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Prognosen und Profiteure Ölmarktprognosen verunsichern Spekulanten

Vom Tief im Januar hat sich der Ölpreis kräftig erholt, doch die Prognosen gehen weit auseinander. Wo das Auf und Ab beim Ölpreis enden könnte.

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Wer vom billigen Öl profitiert – und wer verliert
Jemand arbeitet an einer Tragfläche eines Flugzeugs Quelle: PR
Autos Quelle: AP
Jemand greift nach Körperpflegeprodukten in einem Regal Quelle: REUTERS
Containerschiff Quelle: dpa
Lastwagen der Deutschen Post Quelle: dpa
Packungen mit Medikamenten Quelle: dpa
Anlage mit Tank, auf dem BASF steht Quelle: dpa

An 13. Januar markierte der Ölpreis seinen niedrigsten Stand seit der Finanzkrise 2008. Seitdem ging es jedoch kräftig aufwärts. Inzwischen ist der Ölpreis wieder um mehr als ein Viertel gestiegen und hat die Verluste seit Jahresbeginn wettgemacht. Aber der Markt ist nervös. Jede noch so kleine Meldung über die Entwicklung der weltweiten Förderkapazitäten sowie der weltweiten Nachfrage quittiert die Rohstoffbörse in New York mit starken Kursschwankungen.

Der Grund: Der niedrige Ölpreis ist zwar einerseits gut für die Konjunktur, weil Verbraucher und die energieintensive Industrie davon profitieren. Auf der anderen Seite leiden jedoch die wichtigen Ölförderländer unter den stark gesunkenen Einnahmen, auch die Ölkonzerne sowie ihre Dienstleister rund um die Ölfördertechnik zählen zu den großen Verlierern.

Die Folge: Länder wie Venezuela oder Produzenten wie Exxon, Shell oder Statoil müssen sparen und verschieben Investitionen in neue Förderprojekt oder stellen diese ganz ein. Auch der Fracking-Boom in den USA flaut deutlich ab. Größter Verlierer ist Russland, dass aufgrund der Wirtschaftssanktionen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt weniger Öl verkaufen kann und zudem unter dem sehr schwachen Rubel leidet. Welche Effekte global überwiegen, ist jedoch bislang unklar.

In den vergangenen Monaten machten Spekulanten mit sogenannten Carry Trades gute Geschäfte. Sie profitieren davon, dass der Terminmarktpreis für Öllieferungen in mehreren Monaten deutlich über dem aktuellen Spotpreis liegt. Je größer die Preisdifferenz, desto eher lohnt es sich, aktuell physisches Öl zu kaufen, es - zum Beispiel mittel großer Tankschiffe - einzulagern und auf Termin zu verkaufen. Mit der kleinen Ölpreisrally ist aber die Preisdifferenz und damit die Rendite dieser Geschäfte wieder gesunken.

Mit Argusaugen verfolgen die Marktteilnehmer daher die neuesten Prognosen zum Ölmarkt. Unter anderem hat nun die Internationale Energieagentur (IEA) ihre neue Prognose vorgestellt. Aktuelle Schätzungen der amerikanischen Energy Information Agency (EIA) erwarten die Anleger für Mittwoch.

Seit vergangenem Sommer sackte der Preis für das Fass Öl der Sorte WTI von fast 110 auf unter 45 Dollar ab, pendelte sich zuletzt jedoch auf rund 53 Dollar ein. Der Preis für das schwerere Brent-Öl, wie es in der Nordsee gewonnen wird, zwar zeitweise unter 47 Dollar je Fass gefallen, konnte sich aber in der jüngsten Rally wieder in die Nähe von 60 Dollar vorarbeiten. Viele Händler und Investoren stellen sich daher die Frage, ob der Tiefpunkt beim Ölpreis nicht schon überwunden sei.

