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Riedls Dax-Radar

Absturzgefahr gebannt, Börsenrally voraus

Die rasante Erholung an der New Yorker Börse stützt den Dax und sorgt so für gute Voraussetzungen für eine Jahresendrally. Für die gibt es zudem gute Gründe – außer bei den Versorgeraktien RWE und E.On.

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Dax-Verlauf am 15. Oktober 2015 Quelle: REUTERS

Um 217 Punkte ist der Dow Jones am Donnerstag (15. Oktober) nach oben geschossen. Der Tagesverlauf war symptomatisch: Zunächst begann der Markt unentschieden, dann ging es Schritt für Schritt nach oben, und am Ende erfolgte der Schluss am Tageshoch.

Der Anstieg auf 17.142 Punkte ist wichtig, weil der Dow Jones damit über das Septemberhoch kam und die gesamte Schwankungsbreite von Mitte August bis Ende September nach oben aufgelöst wird. Die Gefahr eines weiteren Absturzes ist damit erst einmal vom Tisch.

Mehr noch: Wenn der Dow in den nächsten Wochen wieder in die Zone 17.500 bis 18.000 käme, wären die gesamten Kursrückschläge von August und September nichts als ein Ausrutscher im großen Trend, der damit bestätigt wurde – und weiter nach oben zeigt.

Wo würde der DAX ohne Notenbanken stehen?

Der Rückhalt kommt von den Zinsen

Noch ist dieses positive Szenario des Marktes vage. Doch woher der Antrieb kommt, zeichnet sich schon ab: Von den Zinsmärkten – wieder einmal. Seitdem sich die Schwächezeichen der US-Wirtschaft mehren, vor allem bei den zuletzt erstaunlich flauen Arbeitsmarktdaten, ist die Angst vor der Zinswende gewichen.

Erst war es die Schwellenländerkrise, die Fed-Chefin Janet Yellen veranlasst hat, mit einer Erhöhung zurückhaltend zu sein. Nun kommen die Schwächezeichen der US-Wirtschaft dazu, ergänzt von Warnungen des IWF vor einer neuen Weltwirtschaftskrise. Damit sieht es derzeit so aus, als ob es in diesem Jahr nicht mehr zu einer Zinserhöhung durch die Fed kommt.

Das spiegelt sich auch an den Märkten wider. Der Euro hat sich gegenüber dem Dollar etwas erholt und ist wieder in die Nähe der 1,15 gekommen. Hier verläuft seit Anfang des Jahres die Obergrenze der Schwankungen. Sollte der Euro (wider Erwarten) diese 1,15 Dollar einmal nachhaltig (um mehr als drei Prozent) übertreffen, könnte es sogar zu einer Renaissance des EU-Geldes kommen. Allerdings, derzeit ist es noch eindeutig zu früh ist, auf ein solches Szenario zu spekulieren; dazu hat die US-Wirtschaft und die US-Währung eine zu zentrale Rolle.  

Am US-Anleihemarkt pendeln die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen weiter um die Marke von zwei Prozent. Ein schneller Zinsrückgang deutet sich hier nicht an, eher Schwankungen zwischen 1,9 und 2,1 Prozent für die nächsten Wochen. Am Anleihemarkt überwiegt die Einschätzung, dass das Zinsniveau niedrig bleibt, aber substanziell nicht noch viel tiefer gehen muss.

Für die Aktien ist das eine gute Mischung: Das Zinsniveau bleibt niedrig, doch so rezessiv schwach, dass die Schleusen noch weiter geöffnet werden müssen, ist die Wirtschaft auch wieder nicht.

US-Aktien zeigen Muskeln

Zuversichtlich stimmt, dass der amerikanische Aktienmarkt in seiner ganzen Breite für die nächsten Wochen nicht schlecht aussieht. Die abgestürzten Titel der vergangenen Monate, also vor allem die Ölwerte, erholen sich deutlich – nicht nur weil Öl nicht noch billiger geworden ist, sondern auch weil diese Aktien unter einem langfristigen Blickwinkel mittlerweile günstig geworden sind (und wer meint, die Weltwirtschaft komme in den nächsten Jahren ohne die Dominanz von Öl und Gas aus, ist ein Träumer. In diesem Jahr dürfte der Verbrauch 93 Millionen Barrel pro Tag erreichen – so viel wie noch nie.)

Zum zweiten sind die defensiven Klassiker im Dow schon seit längerer Zeit stabil. Jetzt ziehen sie sogar nach oben. Alle verlaufen stabil über der 200-Tage-Linie: Coca-Cola, McDonald’s, Home Depot; sogar die (nicht ganz so defensiven) GE könnte man hier dazuzählen.

Die Technologiewerte Cisco, IBM und Intel, die es zwischenzeitlich schwer erwischt hat, sind ebenfalls reif für eine mittelfristige Erholung. Microsoft ist schon seit Monaten einer der Top-Werte in der großen Klasse.

