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Plattform für Privatanleger Die zweifelhafte Erfolgsgeschichte von Tradegate

Tradegate bietet Anlegern nicht immer die besten Preise - dennoch stieg das Unternehmen zur größten Börse für Privatanleger auf. Zum Erfolg verhilft der Plattform ausgerechnet die Deutsche Börse, in dem sie ihre Anteile an der Wertpapierhandelsbank aufstockt.

Die Kurve des DAX vom 27.1.2014 Quelle: dpa

Die Männer wirken erstarrt: Einer ist mit verschränkten Armen im Stuhl versunken, der andere hat sich hinter acht Monitoren verschanzt. Regungslos starren sie auf ihre Schirme. Drei Stühle weiter hockt ein Leidensgenosse, die Hände gefaltet. Allein: Beten hilft Hessens Maklern auf dem Börsenparkett nicht – es mangelt an Kundenaufträgen.

Die Ursache dieser Tristesse suchen Frankfurts Händler in Berlin: Dort, an der Börse Tradegate, hat der Bulle den Bären längst erlegt. Die Skulptur im Besucherraum signalisiert: Hier steigen Kurse, Tradegate ist auf der Gewinnerseite. Genau genommen ist es Gründer Holger Timm.

Tradegate in Zahlen

Dem 57-Jährigen gehört die Mehrheit der Bank Tradegate AG, die an der Börse Tradegate Exchange mit Aktien handelt. Gegen den Trend im Börsenhandel ist sein Umsatz massiv gewachsen. Der Aufsteiger hat sogar das altehrwürdige Frankfurter Parkett überholt: 2013 setzte er 41,2 Milliarden Euro mit Aktien um – 31 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Frankfurt schaffte nur 25 Milliarden Euro. „Den Neid muss man sich erarbeiten“, sagt Timm.

Nun hat er einen großen Plan: Mithilfe seines Partners Deutsche Börse will der grauhaarige Mann Europa erobern. „Ich möchte die Tradegate Exchange als führende europäische Börse für Privatanleger weiterentwickeln“, sagt er und lupft seine Hornbrille. Sein „Baby“ Tradegate ist bereits führend bei deutschen Privatanlegern und brüstet sich, dass der Marktanteil am Aktienhandel im Vergleich zu den sieben Wettbewerbsbörsen 2013 auf „bis zu 58 Prozent gestiegen“ sei. Nicht drin in der Rechnung ist das elektronische Handelssystem Xetra, auf dem sich Profis tummeln.

Timms Geschichte ist ein Lehrstück, ein Musterbeispiel dafür, wie ein findiger Geschäftsmann von der gut gemeinten, aber realitätsfernen Regulierung der Europäischen Union (EU) profitiert. Betroffen sind Kunden fast aller Banken – von Sparkassen und Volksbanken bis hin zur Postbank.

Wer wissen will, warum Timm an Privatanlegern verdient, muss zurückschauen. Weil die EU Anleger schützen wollte, dokterte sie jahrelang an vermeintlich strengen Regeln für die Finanzmärkte herum – heraus kam die Regulierung Mifid. Die EU verdonnerte Banken dazu, Kundenaufträge („Orders“) zu den „bestmöglichen“ Konditionen auszuführen. Gibt der Kunde nicht vor, wo er handeln will – bei Volks- und Raiffeisenbanken ist das bei jedem dritten Auftrag so – entscheidet die Bank.

Was Tradegate-Anleger wissen müssen

Nur theoretisch bester Preis

Timm profitiert von den Schwächen der Vorschrift: So müssen Banken nur sicherstellen, dass ein Auftrag zum theoretisch besten Preis ausgeführt wird. Laut Vorgabe sei es „nicht entscheidend“, welchen Preis ein einzelner Auftrag erziele, sondern „ob das Verfahren typischerweise zum bestmöglichen Ergebnis“ führe, sagt Thomas Dierkes, Vorstand der Börse Düsseldorf. Jedes Mal zu prüfen, wo es in der Minute den besten Preis gibt, ist teuer und aufwendig.

Banken machen daher Stichproben: Wo ist der Preis am günstigsten, wie hoch sind Gebühren, wie schnell wird eine Order abgewickelt? Auf Basis der Tests wird eine Rangliste erstellt. Die Börse, die oben steht, kriegt alle Aufträge – oft ist es Tradegate.

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