Neuer Markt Mit neuen Börsensegmenten bitte vorsichtig sein!

Ein neues Segment für junge Aktiengesellschaften würde nichts daran ändern, dass die Deutschen Aktienmuffel geworden sind. Daran ist auch der einstige Neue Markt der Nullerjahre schuld.

Wie Philipp Rösler den Neuen Markt wiederbeleben will
Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) plant ein Comeback des Börsensegments
10. März 1997Der Neue Markt startet mit dem Börsenneuling Mobilcom und dem Ingenieurdienstleister Bertrandt. Erstere ist im Telekom-Anbieter Freenet aufgegangen. Die Bertrandt-Aktien sind heute im Kleinwerte-Index SDax gelistet. Quelle: AP
Ende 199864 Aktien sind am Neuen Markt notiert, Börsenwert 26 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die 30 im Technologie-Index TecDax gelisteten Firmen werden aktuell mit insgesamt 37 Milliarden Euro bewertet. Zwischen März 1997 und Ende 1998 hat der Neue-Markt-Index mehr als 250 Prozent gewonnen. Quelle: dpa
6. April 1999 Als erste Firmen ziehen sich Lösch Umweltschutz und Sero Entsorgung wieder vom Neuen Markt zurück. Quelle: AP
1. Juli 1999Die Börse führt für die größten 50 Unternehmen den Index Nemax50 ein. Quelle: AP
1999Die Zahl der Börsengänge am Neuen Markt durchbricht die Marke von 100. Auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie wagen 132 Firmen den Gang aufs Parkett. Zum Jahresende sind 201 Aktien mit einer Marktkapitalisierung von rund 111 Milliarden Euro am Neuen Markt notiert. Quelle: dpa
10. März 2000 Der Nemax All Share - der frühere Neue-Markt-Index - schließt an seinem dritten Geburtstag bei 8546,19 Zählern. Er wird dieses Niveau nie wieder erreichen. Der Nemax-50 erreicht bei 9665,81 Punkten ebenfalls ein Allzeithoch. Die Marktkapitalisierung aller 229 Unternehmen am Neuen Markt erreicht mehr als 234 Milliarden Euro. Einen Tag nach dem dritten Geburtstag des Neuen Marktes - am 11. März 2000 - beginnt im Gefolge der US-Technologiebörse Nasdaq dessen Talfahrt. Quelle: AP

Die Zeit um die Jahrtausendwende war lebendig und abenteuerlich. Aber ausgerechnet den Neuen Markt, das Börsensegment für junge Technologieunternehmen, aus dieser Zeit hervorzuholen, ist keine gute Idee. Denn das, was aus den Nullerjahren hängengeblieben ist von der Börse, sind deren hohe Verluste, die viele in ihren Depots nie wieder aufgeholt haben und aufholen werden. Wer heute von hohen Verlusten spricht, macht dafür Finanzkrise und Schuldenkrise verantwortlich, damals war der Neue Markt fürs Geld das Bermudadreieck, das alles verschlang.

Weil es dem Standort Deutschland angeblich an Kapital für junge innovative Unternehmen mangele, hat sich der Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) mit dem Chef der Deutschen Börse Reto Francioni und der Lobbyorganisation „Bundesverband Deutsche Start-ups“ getroffen. Die Runde fantasierte über Neue Märkte, deren Ziel es unter anderem sein soll, eine starke deutsche Internetwirtschaft entstehen zu lassen. Röslers Frühjahrsausflug ins Silicon Valley lässt grüßen.

Fondsmanager Karl Fickel, Nebenwertepionier und Gründer der Fondsgesellschaft Lupus Alpha, empfindet eine gewisse Sympathie für das Ansinnen, einen Neuen Markt aus der Taufe zu heben, denn eine Technologieplattform könnte der deutsche Aktienmarkt gebrauchen. Er warnt aber: „Wenn Gemurkse herauskommt, dann sollten sie es lassen.“ Der Erfolg hänge zudem davon ab, wie der Neue Markt künftig gestaltet werden solle. Da hängt Fickel das Thema Transparenz und Aktionärsschutz ganz hoch, die Firmen sollten zudem schon Erfolge vorzuweisen haben. Fickel versteht nicht, dass die Deutsche Börse den Neuen Markt komplett eingestampft hat. Man hätte das Segment weiterhin aufrechterhalten können, denn der Name Neuer Markt war weltweit bekannt und diese Segmente haben in Ländern wie Großbritannien auch überlebt. Bei einem Neustart werde „wieder die gesamte Vergangenheit mit ihrer Dunkelheit und Traurigkeit“ aufgearbeitet.