Diese Stärke zeigt sich auch im Nasdaq-Index. Hier gab es im August einen Einbruch, der die Notierungen scharf unter die 200-Tage-Linie gedrückt hat. Danach folgte im September eine erste Erholung, die aber an der 200er-Linie scheiterte.

Nun ist der Index im zweiten Anstieg über dieses Hindernis gekommen. Noch ist der Anstieg nicht nachhaltig, doch wenn der Nasdaq-Index in der kommenden Woche das Niveau um 4400 verteidigt, wäre das eine gute Basis für einen positiven Jahresausgang.

Ist die Korrektur im Dax nun beendet?

Im Fahrwasser der Dow-Erholung hat sich der Dax wieder über die Marke von 10000 gerettet. Zwar ist der Anstieg hierzulande bisher nicht so stark wie in Amerika (das September-Hoch liegt noch bei 10500), doch die Richtung ist die gleiche.

Für ein positives Szenario spricht, dass sich die wichtigen Titel im Dax deutlich stabilisiert haben:

Allianz hat die Untergrenze um 135 verteidigt, das Hoch vom September übertroffen, nächstes Ziel dürften 155 Euro sein; BASF hat die Marke von 65 Euro gehalten, kurzfristig sind 75 bis 80 Euro möglich; Daimler tut sich zwischen 70 und 75 noch etwas schwer, könnte aber in den nächsten Wochen 80 Euro erreichen; Siemens hat sich nach dem Absturz auf 80 wieder gefangen und könnte nun in Richtung 90 gehen.

Fazit: Aus dem Bild der Einzelwerte im Dax muss zwar nicht automatisch gleich ein dynamischer Kursanstieg folgen, doch die akute Absturzgefahr ist gebannt und die Chance auf weitere Kursgewinne ist derzeit größer als das Risiko hoher Kursverluste. Die seit dem 2. Oktober an dieser Stelle beschriebenen Chancen für den Dax werden damit immer realer und könnten sogar in eine Jahresendrally münden.

Spannung bei E.On und RWE

Selbst die schwer gedrückten Versorgeraktien machen wieder Boden gut. Sie haben wegen der geschwundenen Marktkapitalisierung zwar nicht mehr die Bedeutung für den Dax wie in den vergangenen, guten Jahren. Doch wenn selbst E.On und RWE ein paar Euro zulegen, ist das kein schlechtes Zeichen für die Gesamtstimmung.

Der fundamentale Hintergrund der Versorger ist problematisch. Ohne Frage ist es positiv, dass sie nach dem von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Gutachten keine neuen Rückstellungen für den Rückbau ihrer Kernkraftwerke und die Entsorgung der Altlasten vornehmen müssen. Bei E.On stehen hier derzeit etwas mehr als 18 Milliarden Euro in der Bilanz, bei RWE sind es mehr als 10 Milliarden. Hätten die Versorger hier sofort mehrere Milliarden zusätzlich zurückstellen müssen, hätte das ihre ohnehin angespannte Kapitallage noch einmal verschärft.

Wie teuer nun der Rückbau und die Altlasten in ferner Zukunft wirklich werden, kann heute niemand sagen. Allein die Veränderung des Zinsniveaus bis dahin beeinflusst die Höhe der Rückstellungen dafür in hohem Maße. RWE und E.On sind zwar in ihrer Bilanzpolitik bestätigt worden und müssen nicht aufstocken, die große Unsicherheit über die wirklichen Belastungen aber bleibt – und Unsicherheit ist ein klassischer Kursdrücker.

Schluss mit Versorger-Bashing

Positiv sind die Signale aus der Regierung zu werten. Bisher sah es nach einer harten Konfrontation mit dem Wirtschaftsministerium aus. Nun aber gibt es Äußerungen, nach denen Gabriel durchaus mit der weiteren Zukunft der Versorger plant – das heißt: mit ihrer Existenz wird in Zukunft gerechnet. Selbst das wurde an der Börse in den vergangenen Tagen und  Wochen in Zweifel gezogen.

Börse



Der Haken daran: Nun einfach als Aktionär auf die Wende der Aktienkurse zu setzen, könnte sich als naiv erweisen. Wieder sei hier das Beispiel der Commerzbank genannt. Auch hier hat sich der Staat für den Bestand der Bank eingesetzt. Das aber verhinderte nicht, dass letztlich Aktionäre über dramatisch sinkende Kurse die Zeche bezahlten. Es wäre nicht verwunderlich, wenn es im Fall der Versorger ähnlich käme.

Konkret heißt das: E.On und RWE sind derzeit kein Investment, sondern allenfalls ein schneller Zock für diejenigen, die sich kurze bis mittelfristige Marktbewegungen zutrauen. Dass E.On-Aktien mittlerweile auf dem Niveau von 1994 angekommen sind (auf die Vorgänger Veba und Viag bezogen) und RWE auf dem Stand von 1987, signalisiert die Ausnahmesituation, in der beide Konzerne stecken – auch nach der Entspannung in der Rückstellungsfrage.

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