicht am Anfang, weil die Materie komplex ist. Aber ich denke, dass viele Anleger am Ende nicht den 0815-Fonds kaufen werden, sondern irgendetwas Grünes.“Der Fondsverband BVI ist allerdings skeptisch, dass der Bedarf auch ab sofort in jeder Hinsicht gedeckt werden kann: „In der ersten Zeit wird es voraussichtlich nicht genügend Produkte geben, um alle denkbaren Präferenzen der Kunden zu bedienen.“

Tradition statt grüner Aufsteiger

Echte grüne Börsen-Perlen sind selten. Sektoren wie erneuerbare Energien, Rohstoffrecycling und Abfallentsorgung sind mit Blick auf die Ökobilanz interessant, belegen am Aktienmarkt aber nur eine Nische. Wichtig ist, dass traditionelle Unternehmen Fortschritte bei der Nachhaltigkeit machen, damit Umweltziele erreicht werden können. Auch hier versuchen die Ratingagenturen die Fortschritte zu beurteilen, häufig aber auf Basis eher subjektiver Einschätzungen.

Das Duo Andreas Beck und Lucas von Reuss hat ein alternatives Bewertungsmodell entworfen. Hier soll die Nachhaltigkeitsbewertung „auf Basis einer hochwertigen, international standardisierten und objektiven Datenbasis“ erfolgen, heißt es in der Beschreibung. Damit wollen Beck und von Reuss Greenwashing-Vorwürfen vorbeugen, wie sie im Zuge des allgemeinen Nachhaltigkeitschaos oft erhoben werden.

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Die Herren schauen sich für ihr Rating „grüne Patente“ an. Auf Basis der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen identifizierte die Weltpatentorganisation Patentklassen, die sich auf konkrete technische Lösungen für Umweltprobleme beziehen. Ihre Argumentation: Ohne solche grüne Innovationen sind die Nachhaltigkeitsziele nicht zu schaffen. Über die Auswertung der Patentdatenbanken, lassen sich die führenden Unternehmen beim Umbau der Wirtschaft Richtung Nachhaltigkeit identifizieren. Damit orientiert sich das so genannte ESGI Rating von Beck und von Reuss am Ziel der EU beim nachhaltigen Investieren: die Wirtschaft mit Kapital für den erfolgreichen Umbau Richtung Nachhaltigkeit zu versorgen.    

Es gibt international standardisierte und öffentlich einsehbare Patentdatenbanken, die alle Erfindungen sammelt. Rund 200 Unternehmen haben Beck und von Reuss darüber identifiziert, die besonders viele grüne Erfindungen in ihrer Patent-Pipeline haben. Im Jahr 2020 haben diese Unternehmen zusammen rund 6000 Erfindungen entwickelt, die von der UN und der Welt-Patent-Organisation so eingestuft wurden, dass sie zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beitragen können.

Nachhaltige Investments

Die Ökofondsfundis

von Heike Schwerdtfeger

Ein aus diesen Unternehmen gebildeter weltweiter Index für börsennotierte Unternehmen, ESGI All World, unterstützt zum Beispiel das Ziel „Klimaschutz“ im Sinne der EU-Taxonomie. Der Grund: Die Unternehmen haben Tausende Erfindungen der Kategorie „Alternative Energieproduktion & Speicherung“ angemeldet.

Die Zusammenstellung ist allerdings überraschend – mancher findet sie vielleicht sogar verstörend. Mit Fondsgesellschaften, die basierend auf diesem Index einen Fonds oder einen ETF auflegen könnten, hätten sie durchaus kontroverse Diskussionen, gibt Beck zu.

Denn grün erscheinen die Unternehmen nicht auf den ersten Blick. Die patentstärksten Unternehmen stammen vor allem aus traditionellen Industriebereichen. So gehört etwa der Stahlriese Thyssenkrupp dazu, der sich gerade beim Thema Wasserstoff einen Namen macht. Auch Ölriesen und Autobauer sind vertreten. Unter den Autoherstellern führen Toyota und Hyundai die Liste bei grünen Erfindungen an. Besonders stark sind auch Siemens, Samsung, LG Innotek und Toshiba. Aus Deutschland hält Bayer eine riesige und weltweit führende Zahl im Bereich grüner Patente, aus Österreich ist Ams-Osram stark.

Abgehängte US-Unternehmen

Auffällig ist, dass US-Unternehmen in einem patentgewichteten Index nicht sonderlich stark vertreten wären. Unter die 50 herausragenden Unternehmen mit grünen Erfindungen schaffen es nur Apple, Intel, General Electric und Corteva (Saatgut, Agrarchemie). In Nachhaltigkeitsindizes, etwa von MSCI, dominieren US-Unternehmen zwar mit teils mehr als 60 Prozent Anteil. Bei den Patenten haben aber japanische, koreanische und europäische Unternehmen die Nase vorn. Sogar der weltgrößte Ölförderer Saudi Aramco schaffte es unter die Top 50, wohl dank vieler Patente im Solarbereich.

Die Suche in der Patentdatenbank hilft auch dem Fondsmanager Klaus Walczak schon seit Jahren dabei, für den Aktienfonds Monega Innovation forschungsstarke Unternehmen zu identifizieren. Der Chef von Ariad Asset Management aus Hamburg hat durch die Analyse von Patentdaten weltweit ein Portfolio aus kleinen bis mittelgroßen Unternehmen zusammengestellt. Die Idee dahinter: Patente schützen das in der Bilanz unsichtbare intellektuelle Kapital des Unternehmens, und Lizenzen daraus bringen zusätzliche Einnahmen.  

Patente sind kein Garant für Kursgewinne

Hat ein Unternehmen besonders viele – in Walczaks Augen – werthaltige Patente, und steht der angenommene Wert dieser Patente zum Bilanzwert in einem vernünftigen Verhältnis, kommt die Aktie des Unternehmens in den Fonds. Allerdings: Im Vergleich mit dem Weltaktienindex von MSCI fällt der Fonds zeitweise – aktuell etwa – ab. Kleinere und mittelgroße Unternehmen haben unter den jüngsten Börsenturbulenzen stark gelitten. Patente allein sind also kein Garant für gute Börsenperformance.

Auch Stahl-, Öl- und Autoriesen werden grüne Patente kurzfristig keine Pluspunkte bringen. Erst langfristig könnten sie sich auszahlen. Bei der Beurteilung der Nachhaltigkeitsbemühungen von Unternehmen sollten Beobachter sie aber nicht völlig außer Acht lassen.

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