Ottes Orderbuch

Absurdes Sparverhalten der Deutschen schrumpft Vermögen

Max Otte Quelle: dpa Picture-Alliance
Max Otte Ökonom, Professor

In seiner neuen Kolumne auf wiwo.de widmet sich Börsenprofessor Max Otte der mit der Finanzkrise völlig aus den Fugen geratenen Investmentwelt und den Chancen, dem schleichenden Vermögensschwund zu begegnen.

Max Otte im Interview Quelle: Presse

Eines der letzten Bücher des Granseigneurs der außenpolitischen Berichterstattung, Peter Scholl-Latour, hieß „Eine Welt aus den Fugen“. Das trifft auch auf die Investmentwelt zu. Ein Bekannter von mir, ein Anwalt für Medizinrecht, berichtete von Krankenakten, die er im Laufe seiner Erfahrung gesehen hatte. Bei todkranken Patienten laufen oft kurz vor dem Ende die wesentlichen Vitalfunktionen völlig auseinander. Nichts passt mehr zusammen. Die einzelnen Körperfunktionen tun, was sie wollen.

Das scheint mir manchmal auch die richtige Beschreibung für unsere aktuelle Weltwirtschaft zu sein. Und deswegen bin ich im vergangenen Jahr wieder pessimistischer geworden, dass wir die Folgen der Finanzkrise bewältigen können, nachdem ich im Frühjahr 2009 Entwarnung gegeben hatte. Eine Studie des McKinsey Global Institute vom Februar zeigt auf, dass die Gesamtschulden der Welt von 140 Billionen Dollar im Jahr 2007 auf 200 Billionen Dollar 2014 gestiegen sind.

Zur Person

Hierzu hatte McKinsey die Schulden von Privathaushalten, Unternehmen, Finanzsektor und Staat addiert. Endlich sehen auch die etablierten Forschungsinstitute ein, dass die Gesamtschulden eben doch eine kritische Größe für die Wirtschaft sind, denn unter Ökonomen herrschte hier lange eine erstaunliche Lässigkeit. „Die Schulden der einen sind die Guthaben der anderen, und zusammen hebt sich das doch auf“ – diesen Satz habe ich selber von einem  bekannten Ökonomen in Deutschland gehört.

Der Westen hat sich auf ein gewaltiges Experiment eingelassen

Mit dem Anwerfen der Notenpresse und den mittlerweile an vielen Stellen eingeführten Negativzinsen haben sich die westlichen Notenbanken auf ein gewagtes Experiment eingelassen. Eigentlich sollte man wissen, wo so etwas endet. Dennoch scheint den westlichen Regierungen kein anderes Instrument einzufallen. Eine wirkliche Reform unseres kranken Wirtschaftssystems ist jedenfalls nicht einmal ansatzweise gelungen.

Die Negativzinsen (teilweise euphemistisch als Gebühren versteckt) führen in den Sparnationen Deutschland und Japan zu einer schleichenden Enteignung der Bevölkerung. Sie erfordern auch umfassende Wirtschaftskontrollen, um überhaupt wirken zu können. So werden in Deutschland die Lebensversicherer gezwungen, einen großen Teil ihrer Kapitalanlagen in angeblich sicheren Anleihen zu halten. Immer mehr blasen Staaten, Notenbanken und Geldersatzdienstleiser zur Abschaffung des Bargelds. Was unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung durchaus plausibel klingt, beschwört in Wirklichkeit eine Horrorvision herauf: ohne Bargeld sind wir völlig steuerbar. Politisch unliebsamen Personen kann mit einem Schlag die Existenzgrundlage entzogen werden.

Geldersatzdienstleistungen werden als neue Errungenschaft gepriesen – nicht zuletzt von den Geldersatzdienstleistern. Letztlich steht aber dahinter nur die Privatisierung eines der letzten öffentlichen Güter, nämlich eines sicheren, funktionierenden und billigen Zahlungsverkehrs.

