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Neue Geldpolitik Wird die EZB jetzt zum Aktionär?

Die EZB als Aktionär? Quelle: imago images

Was passiert, wenn die Geldpolitik nicht mehr wirkt? Manche Auguren halten in Zukunft sogar Aktienkäufe der EZB für möglich – auch weil es dafür schon prominente Vorbilder in der Welt gibt.

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Der Ökonom Hermann Heinrich Gossen (1810-1858) aus Düren ist als Person nicht übermäßig bekannt, von dem Mann gibt es nicht mal ein Bild. Und doch prägt eine seiner Ideen bis heute die Ökonomie: Das 1. Gossensche Gesetz besagt, dass der Nutzen, den uns ein Gut in einer bestimmten Zeit verschafft, mit jeder zusätzlich verbrauchten Einheit abnimmt.

Seit einiger Zeit müssen auch Analysten, die sich mit Geldpolitik beschäftigen, immer häufiger an dieses Gesetz denken. Denn ein abnehmender Grenznutzen gilt nicht nur für den Verzehr von Schokolade und Bier, sondern offenbar auch für die Versuche der Europäischen Zentralbank, die Inflationsrate nach oben zu drücken. Wie es scheint, muss die EZB immer stärkere expansive Impulse setzen, um Märkte und Wirtschaft zu beeindrucken. Im Frankfurter EZB-Tower lässt Chef Mario Draghi daher nun angeblich prüfen, welche unkonventionellen Wege die Notenbank gehen könnte, damit ihre Politik nicht wirkungslos verpufft. Und da dürften Draghis Experten unweigerlich auf eine Idee stoßen, die bisher (zumindest öffentlich) nicht auf der geldpolitischen Agenda stand – den Ankauf von Aktien.

Einen prominenten Unterstützter aus der Finanzwelt hat die Idee bereits: Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, empfiehlt der EZB explizit den Einstieg ins Aktiengeschäft, um die Wirtschaft zu stimulieren. Den Zins immer tiefer in den negativen Bereich zu treiben und noch mehr Staatsanleihen einzusammeln, hat nach Ansicht des um seine Renditen bangenden Geld-Gurus keine spürbaren realwirtschaftlichen Effekte mehr.

Das Ende der unabhängigen Geldpolitik

Die EZB als Miteigentümer von Bayer, Siemens und Adidas? Das wäre der endgültige Bruch mit der traditionellen und politisch unabhängigen Geldpolitik, die sich zuvorderst der Preisniveaustabilität verpflichtet sieht. Da eine Notenbank als Aktionär auch ordnungs- und industriepolitische Fragen aufwirft, dürfte ein solcher Schritt der EZB mit einiger Sicherheit vor dem Europäischen Gerichtshof landen.

Völlig unwahrscheinlich ist die neuerliche Grenzüberschreitung der Währungshüter deswegen aber nicht – und erst recht kein weltweites Novum. Im vergangenen Jahr hatte jede dritte der 30 größten Notenbanken der Welt auch Aktien im Vermögensbestand. Großen Playern wie der amerikanischen Federal Reserve und die Bank of England ist der Aktienkauf zwar untersagt. Viele andere aber gerieren sich seit Jahren als Mitbesitzer privater Unternehmen. Die Bank of Korea etwa kauft in großem Stil chinesische Aktien, in Japan sammelt die Notenbank jedes Jahr für sechs Billionen Yen (rund 54 Milliarden Dollar) Anteile an Indexfonds ein. Mittlerweile ist die Bank of Japan – nach einem Pensionsfonds – der größte Besitzer japanischer Aktien im Land.

Auch die Schweizer Notenbank (SNB) ist Großaktionär; sie kauft aus währungspolitischen Gründen vor allem US-Aktien. Ein wichtiges Ziel dabei ist, den Kurs des Franken zum Dollar zu drücken. Ende des zweiten Quartals lag der Aktienanteil im SNB-Vermögensportfolio laut Anlagestrukturbericht bei 20 Prozent. Mittlerweile besitzen die Eidgenossen Aktien von 6600 Unternehmen. Der Wert allein des Bestands an US-Aktien erreicht rund 90 Milliarden Dollar. Ende des ersten Quartals hielt die Notenbank vor allem Anteile von Tech-Konzernen wie Microsoft (rund 3,2 Milliarden Dollar), Apple (rund 3,1 Milliarden Dollar) und Amazon (rund 2,6 Milliarden Dollar), sie war aber auch in der „Old Economy“ investiert (Exxon Mobil, Pfizer, Procter&Gamble).

Ordentlich zugekauft hat die SNB zuletzt bei Disney und dem chinesischen Tech-Riesen Alibaba. Gegen den Vorwurf der Marktverzerrung wehrt sich die Notenbank mit Nachdruck: Man trete am Markt möglichst neutral auf und verzichte bewusst darauf, „einzelne Unternehmen oder Sektoren über- oder unterzugewichten“, heißt es bei der SNB.

Was aber plant die EZB? Am 1. November übernimmt die bisherige IWF-Chefin Christine Lagarde das Zepter im Frankfurter EZB-Tower. Bei ihrer Anhörung im Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlamentes machte sie klar, wohin mit ihr die Reise geht: „Eine sehr expansive Politik ist für einen längeren Zeitraum gerechtfertigt“. Und neue Wege scheint die Französin dabei nicht auszuschließen. Ihre vieldeutiges Credo: „Die EZB muss anpassungsfähig sein.“

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