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Profis setzen auf US-Aktien Starke Wall Street, wackeliges Europa

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Doping für den Aktienmarkt

An den Kapitalmärkten gilt eine einfache Logik: Je stärker die Krise Deutschland (und darüber hinaus Europa und den Euro) belastet, desto mehr profitiert davon der große sichere Hafen im Westen - die Vereinigten Staaten und der Dollar.

Insofern findet derzeit eine Gegenbewegung zu den Neunzigerjahren statt - dem Jahrzehnt, in dem besonders Deutschland von der Friedensdividende profitierte.

Wer die Börsen wackeln lässt
Ben Bernanke Quelle: AP
Janet Yellen (Fed-Vizepräsidentin)Yellen gilt als ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin und zugleich als Taube. Sie hat zwar ebenfalls ein Auslaufen der Konjunkturhilfen bei einer Besserung der Wirtschaftslage in Aussicht gestellt, macht aber aus ihrer Prioritätensetzung keinen Hehl: Für den FOMC müsse der Abbau der Arbeitslosigkeit im Zentrum stehen, auch wenn die Inflationsrate „zeitweise leicht über zwei Prozent“ liegen sollte. Yellen wird Bernanke in Jackson Hole vertreten. Womöglich wird sie die Bühne nutzen, um den weiteren geldpolitischen Weg der Fed abzustecken. Quelle: REUTERS
William Dudley (links im Bild, New York, FOMC-Vizevorsitzender)Der enge Vertraute Bernankes plädiert dafür, nichts zu überstürzen. Die Fed solle noch „drei bis vier Monate“ warten, bis sie über ein Zurückfahren der Bond-Käufe entscheide. Bis dahin werde sich ein klareres Bild ergeben, wie weit die Konjunkturerholung gediehen sei. Zugleich betont Dudley, das Programm bleibe flexibel. Bei einer Eintrübung der Konjunktur könne das Tempo der Käufe auch wieder steigen. Quelle: dapd
Charles Evans (Chicago Fed)Er gilt als Taube und ist für eine extrem lockere Geldpolitik im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Ein Ende der Bond-Käufe kommt für ihn erst in Frage, wenn der Jobmarkt über den Berg ist. Dazu legt er die Latte hoch: Über mehrere Monate müssten mindestens jeweils mehr als 200.000 neue Stellen geschaffen werden. Im Mai waren es lediglich 175.000. Quelle: REUTERS
Eric Rosengren (Boston Fed)Auch er steht eher im Ruf, eine Taube zu sein. Rosengren schlägt vor, in einigen Monaten eine „moderate Verringerung“ der Bond-Käufe zu prüfen, falls sich der Arbeitsmarkt weiter erholt. Zunächst hatte er dafür einen Schwellenwert von 7,25 Prozent bei der Arbeitslosenquote genannt, der aus seiner Sicht Ende des Jahres erreicht werden könnte. Zuletzt stieg die Quote aber leicht auf 7,6 Prozent. Quelle: REUTERS
Esther George (Kansas City Fed)Sie hält die Geldpolitik für zu locker und plädiert für ein Zurückfahren der Konjunkturhilfen. Sie warnt, ein zu starkes Stimulieren der Wirtschaft werde die Inflation anheizen. Quelle: REUTERS
James Bullard (St. Luis Fed)Der Notenbanker sorgt sich um die Preisstabilität, allerdings nicht wegen möglicher inflationärer Auswirkungen der Geldschwemme, sondern wegen des derzeit zu niedrigen Preisauftriebs. Er möchte die Anleihe-Käufe solange fortsetzen, bis die Inflationsrate wieder auf den Zielwert der Fed von zwei Prozent gestiegen ist. Andernfalls drohe das Inflationsziel an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Im April ging die von der Fed beobachtete Teuerungsrate (PCE) in den USA auf 0,7 Prozent zurück. Quelle: REUTERS

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    2. Die US-Geldpolitik ist einen Schritt weiter

    Die brisante Mischung aus europäischer Finanzkrise und neuer geopolitischer Belastung führt dazu, dass die europäische Konjunktur wesentlich wackliger ist als die amerikanische. Dementsprechend ist auch die Geldpolitik der US-Notenbank Fed in den Vereinigten Staaten einen wichtigen Schritt weiter.