Ölproduzenten mit hohen Dividenden günstig abzugeben

Internationale Energieagentur sieht kaum Nachfrageeffekt

Bisherige Prognosen ergeben ein gemischtes Bild.  Laut IEA geht etwa der Ölförderboom in den USA vorerst nicht zu Ende. Demnach wäre die Förderung von Schieferöl durch Fracking in den Vereinigten Staaten noch bis 2020 der größte Wachstumstreiber für die weltweite Ölfördermenge, auch wenn sich das Wachstumstempo spürbar verringert hat.

Die IEA schätzt, dass die Fördermenge in den USA in diesem Jahr um 200.000 Barrel (ein Fass á 159 Litern) abnimmt und das Wachstum dort in der zweiten Jahreshälfte vorübergehend zum Erliegen kommt. Dann sollte sich auch das Überangebot am Ölmarkt abbauen und die Talfahrt beim Ölpreis allmählich ein Ende finden. Andere Quellen berichten bereits von einer deutlich reduzierten Zahl aktiver Schieferöl-Bohrungen. Dem Bericht zufolge waren im vergangenen Jahr nur 41 Prozent der Fracking-Förderprojekte bei einem Ölpreis von 50 Dollar oder weniger profitabel.

Hoffnung auf schnellen Abbau des Öl-Überangebots gedämpft

Laut IEA soll die globale Nachfrage nach Öl im laufenden Jahr bei 93,3 Millionen Barrel pro Tag liegen - und damit deutlich unter den 94,2 Millionen Barrel, die die Experten zuvor vorausgesagt hatten.

Die IEA rechnet damit, dass anders als in früheren Zyklen der niedrige Ölpreis unter dem Strich kaum konjunkturbelebend wirkt, da der Nachfragerückgang selbst den Ölpreis gedrückt hat. 

An der Börse hatten sich die Händler allerdings schon auf ein nahes Ende des Fracking-Booms sowie eine anziehende Nachfrage eingestellt. Auf die OPEC-Prognose reagierten sie zunächst enttäuscht. Ihre Hoffnung auf einen schnelleren Abbau des Öl-Überangebots erhielt einen Dämpfer. Weil sich die Angst vor einer schwächeren Nachfrage aus China hinzugesellte, fiel der Ölpreis im frühen Handel am Dienstag um 1,5 Prozent. Die Öl-Rally der vergangenen Tage endete damit zunächst. Doch schon die IEA-Prognose – obwohl kaum positiver als die Aussagen der OPEC - ließ wieder etwas Optimismus aufflammen. Bis zum Nachmittag legte der Ölpreis wieder um 0,7 Prozent zu.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

OPEC richtet sich für niedrigen Ölpreis ein

Die von Saudi-Arabien dominierte OPEC rechnet allerdings nicht mit der Rückkehr zu den Höchstpreisen der vergangenen drei Jahre. Vielmehr sei davon auszugehen, dass sich die jüngste Erholung der Ölpreise „in einem vergleichsweise begrenzten Rahmen“ bewegen werde.

Was den Ölpreis bestimmt

Ihrerseits hat die OPEC ihre Fördermenge nicht reduziert. Im Gegenteil: Neuesten, auf Umfragen basierenden Berichten zufolge ist die Fördermenge in den OPEC-Staaten sogar noch leicht gestiegen. Weil die Förderung in den USA und Russland aufgrund der Sanktionen sinkt, rechnen erdölexportierenden Länder sogar mit einer steigenden Nachfrage nach OPEC-Öl. Die OPEC nimmt die niedrigen Preise in Kauf, um im Wettbewerb mit Ländern wie den USA oder Kanada seine Marktanteile zu behaupten. Das Kalkül scheint aufzugehen, der Dumpingpreis für Öl hat sogar schon zu einer Pleite eines US-Fracking-Unternehmens geführt. 

