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Riedls Dax-Radar
Die Daimler-Aktie hat vom Börsengang der abgespaltenen Tochter Daimler Truck profitiert. Quelle: imago images

Corona als Katalysator der Hausse

Der jüngste Kursrutsch im Dax könnte zum Auslöser der nächsten Rally werden. Allerdings muss der Dax nun auch bald loslegen, denn er hat eine gefährliche, offene Flanke. 

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Die Angst vor den Folgen einer neuen Coronakrise hat die Stimmung an den weltweiten Börsen binnen weniger Tage radikal kippen lassen: Während im November nach dem Überschreiten der 16.000er-Marke im Dax eine Jahresendrally sicher eingeleitet schien, war die Enttäuschung danach um so größer. Der Dax sackte dabei im Tagesverlauf bis auf 15.000 Punkte ab; gemessen am wichtigeren Schlusskurs lag das Tief bisher bei 15.100 Punkten. Beide Werte liegen deutlich unterhalb der 200-Tagelinie. Dieser Durchschnitt, der aktuell bei 15.450 Punkten verläuft, zeigt den mittel- bis langfristigen Trend des Marktes. 

Der jüngste Absturz war so heftig, weil viele Börsianer noch den Coronacrash vom Februar 2020 im Hinterkopf hatten. Auch damals krachte der Dax erst deutlich unter die 200-Tagelinie, rappelte sich danach zu einer kurzen Erholung auf – nur um danach doch ins Bodenlose zu stürzen. 

Doch dieses Mal könnte es anders ablaufen – und das hat gute Gründe. Während 2020 die Wirtschaft in einer Schockstarre heruntergefahren wurde, läuft sie jetzt im Krisenmodus einfach weiter. Unternehmen, Behörden, Organisationen und Haushalte haben mittlerweile Wege gefunden, mit der Dauerpandemie zu leben. Für internetnahe Technologieunternehmen, Pharma, Medizin- und Biotech zum Vorteil; für Branchen wie Einzelhandel oder Touristik zum Nachteil.  Entscheidend für die Börse ist, dass die Konjunktur insgesamt gesehen weiterhin gut läuft: In der Eurozone liegen die Wachstumsraten für dieses und nächstes Jahr stabil zwischen vier und fünf Prozent. Im Umfeld zwischen Coronakrise, Inflationsdruck und Chipmangel ist das eine erstaunliche Leistung. 



Die zweite große Stütze der Märkte war und ist bisher die Notenbankpolitik. Hier hat sich im Zuge der Coronakrise die sehr expansive Linie der Protagonisten im Grunde nicht verändert. Ausgehend von der amerikanischen Fed findet bisher nur ein sehr vorsichtiges Zurückrudern statt, vor allem durch einen Abbau der Anleihekäufe. Eine offizielle Zinserhöhung ist kurzfristig aber trotz Inflationsdruck nicht in Sicht. An den Anleihemärkten haben sich die maßgeblichen Renditen der zehnjährigen US-Staatsbonds mit derzeit 1,5 Prozent etwa in der Mitte der seit Frühjahr ablaufenden Schwankungen eingependelt. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Anleihemärkte derzeit zwar sehr wohl die aktuelle Inflationierung im Auge haben, hier aber mittelfristig vorerst nicht mit einer nochmaligen Verschärfung rechnen. 

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    Der Mix aus starker Wirtschaft (und damit stabilen Unternehmensgewinnen) und niedrigen Zinsen ist das entscheidende Fundament für den großen Trend im Dax. Insgesamt gesehen ist dieses positive Szenario weiterhin intakt und es hat auch den jüngsten Coronarückschlag bisher gut verkraftet. Dennoch zeichnet sich im Dax bei den Einzelwerten immer deutlicher eine unterschiedliche Entwicklung ab. 

    Hoffnungsträger Daimler, VW, Bayer, Favoriten weiter ausgedünnt 

    Zu den Favoriten im Dax zählen weiterhin Daimler-Aktien, die nach der Abspaltung des Lastwagengeschäfts nun im Bereich um 70 Euro notieren. Mit Kursen um 28 Euro startet die Truck Group, die aus Gründen der Indexberechnung für einen Tag im Dax notiert, auf erwarteten Niveau. Rechnet man den Börsenwert der Truck Group von 23 Milliarden Euro mit den 76 Milliarden von Daimler (neu) zusammen, liegen die damit erreichten 99 Milliarden um sieben Milliarden Euro über dem Börsenwert des gesamten alten Daimlerkonzerns. Dieser kräftige Aufschlag ist ein Vorschuss, mit dem die Börse die bisherige Strategie und die neue Struktur von Daimler honoriert. Kurzfristig, nach der Rally der vergangenen Wochen, täte der Daimler-Aktie eine Kursberuhigung gut, aus der sich dann wieder Einstiegschancen ergeben sollten. 

