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Repo-Markt Das Frühwarnsystem der Finanzwelt zeigt Stress an

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Notenbanken mit flacher Lernkurve

Die Krise begann damals, als sich der Wert komplex strukturierter und verbriefter Finanzprodukte mit Bezug zum US-Immobilienmarkt verflüchtigte. Die Verluste aus den Investments zehrten am Eigenkapital der Banken. Weil die Anlagen auch als Sicherheiten am Repo-Markt eingesetzt wurden, mussten dort wegen der Wertminderung der Papiere Sicherheiten nachgeschossen werden. Nach der Pleite von Lehman Brothers hatte die Erkenntnis, dass jede Bank pleitegehen kann, zu einem Run auf den Repo-Markt geführt. Die Beleihungskette riss, die Liquidität trocknete aus. Auch die Realwirtschaft saß fast auf dem Trockenen.

Neues aus der Giftküche

Doch die Lernkurve von Notenbanken und Aufsichtsbehörden ist flach, und der Arm der Wall Street reicht weit. So hat die Fed mit ihrer Dauertiefzinspolitik und QE gleich die nächste spekulative Renditejagd entfacht. In den USA hat das erneut für einen Boom bei strukturierten Finanzprodukten und unregulierten Kreditderivaten gesorgt. „Wir haben heute mehr Leverage und ein größeres Derivate-Risiko als jemals zuvor“, sagt Janet Tavakoli.

Tavakoli gründete 2003 in Chicago die Beratungsfirma Tavakoli Structured Finance und gilt als eine der weltweit renommiertesten Derivate-Expertinnen. Leverage umschreibt hier den Hebeleffekt bei Derivaten. Eigenkapital wird durch Kredite gehebelt. Je größer das Leverage, desto mehr Gewinn (oder Verlust) kann mit kleinem Kapitaleinsatz erzielt werden.

Banken sind längst wieder dabei, Problemkredite in dicken Kreditbündeln zu verstecken, etwa in sogenannten Collateralized Loan Obligations (CLOs). Hier lagern Banken etwa 100 bis 200 Unternehmenskredite in eine Zweckgesellschaft außerhalb der Bilanz aus. In dieser Zweckgesellschaft werden die Kredite in einem Wertpapier, dem CLO, gebündelt und so handelbar gemacht. 2013 wurden nach Daten von JP Morgan CLOs im Volumen von 82 Milliarden Dollar verkauft.

Für 2014 wird mit einem Anstieg auf 100 Milliarden Dollar gerechnet. Das wäre ein neuer Rekord. Insgesamt stehen in den USA derzeit CLOs im Volumen von 300 Milliarden Dollar aus. Etwa zwei Drittel davon werden von den Ratingagenturen als nahezu mündelsicher mit der Bestnote Triple-A bewertet. Dabei setzt sich der Inhalt üblicherweise auch aus Krediten von geringerer Qualität zusammen.

Wöchentliche Ausfälle bei der Bereitstellung und Rückgabe von US-Staatsanleihen bei Repo-Geschäften

Noch im September will Goldman Sachs, dessen Chef Lloyd Blankfein einst sagte, Banken würden „Gottes Werk“ verrichten, mit sogenannten „Fixed Income Global Structured Covered Obligation“ (FIGSCO) an den Markt kommen. Investoren erhalten Anspruch auf ein Portfolio an festverzinslichen Anleihen, wissen dabei aber nicht, um welche Wertpapiere es sich konkret handelt. „Das könnten hypothekenbesicherte Wertpapiere, Staatsanleihen oder hochverzinsliche Unternehmensanleihen sein“, mutmaßen die Analysten der französischen Großbank Crédit Agricole. Da beruhigt auch nicht, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s das innovative Goldman-Produkt bereits mit der Bestnote Triple-A dekoriert hat.

AAA hat wenig zu sagen

Erinnerungen werden wach an die Zeit vor dem Lehman-Crash: Sogenannte Collateralised Debt Obligations (CDOs) und andere hypothekenbesicherte Wertpapiere, die in der Finanzkrise bis zu 97 Prozent ihres Wertes verloren hatten, waren ebenfalls mit Triple-A ausgezeichnet.

Das „Wall Street Journal“ berichtete unlängst von einem Boom bei sogenannten „Structured Agency Credit Risk Bonds“. Mit dieser neuen Variante synthetischer CDOs wollen die staatlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac Ausfallrisiken einer Gruppe von Hypotheken auf private Investoren übertragen. Dafür erhielten diese eine relativ hohe Rendite. Die ersten dieser Produkte gingen im Juli 2013 an den Markt. Wall Street soll die hochriskanten Produkte zu etwa 80 Prozent kurzfristig über den Repo-Markt finanziert haben. Nach einem anfänglichen Kursanstieg um 30 Prozent brachen die Kurse im August allerdings ein. Einige Hedgefonds mussten Sicherheiten nachschießen. Wer das nicht konnte, musste liquidieren.

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