Düstere Aussichten von Citi

So optimistisch wie die IEA ist aber längst nicht jedes Analyseahaus. Die US-Großbank Citi hält einen Ölpreis-Rückgang um nochmals mehr als die Hälfte auf bis zu 20 Dollar pro Fass für denkbar. Es sei unmöglich, einen Tiefpunkt für den Preis vorherzusagen, schrieben Citis Ölmarktexperten am Montag in einer Mitteilung an ihre Kunden. Angesichts der aktuellen Überversorgung und der Lagerbestände könne der Preis für US-Leichtöl der Sorte WTI aber auf unter 40 Dollar und für eine Zeitlang sogar bis auf 20 Dollar absacken. Derzeit kostet die Sorte rund 53 Dollar und damit nur noch rund halb soviel wie im Juni. Ende Januar waren es sogar nur 43 Dollar gewesen.

So schlagen sich die Förderkonzerne
Anlage von ExxonMobil Quelle: Reuters
Bp Quelle: Presse
Chevron Quelle: AP
Logo von Total Quelle: REUTERS
Rosneft: Der WackelkandidatDer staatliche russische Ölriese ist hoch verschuldet. Rosneft leidet unter den Sanktionen des Westens gegen Russland wegen der Ukraine-Krise. Vergangene Woche musste Rosneft-Chef Igor Sechin Präsident Wladimir Putin melden, dass er 2015 die Investitionen um zehn Prozent kürzen wird. Umsatz**: 37 Mrd. Dollar (-8 %) Gewinn**: 4,5 Mrd. Dollar (-4 %) ** 3. Quartal 2014 im Vergleich zum Vorjahresquartal Quelle: REUTERS
Royal Dutch Shell Quelle: REUTERS

Andere Analysehäuser sind weit weniger optimistisch als die IEA. Die US-Großbank Citi hält einen Ölpreis-Rückgang um nochmals mehr als die Hälfte auf bis zu 20 Dollar pro Fass für denkbar. Es sei unmöglich, einen Tiefpunkt für den Preis vorherzusagen, schrieben Citis Ölmarktexperten in einer Mitteilung vom Montag an ihre Kunden.

Angesichts der aktuellen Überversorgung und der Lagerbestände könne der Preis für US-Leichtöl der Sorte WTI unter 40 Dollar und für eine Zeitlang sogar bis auf 20 Dollar absacken. Derzeit kostet die Sorte rund 53 Dollar und damit nur noch rund halb soviel wie im Juni 2014. Ende Januar waren es sogar nur 43 Dollar gewesen.

Ihren tiefsten Stand sollten die Preise Citi zufolge im März oder April erreichen. Ihre Vorhersage für den WTI-Durchschnittspreis 2015 senkte Citi dennoch von 55 auf 46 Dollar pro Fass und für 2016 von 62 auf 61 Dollar. Für Nordsee-Öl der Sorte Brent sagt Citi für 2015 nun 54 statt 63 Dollar voraus und für das kommende Jahr 69 statt 70. 

Commerzbank erwartet Anstieg im zweiten Halbjahr

Die Rohstoffanalysten der Commerzbank sehen trotz des aufflammenden Optimismus keinen Grund für eine Entwarnung.

Börse



Noch immer liege die Fördermenge der OPEC mit 30 Millionen Barrel pro Tag stolze zwei Millionen Barrel über dem Tagesbedarf an OPEC-Öl. Da die Lager voll sind, rechnet Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg erst ab der zweiten Jahreshälfte mit einer nachhaltigen Erholung des Ölpreises. Bis dahin könne es durchaus noch kräftige Rückschläge geben, durchaus bis auf 40 Dollar für Brentöl. Das wäre nochmal ein Rückgang um gut 30 Prozent.

Die jüngste Ölpreiserholung sieht auch Ole Hansen, Rohstoffexperte der Saxo Bank, skeptisch. "Eine nachhaltige Erholung der Ölpreise wie wir sie im April 2009 erlebt haben, scheint unwahrscheinlich. Dafür ist das aktuelle Überangebot zu groß und der Ausblick suggeriert eher eine Verschlechterung bevor es besser wird", fasst Hansen in seinem aktuellen Rohstoffkommentar zusammen.

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