"Die Banken haben doch jeden an die Börse gebracht"
„Der Neue Markt als Konzept hat sich bewährt.“ (Der Vater des Neuen Marktes, der heutige Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni, am 10. September 1997 in Frankfurt.) Quelle: dpa
„Der Neue Markt ist ein Lehrstück für das ordnungspolitische Konzept der Marktwirtschaft. Kapital wird mit Ideen zusammengebracht.“ (Der damalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert in einer Rede zum 1. Jahrestag der Eröffnung des Neuen Marktes am 10. März 1998.) Quelle: dpa
„Der Neue Markt hat eine zweite Chance nicht nur verdient, wir müssen sie ihm auch geben.“ (Der damalige Vorstandschef der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, am 3. September 2001 in Frankfurt.) Quelle: rtr
„Die Frankfurter Wachstumsbörse verkommt zum Tummelplatz für Hochstapler und unseriöse Geschäftemacher. Immer mehr Hightech-Firmen trudeln in der Todeszone. Börsenexperten prophezeien: Nur jedes fünfte Unternehmen am Neuen Markt wird überleben.“ (Teaser eines Artikels im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 17/2001.) Quelle: dpa
„Der amerikanische Traum vom Selfmade-Millionär hatte sich für viele Unternehmer und Anleger über Nacht erfüllt - mitten im angeblich so innovations- und risikofeindlichen Deutschland. Nicht nur die Professionellen, sondern auch die Privatanleger drängten an die Börse.“ (Aus einer Broschüre der Deutschen Börse zum 5. Jubiläum des Neuen Marktes im März 2002.) Quelle: dpa
„Ja, es hat kriminelle Machenschaften gegeben (...) In vielen Fällen aber ist schlicht das Geschäftsmodell nicht aufgegangen (...) Investoren, die gut diversifiziert am Neuen Markt anlegen, werden über kurz oder lang auch Treffer erzielen, die alle Verluste mehr als aufwiegen.“ (Der damalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert laut „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ im März 2002.) Quelle: AP
„Die Banken haben doch jeden an die Börse gebracht, der einen ambitionierten Geschäftsplan vorgelegt und dabei das Wort Internet richtig geschrieben hat.“ (Der Ex-Chef und Gründer des Mobilfunkunternehmens Mobilcom, Gerhard Schmid (rechts im Bild), im März 2007 auf dpa-Anfrage zum 10. Jahrestag der Eröffnung des Neuen Marktes. Links neben ihm: Reto Francioni, heutiger Deutsche-Börse-Chef ) Quelle: dpa Picture-Alliance

Der Bundeswirtschaftsminister kann aber das Gedächtnis der Anleger nicht ausradieren, die mit den Neuer-Markt-Flops viel Geld verloren haben. Das Geld, dass jungen Unternehmen durch einen Börsengang am Neuen Markt zugutekommen sollte, landete zu oft in den Taschen der Chefs und Eigentümer, die dafür Luxus und Brimborium finanzierten und in den Händen der Banker, die die Unternehmen an die Börse begleiteten.

Zudem mangelt es Deutschland nicht an Kapital. Auf Sparbüchern und Tagesgeldkonten lagern Milliarden, nur wird Rösler dieses Geld niemals zu Börsenabenteuern animieren können. Wer Geld hat, kauft lieber Immobilien oder Gold und allenfalls noch solide Dividendentitel, aber keine Mini-Nebenwerte.

Die Deutsche Börse hat mit dem ersten Versuch des Neuen Marktes viel Vertrauen zerstört, eine zweite Chance sollte man ihr nicht geben.

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