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Quelle: dpa

„Wird schon stimmen“ ist der erste Schritt ins Desaster

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Der Fall Wirecard zeigt: Vertrauen in die Weisheit der Masse und die Kompetenz von Menschen in wichtigen Jobs ist ehrenvoll, kann aber nicht das eigene Denken ersetzen.

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Schockierend am Fall Wirecard, jenes Zahlungsdienstleisters im Dax, der jetzt Insolvenz anmelden musste, ist nicht die Tatsache, dass hier offenbar betrogen wurde – sondern die, dass sie so lange damit durchgekommen sind. Erste Warnzeichen gab es bereits vor mehr als zehn Jahren. Ein mutiger Blogger, der sie aufschrieb, wurde vom Unternehmen immer wieder juristisch attackiert und schließlich aus einem Börsenforum verjagt. Ein Merkposten für künftige Zweifelsfälle: Je mehr Energie Firmen darauf verwenden, Kritiker zum Schweigen zu bringen, desto wahrscheinlicher ist bei ihnen etwas faul.

Wirecards Börsenaufstieg stand dann erst mal nichts mehr im Weg. Mit zunehmender Größe und wachsender Anhängerzahl werden Konzerne dann scheinbar unangreifbarer. Wirecard hatte Fans, die das Unternehmen und seinen Chef Markus Braun, der ihnen 100 Milliarden Euro Börsenwert versprach, liebten wie sonst nur ihren Fußballclub. Irgendwann wirkt dann das Gesetz der großen Zahl: Ein Unternehmen, dessen Aktie alle kaufen und das an der Börse 20 Milliarden Euro wert ist, kann doch keine Luftnummer sein. Zweifel wird delegiert: „Das wird schon alles seine Ordnung haben.“ So viele Prüfer, Aufseher, Fondsmanager, die Banken. Für sie alle geht es um Milliarden, sie werden dafür bezahlt – und im Übrigen macht jeder von denen seinen Job doch sicher so, wie es sich gehört. Schön wär's.

Skepsis lässt sich eben nicht delegieren. Hier haben zu viele ihren Job gerade nicht so gemacht, wie es sein sollte. Auch wenn vieles für Außenstehende unglaublich komplex und qualifiziert aussieht: Die Quote der Mittelmäßigen, die ihrer Arbeit mit überschaubarem Engagement nachgehen, ist in der Finanzwelt sicher nicht niedriger als in handfesteren Branchen.

Die wechselseitige Abhängigkeit aber ist in diesem People’s Business stärker ausgeprägt als anderswo. Man kennt sich, man braucht einander, man tritt sich nicht auf die Füße, um nicht das nächste Mandat zu gefährden. Wie sonst, um nur das krasseste Versagen zu benennen, konnten Wirtschaftsprüfer unterschreiben, dass ein Unternehmen Milliarden besitzt, ohne auch nur die Kontoauszüge gesehen zu haben?

„Wird schon stimmen“ – der Glaube daran ist der erste Schritt ins Desaster. Mehr Skepsis hilft – übrigens nicht nur an der Börse.

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Mit der Wirecard-Aktie haben viele Menschen viel Geld verloren. Welche Fehler dabei passiert sind und wie sie zu vermeiden gewesen wären. BörsenWoche: Was Anleger aus dem Fall der Wirecard-Aktie lernen können.

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