Ottes Orderbuch

In der Falle der bargeldlosen Zukunft

Max Otte Quelle: dpa Picture-Alliance
Max Otte Ökonom, Professor

Auf Bargeld zu verzichten scheint unheimlich bequem und fortschrittlich. Bürger entmündigen sich dabei aber nur selbst - und ermöglichen dem Staat, sie schleichend zu enteignen.

Welche Zahlungsmittel Europäer bevorzugen
Das Geschäft mit dem Versenden von Geld über Smartphone-Apps lockt jetzt auch etablierte Banken an. Die Deutsche Kreditbank (DKB) kooperiert dafür mit dem Startup Cringle. Pro Monat kann ein Nutzer bis zu 100 Euro über die Cringle-App verschicken, abgewickelt wird die Zahlung per Lastschrift von der DKB. Pro Transaktion werden 20 Cent fällig, zum Start wurde die Gebühr auf 10 Cent gekappt. Das neue Angebot trifft bereits auf Wettbewerb im Markt. So bietet der Online-Bezahldienst PayPal seit Juli das Versenden von Geld über seine Smartphone-App in Deutschland an. Für Kunden, die ihren PayPal-Account mit einem deutschen Bankkonto verknüpft haben, ist das Angebot kostenlos, bei Kreditkarten wird eine Gebühr fällig. In vielen europäischen Ländern tun sich moderne Bezahlsysteme jedoch noch so schwer... Quelle: dpa
ÖsterreichOhne Bargeld geht in Österreich gar nichts. 86 Prozent bezahlen an der Kasse in bar, 12 Prozent mit EC-Karte. Eine Kreditkarte kommt nur in einem Prozent der Fälle zum Einsatz. Auf sonstige Alternativen wie Schecks, PayPal, Lastschrifteinzug oder Ähnliches entfällt insgesamt nochmal ein Prozent. Quelle: Deutsche Bundesbank; Europäische Kommission; Deloitte (Stand: 2014) Quelle: dpa
PolenIn Polen werden 80 Prozent der Bezahlvorgänge an der Kasse bar beglichen. Eine EC-Karte nutzen –ähnlich wie in Österreich – 13 Prozent der Bevölkerung. Immerhin werden auch drei Prozent der Bezahlvorgänge durch Kreditkarten abgewickelt. Auf die alternativen Zahlungsmittel entfallen vier Prozent. Quelle: dpa
DeutschlandAuch die Deutschen haben ihr Geld beim bezahlen lieber in fester Form in der Hand – in 79 Prozent der Fälle wird bar bezahlt. Zwölf Prozent der Käufe werden mit der EC-Karte beglichen, weitere sechs Prozent per mit Lastschrifteinzug, Scheck und anderen alternativen Zahlungsmethoden. Quelle: dpa
ItalienZwar ist Bargeld mit 69 Prozent noch immer das beliebteste Zahlungsmittel in Italien, aber auf Platz zwei kommen auch schon alternative Zahlungsmittel mit 17 Prozent. So sind Schecks, Kundenkarten, PayPal und andere Alternativen zusammen genommen bei den Italienern beliebter als die EC-Karte mit neun Prozent und die Kreditkarte mit sechs Prozent. Quelle: dpa
Sagrada Familia Quelle: AP
London Tower Bridge Quelle: dpa

Die Abschaffung des Bargeldes – das war lange Zeit ein Thema, das nur den Verschwörungstheoretikern zugesprochen wurde. Von „vernünftigen Bürgern“ als reine Spinnerei abgetan, war dies lange Zeit völlig unvorstellbar. Seitdem der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff bei einem Vortrag in München am ifo-Institut die Vorteile einer vollständig bargeldlosen Wirtschaft anpries, ist in Europa auch unter anerkannten Fachleuten eine Diskussion hierrüber entfacht. Die Akzeptanz scheint auch unter der Bevölkerung zu wachsen. Wird damit die einstige Utopie doch schleichend zur Realität?

