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Riedls Dax-Radar
Wie groß werden die Auswirkungen der Evergrande-Turbulenzen für die Hongkonger und die weltweiten Börsen? Quelle: dpa

China-Turbulenzen: Drei Gefahren – und eine Hoffnung

Die Schockwellen, die vom Überlebenskampf des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande ausgehen, treffen auch den Dax. Sollte die Marke von 15.000 Punkten nicht halten, droht der Aufwärtstrend zu brechen – erstmals seit Beginn der Coronahausse.

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Für viele deutsche Unternehmen war China bisher der wichtigste Wachstumsmarkt weltweit. Von Technologieherstellern über die Chemiebranche bis zu den Autobauern sind deutsche Großunternehmen seit Jahren mit umfangreichen Geschäften in China vertreten. Daimler, BMW und Volkswagen verkaufen mittlerweile mehr als ein Drittel ihrer Fahrzeuge in China. Das langfristige Wachstum der gesamten asiatischen Region wäre ohne den phänomenalen Aufstieg, den China in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat, undenkbar. Sollte diese Erfolgsgeschichte mit Evergrande nun zu Ende gehen, hätte das erhebliche Konsequenzen für die Wirtschaft und die Börsen der westlichen Industrieländer.

Neben dem konjunkturellen Risiko kommt ein zweites hinzu: die finanzwirtschaftlichen Verquickungen und Rückwirkungen. Wenn ein so großer Spieler wie Evergrande zusammenbrechen sollte, fällt nicht einfach ein wenig erfolgreiches Unternehmen aus. Die Schulden von über 300 Milliarden Dollar, die Evergrande hat und selbst nicht mehr bezahlen kann, reißen bei Partnern tiefe Löcher. Wie groß diese Löcher sind und wo sie entstehen, das gehört derzeit zu den großen Rätseln und Risiken an den weltweiten Finanzmärkten. 

Eine dritte Gefahr kommt hinzu. Der Erfolg Chinas ist in den vergangenen Jahren zunehmend mit fast westlich geführten Großkonzernen verbunden. Der Aufstieg einer wirtschaftlichen Oligarchie jedoch ist der regierenden Partei zunehmend ein Dorn im Auge. Die Kaltstellung von Alibaba-Gründer Jack Ma und das konsequente Vorgehen der Partei gegen Abweichler wecken an den Märkten Zweifel, ob China mit seiner Mischung aus staatlich gelenkter Ökonomie und darunter angesiedelten unternehmerischen Freiheiten auch in Zukunft zurechtkommt. Die Art und Weise, wie die chinesische Regierung nun die Schieflage von Evergrande managt, wird dafür die Nagelprobe. 

Darin liegt, so paradox es klingt, sogar ein Hoffnungsfunken: Für ihre großen Pläne – von der Weiterentwicklung und inneren Stabilität des Milliardenreiches über die Rivalität mit der anderen Großmacht USA bis hin zu konkreten Großvorhaben wie der neuen Seidenstraße – braucht die chinesische Regierung eine starke Wirtschaft und einen funktionierenden Kapitalmarkt. Das wiederum ist nur möglich, wenn die zahlreichen Kooperationen, die China in den vergangenen Jahren mit westlichen Ländern eingegangen ist, aufrechterhalten und weiterentwickelt werden. So gesehen dürfte die chinesische Regierung alle Hebel in Bewegung setzen, die negativen Folgewirkungen aus dem Evergrande-Desaster so gering wie möglich zu halten. Im besten Fall gelingt es den Chinesen sogar, die aktuelle Krise dafür zu nutzen, Überhitzungen auf dem Immobilienmarkt und bei den Schattenbanken in kontrollierter Art und Weise abzubauen. 

Eine Sicherheit für den Erfolg einer solchen Strategie gibt es natürlich nicht. Doch im Gegensatz zu 2008, als die amerikanische Bank Lehman bei ihrem Überlebenskampf zuletzt kaum noch auf echte Hilfe bauen konnte, dürften die Retter dieses Mal stärker sein – immerhin stehen dahinter die Interessen eines der mächtigsten Länder der Erde. 

Börsen werden von China-Problemen auf dem falschen Fuß erwischt

An den Börsen werden derzeit die Risiken, die sich aus dem China-Desaster ergeben, höher eingeschätzt als die Chancen. Das hat nicht nur mit der chinesischen Situation zu tun, sondern auch mit der fragilen Verfassung, in der die westlichen Finanzmärkte stecken. Für Nervosität sorgt vor allem die Frage, ob es nach der starken konjunkturellen Erholung nach Corona und den mittlerweile eingetretenen Preissteigerungen nun nicht doch zu einer deutlichen Verschärfung der Geldpolitik kommt. Sollte etwa die amerikanische Notenbank Fed bei ihrem nächsten Treffen am Mittwoch die Abkehr von der expansiven Geldpolitik zu sehr in den Vordergrund rücken, könnte dies zu neuen Belastungen an den Börsen führen. 

