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Riedls Dax-Radar Börsenanstieg auf wackligen Beinen

Riedls Dax-Radar: Börsenanstieg auf wackligen Beinen Quelle: imago

Die robuste Entwicklung der US-Märkte bewahrt den Dax vor dem Absturz. Auch einige Einzelwerte wie Allianz oder Münchener Rück erweisen sich als Felsen in der Brandung. Eine Jahresendrally ist noch möglich.

Während sich in Europa die Dauerprobleme Italienkrise sowie Brexit hinziehen und Konjunktur und Währung weiter abdriften, schaffen die amerikanischen Aktienmärkte den Durchbruch: Mit dem deutlichen Anstieg über die Zone um 25.000 Punkte hat der Dow Jones die reale Chance, seinen langfristigen Aufwärtstrend fortzusetzen. Und wenn der große Börsentrend in Amerika stimmt, werden auch die kleinen Börsen in Europa nicht zusammenbrechen.

Das politische Ergebnis der amerikanischen Zwischenwahlen wird sehr unterschiedlich kommentiert, die Reaktion der Börse fällt jedoch eindeutig aus: positiv. Die Märkte honorieren, dass zum einen das Umfeld erhalten bleibt, das schon seit zwei Jahren für gute Stimmung sorgt. Zum anderen passt es schön in das Bild funktionierender Checks and Balances, dass die Republikaner nun ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus verloren haben.

Die Aufwärtsdynamik an den US-Märkten war in den vergangenen Tagen größer als der Abwärtsdruck davor; ein gutes Zeichen. Zugleich ging der jüngste Kursrückschlag vom 26. Oktober nicht mehr ganz so weit runter wie die vorangegangene Tiefspitze Ende Juni. Das signalisiert einen leichten Überhang der Käuferseite. Unterm Strich hat der Dow Jones damit die akute Gefahr, dass aus den Kursschwankungen der vergangenen zwölf Monate eine Abwärtswende mit nachfolgender Baisse werden könnte, erfolgreich abgewehrt.

Die spannendsten Aktien der Woche

Die robuste Verfassung der US-Märkte ist umso bemerkenswerter, da sie nicht mit einer Entspannung auf der Zinsseite einhergeht. Die Renditen für zehnjährige US-Bonds haben sich in den vergangenen Tagen sogar von 3,07 auf 3,24 Prozent erhöht. Das zeigt, wie stabil die Wirtschaft in den USA wirklich ist und dass die Inflationstendenz weiter bestehen bleiben dürfte – was die Aktienmärkte offenbar nicht schreckt. Diese Mixtur passt insgesamt gut zur kurstechnischen Erholung der Indizes.

Wackliges Erholungsszenario für deutsche Aktien

Dem Dax kommt die US-Stärke zugute. Dennoch fällt hierzulande die vor einigen Tagen gestartete Erholung mühsam aus. In der ersten Anstiegsphase ging es von gut 11.000 Punkte auf knapp 11.700 Punkte. Dieser ersten Phase dürfte kurzfristig eine Gegenbewegung folgen, die typischerweise bis 11.400 oder 11.300 Punkte gehen könnte. Von hier aus sollte der Dax dann noch einmal einen Anlauf starten und zumindest bis in den Bereich 11.700 bis 12.000 Punkte vordringen. Sogar eine verhaltene Jahresendrally könnte sich daraus entwickeln.

Das Umfeld würde dazu passen. Dass die Konjunkturprognosen weiter zurückgenommen werden und in der EU das Wachstum gerade noch um zwei Prozent pendelt, verwundert nach den Risiken (Handelskonflikt, Italienkrise, Brexit) nicht. Die Zinsen hierzulande sind in den vergangenen Tagen im Fahrwasser der US-Märkte ebenfalls leicht gestiegen. Angesichts wieder sinkender Ölpreise dürfte der Inflationsdruck in den nächsten Wochen aber wieder etwas nachgeben.