    Während Deflationsgefahren in Europa zu weiteren expansiven Schritten der Notenbanken führen dürften, werden in den USA Staatsanleihekäufe zurückgefahren. Es wird gar über erste Zinserhöhungen für 2015 nachgedacht.

    Auf den ersten Blick erstaunlich ist es, dass die amerikanischen Aktienbörsen nicht mit dem vielfach erwarteten Muster reagieren und auf die am Kapitalmarkt schon steigenden Zinsen sinken. Einmal mehr wird daran offensichtlich, dass die Aktienbörsen keineswegs noch expansivere Maßnahmen für noch höhere Kurse brauchen. Vielmehr honorieren sie das von der Fed vorgezeichnete Szenario eines vorsichtigen Ausstiegs aus der endlosen Expansionsspirale.

    Es ist ein Treppenwitz der Wirtschaftsgeschichte, dass ausgerechnet die Europäische Zentralbank - in der ja eigentlich Gene der alten Bundesbank stecken sollten -, mit aller Gewalt an der expansiven Linie festhält. Den Aktienmärkten hilft das nur noch wenig, an den Anleihemärkten wird die Blase weiter aufgepumpt. Und mit kurzfristigen Zinsen werden Sparer enteignet, weil nach Abzug der zugegebenermaßen niedrigen Inflation reale Kaufkraftverluste ihrer Ersparnisse hinnehmen müssen.

    Dass sich für die USA mittel- bis langfristig eher die Rückkehr zu wirtschaftlich gerechtfertigten Zinsen abzeichnet, ist ein klarer Vorteil für amerikanische Anlagen. Der aktuell steigende Dollar ist ein unmissverständliches Signal. Die US-Investmentbank Goldman Sachs rechnet in ein paar Jahren sogar mit der Parität von Dollar und Euro, also einem Wechselkurs von eins zu eins.

    Auch wenn sich die Börsenprofis von der Zinsentscheidung der EZB am kommenden Donnerstag neues Doping für den Aktienmarkt erhoffen: Wenn Notenbank-Präsident Mario Draghi noch mehr Geld durch Wertpapierkäufe in die Anlagemärkte pumpt oder den ohnehin schon nahe Null stehenden Leitzins erneut senkt, dürfte der Schubeffekt an der Börse schnell verpuffen. Im Interview mit dem "Wall Street Journal" sagt Ökonom Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut bereits: „Jetzt rächt es sich eben, dass die EZB ihr Pulver viel zu früh verschossen hat.“

    20 Aktien, die Goldman Sachs für Schnäppchen hält

    3. Die US-Wirtschaft ist robuster

    Das Konjunkturverhältnis zwischen Europa und den USA entwickelt sich auseinander. Während in den Vereinigten Staaten der schwache Jahresbeginn durch ein starkes zweites Quartal längst ausgebügelt wurde, kühlt sich die Wirtschaft in Europa merklich ab. Die Folgen der Ukraine-Krise führen dazu, dass es nicht zu der erwarteten Belebung kommt. Und das ist für Anleger umso frustrierender, da sie nach dem zweiten, schwachen Quartal mit einer Erholung gerechnet hatten.

    In einer Analyse spricht die US-Bank Morgan Stanley denn auch von einer asynchronen Entwicklung der Volkswirtschaften und anhaltenden Folgeeffekten der Finanzkrise in Europa. Darin sehen die US-Banker Spätfolgen der weltweiten Finanzkrise – und nennen eine Reihe von Gründen, warum der Aufschwung in den USA auch nach fünf langen Jahren noch nicht vorbei sein muss. Denn die Amerikaner kommen Morgan Stanley zufolge mit dem Schuldenabbau voran, Zinsen und Schuldenlast erscheinen noch nicht so überdehnt, dass sie letztlich auch den Konsum bremsen.

    Auch für überhöhte Unternehmensbewertungen gibt der US-Bank zufolge noch keine Anzeichen einer Überhitzung. Im Gegenteil nähere man sich in den USA wieder „normalen“ Wirtschaftsparametern. Im Gegensatz zu Europa stünden die USA erst am Beginn einer langen Aufschwungphase. Nach Ausbruch der Finanzkrise ging es den USA wirtschaftlich lange schlechter als Europa und vor allem Deutschland. Das hat sich deutlich umgekehrt.

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