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Riedls-Dax-Radar
BASF-Chemiewerk in Antwerpen: Vor allem gebeutelte Industrieaktien haben die jüngste Erholung an der Frankfurter Börse getragen Quelle: imago images

Börse nimmt Anlauf auf altes Allzeithoch

Das Comeback der Industrieaktien um BASF, Daimler und Siemens beflügelt die Börsen. Wenn die Konjunktur nicht vollends abkippt, könnte der Dax noch im Herbst bis auf sein Allzeithoch vordringen.

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Die Aktien, die den jüngsten Anstieg des Dax besonders tragen, sind Daimler, BASF, Siemens & Co. Es sind die klassischen Industrieaktien, die im Index immer noch ein hohes Gewicht haben, obwohl sie in den Monaten davor besonders schwach abgeschnitten hatten. Dazu kommt die starke Entwicklung der beiden Versicherer Allianz und Münchener Rück.

Im Dax führt das Comeback dieser Aktien zu einem so dynamischen Anstieg, dass die vor zwei Wochen beschriebene Zielzone von 12.100 bis 12.200 Punkten mit Leichtigkeit genommen und sogar überschritten wurde. Was steckt hinter dieser enormen Power des Dax, die viele Marktteilnehmer sicherlich überrascht haben dürfte?

Da sind zunächst einmal die neuerlichen expansiven Maßnahmen der Notenbank. Die EZB hat sich für weitere Zinsrückführungen im negativen Bereich entschieden, für praktisch unbegrenzte Anleihekäufe und zementiert damit bis auf weiteres ein extrem niedriges beziehungsweise negatives Zinsniveau.

Richtig neu ist Draghis monetäres Füllhorn nicht. Dennoch ist die Entschiedenheit, mit der der scheidende EZB-Chef Draghi vorgeht, für die Märkte eine Beruhigung. Vor allem dürfte es auch ein Signal dafür sein, dass sich unter seiner Nachfolgerin an dieser Linie grundsätzlich nichts ändert.

Neue Hoffnung für die Konjunkturentwicklung

Zweitens steckt in der Erholung der klassischen Industrieaktien die Hoffnung, dass die Konjunktur früher oder später wieder Tritt fasst und nicht, wie vielfach befürchtet, in die Rezession abkippt. In die gleiche Richtung deuten die jüngsten Entspannungssignale im Handelsstreit zwischen China und den USA.

Parallel zu den Industrieaktien geben auch andere Indikatoren Entwarnung. Die klassischen Krisenwährungen Schweizer Franken und japanischer Yen sind seit einigen Tagen auf dem Rückmarsch. Der Bund-Future ist seit Anfang September regelrecht eingebrochen – im Gegenzug haben die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen von minus 0,75 Prozent auf minus 0,48 Prozent angezogen. Gold ist von 1555 Dollar je Unze kurzzeitig bis auf 1485 Dollar abgerutscht. Und die Volatilitätsindizes V-Dax und V-Stoxx haben sich aus dem kritischen Bereich über 20 Prozent wieder in die ruhige Zone unter 15 Prozent zurückgezogen. Sogar im Kupferpreis, dem für Konjunkturprognosen wichtigsten Industriemetall, zeichnet sich um 5800 Dollar eine Stabilisierung ab.

Die spannendsten Aktien der Woche

Daimler, BASF und Continental machen Mut

Hoffnungsvolle Nachrichten von den Unternehmen kommen dazu. Bei Daimler gibt Chef Ola Källenius nun ein deutlicheres Bekenntnis zum Elektroauto und zur Erneuerung des Konzerns ab. Der Aktie gelingt daraufhin der Anstieg über 45 Euro, dem Tiefpunkt vom Juli. Insgesamt könnte sich bei Daimler zwischen 40 und 50 Euro in den nächsten Monaten eine weite Bodenbildung abspielen.

Ähnlich ist die Situation bei BASF. Auch hier gab es noch einen Abtaucher unter die wichtige Zone um 60 Euro, der aber dann durch die jüngste, dynamische Erholung auf 65 Euro mehr als wettgemacht wurde. Ebenso glich Continental seinen letzten Kursrückschlag unter 115 Euro schnell wieder aus. Volkswagen gelang schon im August die Verteidigung der wichtigen Untergrenze um 140 Euro – obwohl Spekulationen um neue Abgasprobleme aufgekommen sind.

Ein neues, mittelfristiges Hoch hat die Münchener Rück erreicht. Gründe dafür sind der stabile Geschäftsverlauf, die Münchener rechnen langfristig mit steigenden Prämien. Zugute kommen der Aktie zusätzlich hohe und sichere Dividenden sowie langjährige Aktienrückkäufe.

Starke US-Börse vor Notenbank-Entscheidung

Die robuste Verfassung im Dax wird durch die US-Börsen gestützt. Der Dow Jones drang während der jüngsten Erholung fast bis zu seinem Allzeithoch vor. S&P 500 und Nasdaq 100 bestätigen die positive Tendenz, auch wenn die Technologieaktien derzeit nicht so stark im Vordergrund stehen wie in der Hausse des Sommers.

Die nächste grundlegende Entscheidung für die Börsen steht in der Fed-Sitzung am 17. und 18. September bevor. Aller Voraussicht nach kommt es zu einer abermaligen Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte. Weitere Senkungen durch die Fed sind bis Jahresende möglich.

Ob diese Maßnahmen ausreichen, die von Pessimisten für 2020 befürchtete Rezession abzuwenden, ist eine offene Frage. An den Börsen wurde bis vor kurzem die düstere Variante angenommen. In der jüngsten Erholungstendenz spiegelt sich nun die Hoffnung wider, dass es letztlich doch nicht so schlimm kommen könnte.

Abwärtsrisiken weitgehend eingepreist

Für den Dax bedeutet dies: Die klassischen Industrieaktien haben durch die massiven Kursverluste der vergangenen Monate und zum Teil Jahre nicht nur die besonderen Probleme ihrer Branche vorweggenommen (vor allem die Autowerte), sondern auch die konjunkturelle Zitterpartie. Selbst wenn sich die Wirtschaft in den nächsten Monaten nur zäh entwickelt, dürften die Risiken nach unten weitgehend eingepreist sein. Wohin soll eine Daimler-Aktie, die seit 2015 trotz passabler Unternehmensgewinne mehr als die Hälfte ihres Werts - fast 60 Milliarden Euro – verloren hat, denn noch sinken?

Wenn die Industrieaktien mehr Aufwärts- als Abwärtspotenzial haben, die Finanzwerte Allianz und Münchener Rück stabil nach oben laufen und defensive Klassiker (Beiersdorf, Adidas, Deutsche Börse) sich in einem langen Aufwärtstrend befinden, ergibt das für den Gesamtmarkt einen stabilen Grundton.

Kurzfristig könnte der Dax – etwa bei einer marktfreundlichen Fed-Entscheidung – noch bis 12.600 Punkte vordringen. Spätestens dann sollte es einen Rücksetzer geben, der bis in den Bereich 12.200 oder 12.000 gehen könnte. Kommen dann keine allzu düsteren Nachrichten von konjunktureller Seite, könnte der Dax danach einen Anlauf zum alten Top bei 13.600 Punkten starten.

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