Der Euro wird in diesem Umfeld weiter zur Schwäche neigen; ein Vorteil für die meisten Dax-Unternehmen, deren Geschäfte derzeit insgesamt gesehen gemischt verlaufen und die eine solche Unterstützung gut gebrauchen können.

Siemens, der deutsche Industriekonzern schlechthin, leidet unter dem schwierigen Kraftwerksgeschäft, kommt aber mit seinen anderen Sparten voran. Vor allem die um neun Prozent gestiegenen Aufträge sind ein gutes Zeichen. Bisher hat die Aktie die wichtige Untergrenze um 100 Euro verteidigt.

Hiobsbotschaften dagegen von Thyssenkrupp: Eine Rückstellung wegen Kartellverfahren und überraschend schwache Geschäfte in der Mustersparte Aufzüge verhageln die Prognose. Diese Rückschläge sind umso bitterer, da sich die Chance auf eine Kurswende dank möglicher Aufspaltung zunehmend in Luft auflöst. Die Häufung negativer Nachrichten und das desaströse Kursbild deuten darauf hin, dass Thyssenkrupp-Aktien in den nächsten Wochen womöglich noch bis zu den langjährigen Tiefpunkten zwischen 13 und 15 Euro abtauchen können.

Post enttäuscht, BMW auf zweiten Blick besser

Eine Enttäuschung ist die Deutsche Post. Nachdem es in den vergangenen Monaten mehrmals für Anleger verhaltene Nachrichten gegeben hat, wird die Post nun abermals vom schwachen Paketgeschäft nach unten gezogen. Strategische Fehlschläge kommen dazu, etwa im Verkehr mit Fernbussen oder bei der Auslieferung von Nahrungsmitteln. Selbst die vielgelobte Aktion um die Elektrotransporter entwickelt sich nicht wie gewünscht. Ob die Aktie in diesem Umfeld die wichtige Untergrenze bei 27 bis 28 Euro halten kann, ist fraglich. Ein Kauf wäre die Post erst wieder, wenn die Aktie über das Niveau von 32 Euro käme. Ein solcher Anstieg ist angesichts der aktuellen Nachrichtenlage vorerst wenig wahrscheinlich.

Ebenfalls schwach sind auf den ersten Blick die Zahlen von BMW. Doch ein großer Teil des jüngsten Gewinnrückgangs hat nichts mit operativer Schwäche zu tun, sondern mit Rückstellungen für Rückrufe. BMW packt das in die Umsatzkosten rein, und so ergibt sich das ungünstige Bild, BMW kippe in seinem Kerngeschäft ab. Dabei sind die realen Absatzzahlen von BMW sehr gut: In der Kernmarke wurden und werden derzeit so viele Fahrzeuge verkauft wie noch nie. Angesichts der Turbulenzen in der Branche ist das ein bemerkenswertes Ergebnis, viel besser als etwa bei Volkswagen. Und auch in China, dem wichtigsten Zukunftsmarkt der Branche, ist der Absatz gestiegen. Auch BMW-Aktien dürften unter dem Malus der Branche leiden, sind aber spätestens bei Kursen zwischen 65 und 70 Euro wieder kaufenswert.

Bei der Deutschen Telekom setzt sich die Stabilisierung oberhalb der Marke von 14 Euro fort. Vor allem das Mobilfunkgeschäft der US-Tochter ist erfolgreich und dürfte, wenn die Fusion mit Sprint über die Bühne gehen kann, einen weiteren Schub erfahren.

Felsen im Dax sind derzeit die Versicherer Allianz und Münchener Rück. Zwar besteht bei beiden immer das Risiko, dass sich große Naturkatastrophen deutlich in den Zahlen niederschlagen. Dank niedriger Bewertung, hoher Dividende und – vor allem bei der Münchener Rück – stetiger Aktienrückkäufe wird diese Gefahr für Investoren aber abgefedert.

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