Schweden verzichtet auf Bargeld

In Skandinavien ist der bargeldlose Zahlungsverkehr schon wesentlich verbreiteter als in Deutschland. Sogar Björn Ulvaeus, der Mitbegründer der berühmten Musikgruppe ABBA, rief nach einem Selbstversuch ohne Bargeld die schwedische Bevölkerung zum Verzicht auf Bargeld auf. Es mag hier absolut keinen Zusammenhang damit geben, dass ein Besuch des ABBA-Museums ausschließlich nur noch per Kartenzahlung möglich ist – aber ein interessantes Detail ist es dennoch. Es ist auch absolut nicht verwunderlich, dass es sich bei dem Hauptsponsor des Museums um Mastercard handelt.

Zur Person

In den Niederlanden haben sich Menschen experimentell Bezahlungschips implantieren lassen. In diversen Ländern in Südamerika, wie beispielsweise Chile oder Uruguay, in denen aufgrund der hohen Inflation der landeseigenen Währung schon seit langem der Dollar als die „harte Parallelwährung“ akzeptiert wird, erhält man nicht selten in Geschäften und Restaurant einen Rabatt von zehn bis zwanzig Prozent, wenn man statt einem dicken Bündel Scheine die viel praktischere Plastikkarte zückt.

Der Bürger wird entmündigt

Dass dies unter diesen Umständen viel praktischer scheint, ist unbestreitbar. Was jedoch so als schöne neue Welt ohne Kriminalität daherkommt – die Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität ist eines der beliebtesten Argumente der Befürworter der Bargeldabschaffung – birgt auch Risiken, denen sich jeder Bürger bewusst sein sollte.

Ohne Bargeld sind wir nicht nur noch gläserner als jetzt schon, sondern auch noch restlos manipulier- und steuerbar. Negativzinsen, die jetzt schon teilweise existieren, könnten dann grundsätzlich eingeführt werden und wären für jedermann unausweichlich. Aber nicht nur eine solche schleichende Enteignung der Bürger kann mit der Bargeldabschaffung voranschreiten.

Ulrich Horstmann und Gerald Mann haben sich ausführlich mit den Risiken der Bargeldabschaffung auseinandergesetzt und klären hierrüber in ihrem Buch „Bargeldverbot“ auf.

In Arbeit
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Neue Steuern oder Zwangsabgaben können so viel einfacher und unkomplizierter erhoben werden. Mag es auf den ersten Blick für den ein oder andern doch gut klingen, wenn man dank der völligen Digitalisierung des Zahlungsverkehrs einem Alkoholiker beispielsweise den Erwerb von alkoholhaltigen Getränken und Lebensmitteln an der Supermarktkasse verweigern könnte. Letztlich bedeutet dies aber nichts anderes als eine Entmündigung des Bürgers.

Ein solches Szenario kann am Ende auch bedeuten, dass jedem anderen der Kauf einer x-beliebigen Ware - aus welchem Grund auch immer - untersagt bleibt. Das mag heute noch wie ein absolutes Schauermärchen klingen, aber die Folgen einer vollständigen Digitalisierung des Geldes können zumindest weitergehende Folgen haben, als wir es auf den ersten Blick erkennen oder uns vorstellen können.

Hinweis/Disclaimer:

Prof. Dr. Max Otte berät beziehungsweise Unternehmen, an denen Prof. Dr. Max Otte beteiligt ist, beraten den PI Global Value Fund (WKN: A0NE9G) und den Max Otte Vermögensbildungsfonds (WKN: A1J3AM). Diese beiden Fonds könnten Positionen in Titeln halten, die in dieser Kolumne genannt sind.

Für den Fall, dass Leser dieser Kolumne Positionen in einen genannten Titel in einem Umfang erwerben, der dazu geeignet ist, den Preis des Titels zu beeinflussen, könnte der Verfasser dieser Kolumne und / oder einer beziehungsweise beide die Fonds im Falle der Veräusserung des Titels aus deren Portfolio nach einem solchen Kursanstieg vom Erwerb des Titels durch die Leser der Kolumne profitieren. Auch im Falle eines Verkaufs in einem entsprechenden Umfang durch Leser der Kolumne könnte der Verfasser dieser Kolumne und / oder einer beziehungsweise beide Fonds von fallenden Kursen durch günstigere Einstiegskurse im Falle eines späteren Kursanstiegs profitieren.

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