Ökonomie Der Crash in China gefährdet die Weltwirtschaft

Krisen auf den Finanzmärkten können die Weltkonjunktur immer leichter anstecken. Ein neu entwickelter Stressindikator soll warnen, wenn es wieder soweit ist.

An diesen Märkten kracht es
Mit Chinas Aktienmarkt fing alles an: Jahrelang propagierte die Regierung in Peking den Einstieg in Aktien – ganz offiziell in den Staatsmedien. Der kleine Mann sollte an der Börse investieren und den chinesischen Unternehmen zu Kapital verhelfen. Doch mit dem stagnierenden Wirtschaftswachstum kamen Zweifel auf. Die Börsen in Schanghai und Shenzhen brachen innerhalb weniger Wochen drastisch ein. Und das Virus China begann, sich auszubreiten. Quelle: dpa
So zog Chinas Schwäche zum Beispiel auch das deutsche Aktienbarometer nach unten. Viele exportorientierte Dax-Unternehmen, vor allem die Autobauer, haben gelitten. Weil am Donnerstag die USA zusätzlich mit guten Konjunkturdaten aufwarten konnten und die Zinswende damit näher zu rücken scheint, ließ der Leitindex am Freitag weiter Federn. Zum Handelsschluss notierte er gut 300 Punkte tiefer bei 10.124 Punkten. Auf Wochensicht verlor der Dax knapp acht Prozent oder 861 Punkte. Quelle: REUTERS
Die voraussichtlich schlimmste Woche des Jahres für Aktien hat am Freitag auch die Wall Street nicht verschont. Nach enttäuschenden Konjunkturdaten aus China lagen die wichtigsten Indizes in New York zur Eröffnung deutlich im Minus. Der Dow-Jones-Index lag mit 16.815 Punkten ein Prozent im Minus. Der breiter gefasste S&P-500 tendierte mit 2.016 Zählern ebenfalls fast ein Prozent tiefer. Quelle: AP
Nicht nur an den Börsen, auch bei den Währungen ging es zuletzt deutlich bergab. Anfang der Woche gab die chinesische Zentralbank überraschend den Yuan-Wechselkurs frei – woraufhin dieser um mehrere Prozent nach unten rauschte. Auch in den Folgetagen konnte die Regierung den Kurs nur mit Mühe über Devisenverkäufe stabilisieren. Grundsätzlich will Peking daran festhalten, den Referenzkurs für den Wechselkurs nach Angebot und Nachfrage zu bestimmen. Quelle: dpa
Nicht nur der Yuan, auch die Schwellenländerwährungen allgemein haben in dieser Woche stark gelitten. Die türkische Lira, zum Beispiel, erreichte einen historischen Tiefstand nach dem anderen. Der Grund: Investoren ziehen ihr Geld aus den Schwellenländern ab und investieren es eher wieder im Dollar und Euro-Raum. Viele Schwellenländer hängen am Tropf Chinas. Das Vertrauen der Investoren schwindet daher. Quelle: REUTERS
Nach unten ging es diese Woche auch für den Ölpreis. Zuletzt kostete ein Barrel Brent noch 45,90 Dollar, ein Barrell der Sorte WTI noch knapp über 40 Dollar. Experten gehen längst davon aus, dass der Preisverfall weitergeht. Der Grund: Die USA hat durch die Schieferölförderung in nur vier Jahren die eigene Ölproduktion nahezu verdoppelt. Das dadurch steigende Angebot will und kann die Opec auch mittelfristig durch eigene Produktionskürzungen nicht kompensieren. Quelle: dpa
Doch nicht nur der Ölpreis leidet: Auch die Aktien der großen Ölunternehmen Exxon Mobil, Chevron, Royal Dutch Shell und Petrochina sind zuletzt deutlich eingebrochen. Experten warnen Anleger derzeit vor einem Wiedereinstieg. Quelle: dpa

Seit dem Börsencrash in China warten Anleger in aller Welt gespannt auf Zeichen, ob und wann das Beben auf dem Finanzmarkt im Fernen Osten ein Ende finden wird. Solange das nicht klar ist, drohen Einbrüche an den Börsen rund um den Globus, rückt womöglich die seit Langem erwartete Zinswende in den USA wieder ein Stück in die Ferne und besteht nicht zuletzt die Gefahr, dass ein harter Konjunktureinbruch im Reich der Mitte die gesamte Weltwirtschaft in die Tiefe zieht. Die großen Notenbanken der Welt könnten dann erneut einen Anlass sehen, die Märkte mit noch mehr billigem Geld zu fluten – welches dann die Volatilität an den Finanzmärkten mit Blick auf die nächste Krise weiter erhöht.

Szenarien wie dieses nehmen seit Beginn der Finanzkrise 2008/09 an Wahrscheinlichkeit zu. Die damit verbundenen Unsicherheiten sind auch deshalb so groß, weil die gängigen Prognose- und Wachstumsmodelle der Ökonomen sehr häufig gerade dann versagen, wenn sich die ihnen zugrunde liegenden Daten in kurzer Zeit sehr deutlich verändern.

Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

Ganz aktuell haben das Gerangel um die Rettung Griechenlands und die weltweiten Sorgen nach dem Absturz der Börsen in China gezeigt: Krisenherde, die auf den ersten Blick national begrenzt scheinen oder anfangs nur in einem separaten Wirtschaftsbereich wie dem Kapitalmarkt aufflammen, können in der Folge die gesamte globale Konjunktur drücken.

Nach Ansicht des Kapitalmarktexperten Markus Zschaber waren die gegenseitigen Ansteckungsgefahren zwischen Finanzmärkten und Weltwirtschaft nie zuvor in der Geschichte so groß wie nach der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09. Zschaber ist Gründer des Vermögensverwalters V.M.Z. und Geschäftsführer des Instituts für Kapitalmarktanalyse (IFK) in Köln. Als Grund für die gestiegene Volatilität sieht er die Geldflut, mit der die Notenbanken auf die Großkrisen reagiert haben. „Kurzfristig hat die monetäre Medizin geholfen, aber als langfristige Nebenwirkung hat sie die globalen Konjunkturzyklen massiv beschleunigt“, sagt Zschaber.

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Sein Kölner Institut hat daher einen neuen Index entwickelt, der die Ansteckungsgefahr für die Realwirtschaft anhand einer Fieberkurve misst. Der Systemstressindex stieg Anfang September auf minus 12 Punkte von minus 41 Punkten im August. Damit hat sich das Barometer in einen Bereich bewegt, in dem mittelgroßer Stress angezeigt wird. Hier ist laut IFK-Index erhöhte Wachsamkeit vor Ansteckungen der Realwirtschaft durch Probleme am Finanzmarkt erforderlich.

Wie ist der Index aufgebaut und wie funktioniert er? Der Systemstressindex ist in eine dreistufige Skala unterteilt: Im unteren Bereich mit den Werten minus 100 bis minus 20 sind die Finanzmärkte entspannt, krisenhafte Entwicklungen auf den Finanz- und Gütermärkten nicht in Sicht. Die Zone zwischen minus 20 und plus 20 steht für mittleren Stress. Hier besteht zwar noch keine akute Gefahr, aber die Finanzmärkte befinden sich schon in einem Zustand nervöser Anspannung, in dem weitere schlechte Nachrichten schnell die nächste Krise ausbrechen lassen können. Der Indikator steigt dann in den Hochdruckbereich auf Werte zwischen plus 20 und plus 100.

 

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