Im Dax hat sich die Marktverfassung, die schon in den vergangenen Tagen angespannt war, nach dem China-Rutsch noch einmal verschlechtert. Von den großen Aktien, die letztlich die Tendenz des Gesamtmarktes bestimmen, hat es gleich mehrere erwischt: Allianz und BASF stehen seit Wochen unter Druck, jetzt drohen neue Abwärtstrends. Beide Branchen, Versicherungen und Chemie, wären von einer Ausweitung der Chinakrise besonders betroffen. Das gilt auch für die Fahrzeugwerte Daimler, Volkswagen, BMW und Continental, deren Aktien aktuell um ihren Trend kämpfen. Neuling Porsche kann derzeit die wichtige Marke um 80 Euro verteidigen.

Trotz Rückschlägen noch gut im Trend sind die Deutsche Telekom, Infineon, Deutsche Post, Linde und Merck; auch SAP kann sich weiter im positiven Mittelfeld behaupten. Relativ stabil ist E.On – defensive Dividendenwerte sind in Krisenzeiten besonders gefragt. Siemens hat einen gehörigen Dämpfer bekommen, verläuft aber weiter gut über der Unterstützungszone zwischen 135 und 140 Euro.

Bei den Dax-Neulingen Sartorius, Puma, Qiagen, Symrise und Brenntag setzen sich schon eingeleitete Korrekturen fort, die großen Trends aber sind intakt. Siemens Healthineers kommt bisher sogar unbeschadet durch die Turbulenzen; die Aktie gehört weiter zu den Favoriten im Dax. 

Bei nur noch 19 von 40 Dax-Aktien verlaufen die aktuellen Kurse oberhalb der 200-Tagelinie. Darin spiegelt sich ein unentschiedener Markt wider, der weit von einer gesunden Hausse-Quote entfernt ist, bei der 70 bis 80 Prozent der Einzelwerte oberhalb der 200er-Linie verlaufen. Das bedeutet: Zum ersten Mal, seitdem der Dax vom Coronatief aus eine starke Erholung geschafft hat, hat der Markt seinen Hausse-Charakter verloren. Die Kurse müssen deshalb nicht automatisch abstürzen. Doch das generelle Marktrisiko erhöht sich damit deutlich. Rückschläge sind nicht nicht mehr automatisch nur Korrekturen, sondern können auch Trendwenden nach unten einleiten. 

Der Dax hat in dieser angespannten Lage das Niveau um 15.400 Punkte erst einmal unterschritten. Hier lagen seit Ende Juli mehrere Tiefpunkte. Bisher gehalten hat die wichtige Marke um 15.000 Punkte. Auf diesem Niveau lag das Tief von Mitte Juli und zahlreiche Schlusskurse im April und Mai. Zudem dürfte in Kürze die von unten steigende 200-Tagelinie dieses Niveau erreichen. Die Zone um 15.000 Punkte könnte damit in den nächsten Wochen entscheidend dafür werden, ob der große Trend weitergeht oder abbricht. 



Fazit für den Dax: Eine Erholung auf Basis der wichtigen 15.000er-Zone ist erst einmal angelaufen. Dabei wird es wichtig, dass der Dax in den nächsten Tagen – möglichst bei lebhaftem Handelsvolumen – wieder über 15.400 kommt und dann besser noch über 15.800. Wenn er diesen Kraftakt schafft, dürfte die große Hausse sogar in eine neue Runde gehen. Auslöser dafür könnte eine versöhnliche Lösung des Problemfalls Evergrande werden und eine Notenbank Fed, die angesichts fragiler Finanzmärkte sehr behutsam bei der geplanten Rückführung ihrer großzügigen Geldpolitik vorgeht. Die Chancen für eine Fortsetzung des großen Trends gibt es – aber es wird so knapp wie noch nie seit Beginn der Coronahausse im Frühjahr 2020. 

Mehr zum Thema: Nach den Regeländerungen im Dax ist der erweiterte Leitindex ab dieser Woche mit 40 Werten in den Handel gestartet. Wer die zehn neuen Mitglieder sind und was die Erweiterung jetzt für Anleger bedeutet.

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