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Riedls Dax-Radar
Auf Kursmonitoren verfolgen Händler und Analysten auf dem Parkett der Börse in Frankfurt am Main (Hessen) die Aktienkurse. (Symbolbild) Quelle: dpa

Börsen im Crash-Modus

Der Mix aus schwacher Wirtschaft, enttäuschenden Unternehmenszahlen und politischen Krisen führt im Dax zu einer Verkaufswelle. Entwarnung ist kurzfristig nicht in Sicht. Es dürfte mehrere Wochen dauern, bis es wieder neue Einstiegsgelegenheiten gibt.

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Die Erholung dauerte nur wenige Stunden: Als Nachrichten aufkamen, die Amerikaner würden mit den Chinesen im Handelsstreit wieder Gespräche aufnehmen und gleichzeitig einige Zölle aufschieben, gingen die Kurse durch die Decke. Allerdings, am grundlegenden Handelskonflikt ändert sich deshalb nichts, auch nicht an den anderen Krisenherden: Brexit, Italien-Krise, Kaschmir-Konflikt, Argentinien-Crash, Machtspiele um Hongkong.

Dass der Dax am Tag darauf gleich wieder schwer in die Knie geht, zeigt, wie angeschlagen die Märkte sind und dass die Grundrichtung der Kurse derzeit nach unten zeigt.

Die jüngsten Zahlen zur Konjunktur bestätigen die schwache Entwicklung in Deutschland genauso wie in China. Positive Überraschungen bei Unternehmenszahlen sind die Ausnahme – wie etwa bei RWE, wo die strategische Wende vom klassischen Kraftwerksbetreiber hin zum Spezialisten für erneuerbare Energie voll am Laufen ist. Zwar holt RWE erst einen kleinen Teil seiner Stromproduktion aus Wind und Sonne, doch der trägt überdurchschnittlich zum Gewinn bei. RWE ist derzeit eine der wenigen Dax-Aktien, die sich noch in einem stabilen Aufwärtstrend befinden.

Ansonsten sieht es derzeit düster aus um deutsche Standardaktien. Bei fast zwei Dritteln der Dax-Aktien verlaufen die aktuellen Kurse deutlich unter der zumeist sinkenden 200-Tage-Linie. Dazu zählt das Gros der Industriewerte, von Daimler bis Thyssenkrupp, von BASF bis Siemens.

Bei fünf Aktien steht der Kampf um die 200er-Linie aktuell bevor (Allianz, Deutsche Post, SAP, Vonovia, Wirecard). Noch über diesem Durchschnitt der mittelfristigen Entwicklung halten sich Adidas, Beiersdorf, Deutsche Börse, RWE, Münchener Rück, Linde und Bayer – hier läuft seit kurzem eine eigene Turnaround-Spekulation um ein mögliches Memorandum im Monsanto-Drama.

Die schwache Verfassung vieler Einzelwerte ist für den Dax eine schwere Hypothek. Für den Gesamtmarkt besteht damit kaum eine Chance auf eine schnelle und nachhaltige Erholung. Kurze, durchaus heftige Reaktionen wie am Dienstag sind zwischendurch möglich. Doch solche Ausschläge sind kaum geeignet, Käufer wieder dauerhaft an die Börse zu locken.

In turbulenten Marktphasen wie jetzt, in denen bei immer mehr Anlegern die Nerven blank liegen, spielen Bewertungsfeinheiten, Bilanzrelationen und Depotdiversifizierungen eine immer geringere Rolle. Die Folge ist eine zunehmende Kurshektik, im Fachjargon Volatilität genannt, die wiederum neue Käufe oder Verkäufe zur Folge hat, die in ruhigen Phasen eigentlich gar nicht geplant waren.

Kurzfristig geht es nun erst einmal um die Frage, wo der Dax seine Tiefen ausloten könnte. Die erste Phase der aktuellen, scharfen Abwärtsbewegung begann am 25. Juli bei 12.600 Punkten und drückte den Index in acht Tagen um 1000 Punkte nach unten – übrigens ziemlich genau auf die Durchschnittslinie der vergangenen 200 Tage. Hier, bei gut 11.600 Punkten, finden seit sieben Tagen mehrere, bisher vergebliche Erholungsversuche statt.

Geht es nach dem typischen Muster solcher Rückschläge weiter (wie etwa in den Jahren 2015/16 und 2018), kommt es mindestens noch einmal zu einem ähnlichen Abschwung, der den Dax dann in den Bereich um die Marke von 11.000 Punkten drücken könnte. Hier verläuft der seit 2016 anhaltende Aufwärtstrend. Bei 10.500 Punkten liegt das Tief des Jahreswechsels 2018/19.

Zu früh zugreifen sollten Anleger auch deshalb nicht, weil sich die Situation an allen wichtigen Aktienmärkten zuspitzt. Auch im Dow Jones liegt noch eine zweite Abwärtsphase in der Luft, in der die Kurse auf etwa 25.000 abtauchen könnten. Die führenden europäischen Indizes kippen ebenso ab wie der vielbeachtete Shanghai Composite Index in China.

Dass es bei einzelnen Dax-Aktien – wie gestern im Dax bei Henkel – auch auf gedrücktem Niveau nach enttäuschenden Zahlen noch zu massiven Kursverlusten kommt, ist ein Warnsignal. Es zeigt, dass die jüngste wirtschaftliche und operative Schwäche noch immer nicht ausreichend in den Prognosen von Banken und Analysten verarbeitet ist.

Fazit für den Dax: Die akute Häufung von Krisenherden, der unerwartet starke Konjunkturrückgang sowie permanente Unsicherheiten (vor allem die sprunghafte Politik des amerikanischen Präsidenten) erhöhen die Risiken im Dax erheblich.

Normalerweise reagieren Börsen auf einen solchen brisanten Mix mit einem Rückgang, der mehrere Wochen dauert und bei dem die Kurse zehn bis zwanzig Prozent verlieren können. Bevor sich im Dax keine nachhaltige Stabilisierung abzeichnet, sind antizyklischen Käufe sehr riskant. Die jüngste Abwärtsdynamik deutet darauf hin, dass der Dax durchaus noch bis in den Bereich 11.000 bis 10.500 Punkte abrutschen kann.

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