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Pandemie der finanziellen Angst Bei der Spanischen Grippe brach die Börse nicht zusammen – daraus können wir lernen

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Warum brach der Markt nicht zusammen?

Aber die Ansteckung mit finanziellen Ängsten funktioniert anders als eine Ansteckung mit Krankheitserregern. Die Angst vor finanzieller Ansteckung greift teilweise um sich, wenn Menschen das mangelnde Vertrauen der anderen bemerken, das sich in rückläufigen Aktienkursen und den emotionalen Reaktionen auf den Kursverfall widerspiegelt. Eine negative Blase an der Börse entsteht, wenn die Menschen fallende Kurse beobachten und in ihrem Versuch, den Grund dafür zu verstehen, mit der Verbreitung von Geschichten beginnen, die diesen Rückgang erklären. Dann fallen die Kurse in den darauffolgenden Tagen weiter und immer weiter.

Die Beobachtung aufeinanderfolgender Kursrückgänge führt bei denjenigen, die nicht verkauft haben, zu starken Selbstvorwürfen und der Angst, man müsse womöglich verkaufen, wenn der Boden erreicht ist. Diese Selbstvorwürfe und die Angst schüren das Interesse an beiden Pandemie-Narrativen. Wohin sich der Markt danach entwickelt, hängt von der Art und der weiteren Entwicklung der Narrative ab.

Um das zu erkennen, denke man an den Aktienmarkt in den Vereinigten Staaten, der nicht zusammenbrach, als die Nachrichtenmedien im September und Oktober 1918 begannen, über die Pandemie der Spanischen Grippe zu berichten, die in den USA letztlich 675.000 (und weltweit über fünfzig Millionen) Todesopfer forderte. Vielmehr befanden sich die monatlichen Kurse auf dem US-Markt von September 1918 bis Juli 1919 in einem Aufwärtstrend.

Warum brach der Markt nicht zusammen? Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass der Erste Weltkrieg – der sich nach dem letzten großen Gefecht, der Zweiten Schlacht an der Marne im Juli und August 1918, seinem Ende näherte – die Influenza-Geschichte verdrängte, insbesondere nach dem Waffenstillstand im November dieses Jahres. Die Geschichte des Krieges war wahrscheinlich ansteckender als die Geschichte von der Grippe.

Ein weiterer Grund ist, dass die Epidemiologie damals erst in den Kinderschuhen steckte. Krankheitsausbrüche waren nicht so vorhersehbar, und die Öffentlichkeit glaubte dem Rat der Experten nicht in vollem Umfang, weswegen die Einhaltung der Maßnahmen zur sozialen Distanzierung als nachlässig zu bezeichnen war. Überdies ging man allgemein davon aus, dass Wirtschaftskrisen Bankenkrisen wären und es gab keine Bankenkrise in den USA, wo man wenige Jahre zuvor, im Jahr 1913, das Federal Reserve System eingeführt hatte, das weithin als Maßnahme zur Beseitigung dieses Risikos verkündet wurde.
Der jedoch vielleicht wichtigste Grund, der das Finanz-Narrativ während der Influenza-Epidemie des Jahres 1918 verstummen ließ, war, dass vor hundert Jahren weniger Menschen Aktien besaßen und das Sparen für den Ruhestand nicht den Stellenwert von heute hatte. Dies teilweise deshalb, weil die Menschen nicht so lange lebten und, wenn doch, üblicherweise von der Familie abhängig waren.

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    Dieses Mal ist es freilich anders. Im Gegensatz zu 1918, als es regelmäßig zu kriegsbedingten Versorgungsengpässen kam, beobachten wir heute panische Hamsterkäufe in Lebensmittelmärkten. Angesichts der Tatsache, dass die Große Rezession gerade erst hinter uns liegt, sind wir uns der Möglichkeit eines starken Rückgangs der Vermögenspreise durchaus bewusst. Statt mit einem tragischen Weltkrieg sind die USA mit ihrer eigenen politischen Polarisierung beschäftigt und es kursieren viele zornige Narrative über das Missmanagement der Krise durch die US-Bundesregierung.

    In Zeiten wie diesen ist eine Prognose über den Aktienmarkt schwierig. Dafür müssten wir die direkten Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Wirtschaft vorhersehen können sowie auch die realen und psychologischen Effekte der Finanzangst-Pandemie. Die beiden Entwicklungen weisen zwar Unterschiede auf, sind aber trotzdem nicht voneinander zu trennen.

    Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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