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Es wäre gut, wenn die neuen Aktionäre am Ball blieben, von steigenden Kursen profitierten. Quelle: imago images

„Mein Geld steckt im Depot“

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Millionen neue Anleger wagen sich an die Börse. Das ist genau der richtige Zeitpunkt, um mit vielen Unsitten aufzuräumen.

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Aktien sind Partygespräch, so viele Menschen wie nie seit dem Boom und Bust an den Börsen im Jahr 2000 besitzen und handeln Wertpapiere – eine Chance für alle in der Rentnerrepublik der Zukunft. Es wäre gut, wenn die neuen Aktionäre am Ball blieben, von steigenden Kursen profitierten – und nicht fürchten müssen, belogen und betrogen zu werden wie die Generation vor ihnen zur Jahrtausendwende. „Aktien, nee, das ist nichts für mich, da gewinnen doch nur die großen Fische“ – ein solcher Generaleindruck killt jeden Kapitalmarkt. Die Finanzaufsicht BaFin hat nach dem Wirecard-Desaster einen neuen Chef, der verspricht, sie auf Weltklasseniveau zu heben. Wir sind gespannt.

Und auch ein bisschen skeptisch. Wenn Banken regelmäßig – wie zuletzt beim Internetportal Auto 1 – Großaktionären erlauben, Aktien auf den Markt zu werfen, die diese noch Monate halten sollten, drückt das nicht nur die Kurse, sondern zerstört Vertrauen.

Beim US-Broker Robinhood, angetreten „to democratize finance for all“, haben sich die Gründer mit knapp 16 Prozent der Aktien 65 Prozent der Stimmrechte gesichert, eine bei Techkonzernen übliche Praxis – das ist das Gegenteil von aktionärsdemokratisch.

Dax-Konzern Linde („Making our world more productive“) hat seine Hauptversammlung zuletzt in 24 Minuten durchgezogen – das ist nicht produktiv, sondern arrogant gegenüber Aktionären, denen der Laden gehört. Corona als Vorwand, um lästigen Fragen der Unternehmenseigner auszuweichen? Das ist eine Unsitte börsennotierter Firmen.



Eine andere: die Regeln diktieren wollen bei Fusionen und Abfindungen, so wie bei der verpatzten Übernahme der Deutsche Wohnen. Aktionäre sollen nicht auf eine Nachbesserung des Angebots dringen, sondern akzeptieren, was ihnen geboten wird. Die nächste Bundesregierung sollte auch das Delisting nicht weiter erleichtern: Großaktionäre nehmen zu oft gute Firmen von der Börse, um Gewinne nicht teilen zu müssen. Und sie sollte dafür sorgen, dass Anleger nach Ablauf einer Spekulationsfrist von zwei Jahren Gewinne steuerfrei realisieren können: Aktionäre würden ihre Papiere länger halten – und nicht kurzfristig agieren. Pensionsgesicherte Politiker wie Olaf Scholz („Mein Geld liegt auf dem Girokonto“) können gut kokettieren mit ihrer Distanz zur Börse. Besser wäre, die im europäischen Vergleich vermögensarmen Deutschen am Erfolg der Wirtschaft zu beteiligen: „Mein Geld steckt im Depot.“

Mehr zum Thema: Der US-Neobroker Robinhood ist an die Börse gegangen, Anleger können auf eine Fortsetzung des Börsenbooms spekulieren. Das geht aber auch mit heimischen Broker-Papieren. Sinnvolles Investment oder pure Zockerei?

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