Die beliebtesten Geldanlagen der Deutschen
Platz 6: Unternehmensanleihen6000 von 100.000 Euro würden die Deutschen noch in Unternehmensanleihen stecken, also 6 Prozent. Für die meisten Bundesbürger kommt ein solches Investment nicht infrage: 67 Prozent würden nicht ihr Geld nicht in Firmenanleihen anlegen. Quelle: imago
Mehr als die Hälfte der Befragten können sich die Anlage in Staatsanleihen nicht vorstellen: 60 Prozent lehnen dies laut Umfrage ab. Quelle: dpa
5. Platz: StaatsanleihenZu hohes Risiko: Nur 9 Prozent von 100.000 Euro würden die Deutschen in Staatsanleihen anlegen. Quelle: dpa
Knapp zwei Drittel der Deutschen lehnt dankend ab: 63 Prozent würden kein Geld in Fonds anlegen. Quelle: dpa
Platz 4: FondsFonds als Anlage erwägen nur wenige Deutsche: 10 Prozent von 100.000 Euro würden die Befragten in Fonds stecken. Quelle: dpa
Vielen Bundesbürgern sind Aktien aber zu risikoreich: 48 Prozent der Deutschen schließen die Wertpapiere als Anlage aus. Quelle: dpa
3. Platz: AktienFür Aktien haben viele Deutsche nichts übrig: 14 Prozent von 100.000 Euro würden die Befragten in Wertpapiere investieren. Quelle: dpa
Sparbuch, Tagesgeld und Festgeld schließt gleichzeitig mehr als ein Drittel der Deutschen als Geldanlage aus: 34 Prozent wollen ihr Geld hier nicht zwischenparken. Quelle: dpa
Platz 2: Sparbuch, Tagesgeld, FestgeldTrotz niedriger Zinsen immer noch bei fast einem Viertel der Deutschen beliebt: 24 Prozent von 100.000 Euro würden die Bundesbürger konservativ auf Sparbüchern, Tagesgeld- oder Festgeldkonten deponieren. Quelle: dpa
Doch Immobilien sind nicht jedermanns Sache. 28 Prozent wollen der Umfrage zufolge nicht in Immobilien investieren. Quelle: dpa
Platz 1: ImmobilienBlick auf die reich verzierte Fassade der denkmalgeschützten Majolika-Häuser in Chemnitz: Immobilien sind die beliebteste Geldanlage der Deutschen. 37 Prozent von 100.000 Euro würden die Deutschen in Steine investieren, wie eine repräsentative Umfrage der Marktforschungsfirma TNS Infratest im Auftrag des Vermögensverwalters Goldman Sachs Asset Management (GSAM) ergab. 1019 Menschen im Alter von über 16 Jahren, die sich nach eigener Angabe gut mit Geldanlage auskennen, wurden befragt. Quelle: dpa

Geldvermögen ist ein Indikator für Dummheit

In dieser Investmentwelt müssen wir – müssen Sie – ihr Kapitalvermögen anlegen. Dabei ist vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es versteht sich von selbst, dass Bargeld oder Kontoguthaben nichts mehr bringen. Dennoch ist das Geldvermögen der Deutschen so hoch wie nie zuvor – über fünf Billionen Euro füllten die prallen Kassen der Privathaushalte. Einiger Privathaushalte, denn die Ungleichheit der Vermögen steigt.

Dieses vermeintliche Vermögen ist eher ein Indikator für die Unerfahrenheit – drastischer: die Dummheit – der Deutschen in Geldanlagefragen. Fast vier der fünf Billionen sind in Bargeld, Sichteinlagen, Lebensversicherungen oder Altersgarantieprodukten angelegt und damit der schleichenden Enteignung („financial repression“) unterworfen.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Die Anlage in Aktien war rückläufig, während die Finanzverbindlichkeiten der Haushalte um immerhin zehn Prozent gestiegen sind. Die Schulden wurden zumeist zum Kauf von Immobilien genutzt. Ob dies immer so klug war, wird sich zeigen.

Wo auch in einer aus den Fugen geratenen Investmentwelt noch Anlagemöglichkeiten gibt, will ich für Sie ab jetzt in meiner neuen Kolumne "Ottes Orderbuch" für WirtschaftsWoche Online untersuchen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%