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Quarterly Meeting Carmignac und der Auszug aus dem Märchenland

Der Vermögensverwalter Carmignac weicht vom Konsens zur weltweiten Konjunkturentwickung ab: Der IWF überschätze das Wachstum. Außerdem glaubt Carmignac, die Rendite deutscher Staatsanleihen werde deutlich steigen.

Edouard Carmignac ist Gründer der Investmentgesellschaft Carmignac Gestion. Die prophezeite am Dienstag unter anderem, die US-Wirtschaft werde sich abschwächen. Quelle: Pressebild

ParisCarmignac hatte am Dienstag zu seinem Quarterly Meeting nach Paris geladen. Didier Leroux, Global Fund Manager, hatte einen klare Botschaft für die unmittelbare Zukunft: „Wir leben nicht mehr im Märchenland wie in den vergangenen Jahren“. Mit Blick auf die weltweite Konjunkturentwicklung weicht Carmignac vom Konsens ab, zeigt sich wesentlich skeptischer. Der Internationale Währungsfonds überschätze das Wachstum. „Man muss den Zyklus verstehen, das ist für die nächsten Monate entscheidend, denn die Zentralbanken werden nicht mehr der ausschlaggebende Faktor sein“, warnt Leroux.

Die US-Wirtschaft werde sich abschwächen, erwarten die Experten des französischen Vermögensverwalters. Sie sind weniger begeistert über die Effekte der US-Steuerreform als die meisten Ökonomen und Unternehmer. „Viele US-Unternehmen genießen bereits heute einen realen Steuersatz, der um oder unter 21 Prozent liegt“, ist das eine Argument. Das andere lautet, dass die Steuersenkung kurzfristig nicht zu höheren Investitionen führen werde, dann selbst wenn Milliarden Euro aus dem Ausland in die USA verlagert würden, könnten die nicht sofort investitionswirksam werden. Der private Konsum sei kein starker Wachstumstreiber, er habe sich in der jüngsten Vergangenheit nur deshalb gut gehalten, weil die Haushalte ihre Ersparnisse anzapften. Bei steigenden Löhnen würden sie die wieder aufbauen.

Unter dem Strich erwarten die Carmignac-Leute ein US-Wachstum um zwei Prozent und keine 2,6 Prozent, wie der Konsens es sieht. Die US-Wirtschaft werde sich abschwächen. Damit sei auch die am Montag auf vier Prozent nach oben gesetzte Prognose des Internationalen Währungsfonds Makulatur, stellen die Franzosen selbstbewusst fest. Der Dollar werde weiter nachgeben gegenüber dem Euro.

Über das Großthema Inflation, Zinsen und Reaktion der Zentralbanken haben die Vermögensverwalter aus Paris ebenfalls ihre eigene Ansicht. Allein schon der jetzige Ölpreisanstieg lasse die Inflation in Europa auf 2,5 Prozent steigen. Sollten die Ölpreise weiter zulegen – was Carmignac nicht erwartet – könne es auch mehr werden und „ziemlich furchterregende Ausmaße annehmen“, warnt Leroux. Seine Folgerung: „Die Marktreaktion kann brutal sein.“ Eine große Tendenz beherrsche deshalb die nächsten Monate: „Die Volatilität kommt zurück.“ Möglicherweise würden die Zentralbanken sich etwas erschrecken und ihre unkonventionelle Geldpolitik weniger schnell zurückfahren, als sie es heute ankündigen.

Welche Effekte erwartet Carmignac für den Anleihemarkt? Insgesamt würden die Zentralbanken ihre Anleihekäufe senken, doch weil die EZB bereits fast 20 Prozent der Staatsanleihen halte – in Japan sind es gar 41 Prozent – bestehe da ein wichtiger Anker. Dennoch werde auf die Anleger einiges zukommen, „die privaten Investoren müssen mehr Risiko übernehmen“, erwartet Anleihen-Expertin Rose Ouahda. Darauf werde man das eigene Portfolio vorbereiten. Auch die Rendite deutscher Staatsanleihen werde deutlich steigen und „wieder näher an der Rate des nominalen Wachstums liegen.“ Weil mittlerweile ganz Europa wachse und die Abstände zu Deutschland sich verringert hätten, würden auch die Zinsspreads gering bleiben oder weiter sinken.

Der Carmignac Patrimoine, Flaggschiff des Vermögensverwalters, hat im vergangenen Jahr eine bescheidene Performance gezeigt, räumt Didier Saint-Georges, Managing Director, ein. Die kräftige Euro-Aufwertung, die nicht voll abgefangen wurde, hat dazu beigetragen. Man tröstet sich damit, dass ein kleinerer Fonds wie der Euro-Entrepreneurs um 24 Prozent zulegte. Insgesamt hätten sich Zu- und Abflüsse ungefähr die Waage gehalten, es habe ein leichtes Plus von 400 Millionen Euro gegeben. Insgesamt hatte Carmignac Ende 2017 56 Milliarden Euro unter Verwaltung.

Der Patrimoine ist derzeit zu 83 Prozent in Euro investiert und zu 50 Prozent in Aktien. Für das laufende Jahr erwartet Saint-Georges eine weitere Aufwertung der Gemeinschaftswährung, aber nur noch um fünf bis sechs Prozent und nicht um 14 Prozent wie im vergangenen Jahr. Europa profitiere noch davon, dass es später als die USA in den Wachstumszyklus kam und auch die verzögerten Effekte des früher einmal schwachen Euro seien bei den Exporteuren noch wahrnehmbar. In den kommenden Monaten aber dürften die unter der Abschwächung in den USA und dem starken Euro zu leiden beginnen, erwarten die Franzosen.

Bei Aktien haben sie eine klare Orientierung für die nächsten Monate: „Wir suchen nur Unternehmen, die mit einem geringen Hebel arbeiten“, also eine geringe Verschuldung aufweisen. Anders als in den 80er- und 90er-Jahren würden die Börsen zunächst nicht unter dem anstehenden Zinsanstieg leiden, die Reaktionsweise habe sich geändert. Besonderen Appetit hat Carmignac auf Unternehmen, die im E-Commerce aktiv sind wie Delivery Hero oder die technologisch eine Sonderstellung hätten. Doch werde es immer schwieriger, solche Unternehmen zu finden.

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