    Die Stärke von Daimler ist umso bemerkenswerter, wenn sie der jüngsten Schwäche der Volkswagen-Aktie gegenübergestellt wird. Das spricht dafür, dass es sich bei der Diskussion um Konzernchef Herbert Diess nicht nur um eine Personalfrage gehandelt hat, sondern um eine tiefergehende, strategische Richtungsentscheidung. Die zielt zwar jetzt nach wie vor – das zeigt sich vor allem in dem 159 Milliarden Euro schweren Fünfjahresplan – klar in Richtung Elektromobilität. Doch die von Diess forcierte Rentabilisierung via Stellenabbau dürfte nun wahrscheinlich deutlich sanfter umgesetzt werden. (Lesen Sie hier unseren aktuellen Kommentar zur Diskussion um Herbert Diess.)

    VW-Aktien haben nach der Einigung um Diess auf der wichtigen Unterstützungszone um 160 Euro nach oben gedreht. Noch immer verläuft die Aktie aber weit unterhalb der 200-Tagelinie, die derzeit bei 206 Euro liegt. Der Markt wartet erst einmal ab, wie sich das neue Machtgefüge um Diess nun einspielt. Fundamental ist VW weiterhin günstig. Kurzfristig wäre ein Anstieg über 190 Euro ein wichtiges, mittelfristiges Kaufsignal. 

    Alles andere als ein Favorit, aber immer wieder ein Hoffnungswert, ist Bayer. Immerhin können die Leverkusener aktuell einen Teilerfolg in amerikanischen Glyphosat-Prozessen für sich verbuchen. Nun kommt es darauf an, ob der Oberste Gerichtshof in den USA sich mit diesem Fall näher beschäftigt. Die Entscheidung darüber soll am Montag, den 13. Dezember anstehen. Im positiven Fall könnte daraus für die Aktie ein Befreiungsschlag werden. Nach dem scharfen Kursrückgang der vergangenen Wochen konnte die Aktie im Bereich der jüngsten Tiefpunkte um 44/45 Euro mehrmals nach oben drehen. Langfristig könnte sich damit zwischen 44 und 52 Euro ein großer Kursboden ausbilden – wenn es keine neuen juristischen Enttäuschungen gibt. Im operativen Geschäft konnte Bayer seine Aussichten zuletzt etwas nach oben setzen. 

    Fazit für den Gesamtmarkt: Dass sich der Dax nach seinem Rutsch bis auf 15.000 Punkte nach wenigen Tagen wieder über den 200er-Durchschnitt gerettet hat, ist ein wichtiges Hoffnungszeichen. Im Oktober 2020 und im Oktober 2021, als der Dax letztmals unter die 200er-Linie tauchte, kam es in den Wochen danach zu einem starken Kursanstieg. Nach diesem positiven Muster könnte sich auch dieses Mal wieder aus der Angst vor dem Absturz eine Rally entwickeln: Corona wäre damit der Katalysator der Hausse. Die Chancen für dieses Szenario sind umso besser, je länger die relative Ruhe an den Anleihemärkten anhält. Die Renditen der zehnjährigen US-Bonds sollten hier weiterhin möglichst nicht über das Niveau um 1,70 bis 1,75 Prozent klettern. 

    Ein wachsendes Risiko im Dax stellt allerdings die Ausdünnung der Favoriten dar. Sie ist die offene Flanke: Nur noch bei 13 von 40 Dax-Aktien liegen die aktuellen Notierungen oberhalb der jeweiligen 200-Tagelinie. Stabile Aufwärtstrends weisen nur noch zehn Einzelwerte auf: Daimler, Infineon, Linde, Merck, Puma, Qiagen, Sartorius, Siemens, Siemens Healthineers und Symrise. Dazu kommen noch E.On und RWE mit einer zuletzt wieder erwachten Aufwärtsdynamik aus vorangegangenen Korrekturen. 

    Das bedeutet: Der Gesamtmarkt ist deutlich fragiler als es der insgesamt hohe Stand des Index widerspiegelt. Der Dax muss deshalb nicht gleich abstürzen; sehr wohl aber sollte er kurzfristig, also in den nächsten ein bis zwei Wochen, deutlich nach oben drehen – inklusive seiner gewichtigen aber zuletzt unentschiedenen Klassiker wie Allianz, BASF, Telekom, SAP und natürlich Volkswagen. 

    Mehr zum Thema: Daimler entlässt seine Lkw-Sparte in die Selbstständigkeit. Die Zukunft des neuen Konzerns Daimler Trucks hängt am neuen Technologiechef Andreas Gorbach. Der setzt vor allem auf Wasserstoff.

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